Depression ist keine Modeerscheinung

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Eigentlich sollte die Diagnose Depression längst ihren Schatten verloren haben. Die meisten von uns haben schon ihre Erfahrungen mit dieser Krankheit gemacht. Mit der Freundin, die zu oft traurig war, dem Vater, der sich oft antriebslos fühlte; mit dem Weltschmerz, der einen zu lange im Griff hatte. Schätzungsweise vier Millionen Deutsche leiden an dieser Krankheit und bei jedem dritten Mal, wenn der Notarzt anrückt, ist der Grund ein psychisches Leiden. Doch trotzdem wird das Thema Depression totgeschwiegen und tabuisiert – wahrscheinlich ein weiterer Grund, warum nur etwa 35 % aller Erkrankten professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen, lieber im Stillen ihre inneren Kämpfe austragen. Wir finden: Schluss mit Stigma. Und wenn das Schweigen gebrochen wird, sollte die Gesellschaft einfach mal zuhören.

 

Thank you for the tragedy. I need it for my art.

 

Musiker, Künstler, Philosophen – man könnte meinen, die Gesellschaft benutzt diejenigen, die nicht um neun im Büro sitzen müssen, um depressiven Phasen öffentlich Raum zu geben. „Thank you for the tragedy. I need it for my art“ schreibt Kurt Cobain in seinen zu Geld gemachten Tagebüchern und Picassos blaue Phase ist ein Ensemble, das zwischen Schwere und Weltruhm gemalt wurde. Wenn Depressionen und psychische Leiden Figuren der Devianz zugesprochen werden, dann weil sie scheinbar Geld daraus machen können. Und vielleicht ist es auch leichter, diese Krankheit zu verstehen, wenn es diejenigen trifft, die eh schon am Rand der gesellschaftlichen Normen leben. Depression wird dann zu einem Nimbus des Melancholischen stilisiert.

Doch gleichzeitig wird das Thema Depression so noch mehr zum Stigma, zu einem Kosmos an Unverständnis und Schweigen. Denn all diejenigen, die ein „perfektes“ oder zumindest normales Leben führen, wird die Möglichkeit abgesprochen, dass persönliche Veranlagungen von Schicksalsschlägen getriggert werden und zu dieser Krankheit führen können.

Doch Depressionen kann man durch diese Form von Othering nicht ausklammern. Nicht nur diejenigen, die ihrem Schmerz erwünscht Ausdruck verleihen dürfen, leiden an dieser Krankheit: Kollegen, Freunde, Familienmitglieder, sie alle fühlen sich vor die Wahl gestellt. Entweder sie gehen offen mit ihrer Krankheit um und riskieren es, von der Gesellschaft nicht mehr ernst genommen, als „Psycho“ abgestempelt zu werden, als künstliche Hochstapler. Oder sie verheimlichen ihre Depression, was die Genesung um einiges erschwert. Beides ist nicht berauschend. Aber einen dritten gangbaren Weg zu schaffen funktioniert nur, indem das Thema sein Tabu verliert. Und wir endlich anfangen darüber zu reden.

 

Das Gegenteil von Depression ist nicht Fröhlichkeit

 

Denn wenn weiterhin über Depressionen geschwiegen wird, bleibt es für die Betroffenen schwer, ihre Leiden zu kommunizieren; der Rest der Welt wird sich weiterhin schwertun, diese Situation zu verstehen und schlussendlich bleiben Vorurteile bestehen.

So erzählt Andrew Solomon in einem berührenden und sehr persönlichen TED Talk: „The opposite of depression is not happiness. But vitality.” Ich glaube, dass dieser Gedankentwist für mehr Verständnis sorgt. Denn leichthin existiert der Gedanke, Depressive bräuchten nur ein bisschen „Aufheiterung“. Das aber verharmlost das Krankheitsbild und trägt nichts zum Heilungsprozess bei.

Und weil diese Krankheit eine psychische ist, kann man sie auch nicht an einem Grumpy Face erkennen. Oft ist sogar das Gegenteil der Fall, denn Erkrankte versuchen gerade nicht als depressiv zu erscheinen und müssen so nicht nur gegen ihre eigene Antriebslosigkeit kämpfen, sondern auch krampfhaft ihr Image aufrechterhalten.

 

What you don’t see

 

Deswegen sammeln sich unter dem Hashtag #whatyoudontsee Bekenntnisse zu Selbstzweifeln, Einsamkeit und Isolation, Geschichten von der Schwierigkeit den Alltag zu meistern, in die glückliche-perfekte Welt zu passen, die eigene Funktionalität zu faken. Geschichten, die jedem von uns irgendwie bekannt vorkommen. Diese mutige Aktion von Blurt macht zum einen die Schwere der Krankheit sichtbar, zum anderen gibt sie den Betroffenen das Gefühl nicht alleine zu sein.

Dass gerade der Wunsch nach Gemeinschaft und Verständnis mit diesem Hashtag – einem Zeichen der öffentlichen Solidarisierung – adressiert wird, sollte uns hellhörig werden lassen. Gerade weil das Thema so viele betrifft, und jeder einzelne aus seiner Geschichte ein Geheimnis machen muss, sollte das Schweigen gebrochen werden. Und denjenigen, die ganz nah an der Krankheit sind und doch nicht mittendrin, bleibt dann nur noch eins: zuhören. Einfach zuhören.

 

 

 

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Bildquelle: Volkan Olmez unter CC0

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