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Ich wünschte, ich könnte über meine Depression reden wie über eine Grippe

Rund vier Millionen Deutsche leiden an Depressionen. Darüber reden wollen die wenigsten.

„Ich habe Depressionen.“ – Wie wäre deine Reaktion darauf?

Im Gegensatz zu vielen anderen Depressiven habe ich das Glück, nur ein paar Mal im Jahr von meiner Depression so aus der Bahn geworfen zu werden, dass ich für mehrere Tage oder Wochen ausfalle. Den Rest der Zeit arbeite, studiere, lebe ich wie ein gesunder Mensch. Was mit mir los ist, wenn ich auf einmal von der Bildfläche verschwinde, wissen nur meine engsten Freunde. Niemals käme ich auf die Idee, mit meiner Erkrankung so frei umzugehen, wie es Künstler wie Nico Semsrott oder Tobi Katze tun. Zu groß ist die begründete Angst vor dem Stigma, das dir anhaftet, sobald du den Satz, der nicht genannt werden darf, aussprichst: „Ich habe Depressionen.“

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Die meisten Personen zeigen auf diesen Satz drei mögliche Reaktionen. Erstens: Sie werden unsicher, nervös, wechseln das Thema, behandeln dich, wenn sie dich das nächste Mal sehen, wie ein rohes Ei. Zweitens: Sie zeigen sich skeptisch und schmeißen mit Floskeln wie „Schlechte Laune haben wir doch alle mal“ um sich. Oder drittens: Sie denken kurz nach, wollen vielleicht mehr darüber wissen und sagen am Ende: „Sag mir, ob ich dir irgendwie helfen kann.“

Zuhören, Verständnis zeigen, Hilfe anbieten

Eh klar, dass die dritte Reaktion die einzig richtige ist. Nur: Ich erlebe sie viel zu selten. Und da kommt die Grippe-Ausrede ins Spiel. Eine laufende Nase, nervigen Husten oder Gliederschmerzen hatten wir alle schon einmal. Deshalb sympathisieren Außenstehende auch mit Grippe-Patienten. Sie wissen ja, wie scheiße sich das anfühlt, und wissen außerdem, dass eine Grippe niemanden zum chronisch Kranken macht. Eine depressive Phase erleben dagegen „nur“ rund zehn Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens.

Das allgemeine Verständnis für psychische Erkrankungen ist in den letzten Jahren trotzdem deutlich angestiegen, und das ist eine fantastische Entwicklung. Der Status quo reicht aber noch nicht aus. Irgendwann will ich über meine Depressionen so reden können, als hätte ich gerade eine miese Grippe überstanden. Ohne Angst, von nun an als Psycho zu gelten. Ohne erklären zu müssen, warum ich dann so gut gelaunt sei und überhaupt nicht aussehe, wie man sich einen Depressiven so vorstellt. Ich wünsche mir, dass Depressionen bald nicht mehr behandelt werden, als wären sie etwas Mysteriöses, Unberechenbares, etwas, das den Patienten nach und nach zu einem lebensunwilligen Zombie werden lässt. Depressionen sind eine Krankheit, die man in den Griff kriegen kann, nichts anderes.

Kommentare

  1. Ganz großartig!
    Meine „engen“ Leute wissen Bescheid, auf der Arbeit auch so einige. Ich habe Depressionen schon seit gut 30 Jahren, also seit frühester Jugend, hab aber erst vor sieben Jahren die Diagnose bekommen. So lange dachte ich, ich sei falsch, schuld, verrückt. Mittlerweile gehe ich immer offener damit um, bin aber auch immer noch vorsichtig, da ich pädagogisch mit Kindern arbeite und (natürlich?!) Angst habe, dass ich da Schwierigkeiten bekomme. Aber ich habe das Ziel, in nicht allzu ferner Zukunft genauso mit meiner Krankheit umzugehen wie Diabetiker, Migränepatienten oder eben Menschen mit Grippe!

    C / Antworten
  2. Hey Maxi,
    ich wollt dir nur mal eben ein dickes „Respekt“ da lassen. Dafür, dass du den Artikel verfasst & damit wahrscheinlich vielen, denen es ähnlich geht, aus der Seele gesprochen hast!
    Ich persönlich gehe sehr offen damit um & muss zum einen sagen, dass ich immer öfter für mich positive Reaktionen bekomme! Daher einfach nochmal der Appell an euch alle: Seid offen mit euren Depressionen und klärt so viele Leute wie möglich in eurem Freundes- und Bekanntenkreis darüber auf, wie so eine depressive Phase aussieht. Wir haben alle eine gewisse Verantwortung, wenn wir wollen, dass wir in naher Zukunft besser verstanden werden.

    Denn die negativen Reaktionen, die ich leider auch immer noch viel zu häufig erlebe, sind schmerzlich. Da heißt es dann beispielsweise von der Schwiegermutter in Spe „Wärst du ein bisschen stärker, würde es meinem Sohn sicher auch besser gehen!“ Wir leiden beide unter Depressionen, fyi. Auch die, sicherlich gut gemeinten, aber völlig fehl platzierten Tipps á la „einfach Zucker weglassen. Der löst die Depression aus“; „musst nur mal zu unserer [beliebige Religion hier einfügen] Bibelstunde kommen! Das hilft vielen Depressiven!“ empfinde ich eher erniedrigend als hilfreich.

    Daher habe ich beschlossen, genau diesen Menschen von meiner Depression & all den unzähligen Dingen, die ich schon dagegen unternommen habe, zu erzählen. Nicht aufdringlich, sondern sehr behutsam. Ich denke, nur so können wir das Verständnis für Depressionen und andere psychische Krankheiten langfristig steigern.

    smokey_joey23 / Antworten

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