Deutsche Identität: Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Deutsche Identität Wer Bin Ich Und Wie Viele

Aus und vorbei. Der zweimonatige EM (oder WM) -Wahnsinn, der alle zwei Jahre die Nation in Aufruhr versetzt, ist wieder vorbei. Die Supermärkte schmeißen die Schwarz-Rot-Goldbären zum Schnäppchenpreis raus, die Fan-Mäuschen verbannen die Abseitsregel wieder aus dem Kurzzeit-Gedächtnis und die Fahnen an den Balkons werden wieder eingerollt. Außerhalb des Meisterschafts-Feelings fühlen wir uns mit Fahnen eher unwohl. Genauso, wie mit Nationalstolz. Worauf könnten wir denn stolz sein? Und was ist überhaupt typisch deutsch?

 

Das Prinzip Nationalstaat ist ein europäisches

 

Deutschland scheint der Sonderling unter den westlichen Industriestaaten zu sein, das einzige Land, das es nicht schafft, stolz zu sein, Patriotismus und eine nationale Identität zu entwickeln. Aber warum denken wir überhaupt in solchen Kategorien? Was bedeutet eigentlich Nation?
So richtig hat die Sache mit den Nationalstaaten erst vor rund 200 Jahren angefangen. Verfolgte Engländer wanderten aus und gründeten die USA, die Franzosen machten Revolution und gründeten Frankreich als Nationalstaat. 1871 riefen Fürsten und Adlige das deutsche Kaiserreich und damit den ersten einheitlichen deutschen Staat aus. Auffällig hierbei: Das Prinzip Nationalstaat ist ein europäisches, das exportiert wurde.

 

Einigkeit heißt immer auch Abgrenzung

 

Der Nationalstaat hat vereint und war meistens ein Fortschritt im Gegensatz zur Monarchie. Trotzdem hat fast jeder Gründungsmythos einen dunklen Nebenschauplatz, der gerne mal ausgeblendet wird. Die englischen Protestanten flohen vor der Verfolgung, mussten aber erstmal hunderte Ureinwohner vertreiben und umbringen, um sich standesgemäß auszubreiten. Die deutsche Staatsgründung war bekanntlich das Ergebnis des deutsch-französischen Krieges. Als Akt der Staatsgründung ist die Krönung des ersten Kaisers ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Viel relevanter als die Krönung war aber die Demütigung der Franzosen: Die Zeremonie fand in Versailles statt. Einigkeit heißt also immer auch Abgrenzung. Dadurch wird der Nationalismus zur Ersatzreligion.

Die Menschen definieren sich nicht mehr über Gott und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde, sondern über ihre Staatsangehörigkeit. Das beschreibt auch der Politikwissenschaftler Benedict Anderson. Er spricht von Nationen als „vorgestellte Gemeinschaften“. Die gemeinsame Sprache, der Rückblick auf eine vermeintlich gemeinsame Geschichte schweißt die Leute zusammen. Obwohl man die Leute am anderen Ende des Landes mit neu gezogenen Grenzen gar nicht kennt, identifiziert man sich mit ihnen. Sie könnten eine ganz andere Kultur leben – aber durch die Zugehörigkeit zum deutschen Volk geht man automatisch von den Gemeinsamkeiten aus.

 

Was ist eigentlich typisch deutsch?

 

Das, was Pegida, AfD und alle Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Meckerer in Gefahr sehen, ist also ein 200 Jahre altes Konzept, das in erster Linie auf Konstrukten basiert. Bis 1871 war Deutschland nämlich noch ein Flickenteppich. Alle 200 Kilometer sprachen die Leute einen anderen Dialekt und abgesehen von der räumlichen Nähe und dem Christentum gab es nicht viel verbindendes.

Wenn man jetzt jemanden fragt, was eigentlich typisch deutsch ist, folgt meistens Stille. Gefolgt von etwas wie „Bier, Bratwurst und Pünktlichkeit“. Das mag daran liegen, dass für eine nationale Identität eher die Erinnerung und das kollektive Gedächtnis ausschlaggebend sind. Im deutschen Gedächtnis sind zwei Weltkriege, der Holocaust und die deutsch-deutsche Teilung. Nichts also, worauf man stolz sein könnte oder womit man sich besonders gerne identifiziert. Am Nationalstolz spaltet sich die Gesellschaft: Die einen sind stolz auf Deutschland, weil man das halt so macht. Andere Länder hätten auch Kriege und Diktaturen hinter sich und seien trotzdem sehr patriotisch. Die anderen stellen das ganze Konzept des Nationalstolzes in Frage. Das ganze System der Nation und erst recht des Nationalstolzes sei veraltet und niemand sollte auf das Land, in dem er geboren wurde, stolz sein.

 

Gibt es die deutsche Identität nur durch den Fußball?

 

Deutsche Identität zu definieren, ist also gar nicht mehr so relevant, weil wir dabei letzten Endes sowieso nur ein 200 Jahre altes Konstrukt aufrechterhalten. Der internationale Fußball hilft dabei, diese Antiquität wieder aufleben zu lassen. Das erkannten die Soziologen Verena Scheuble und Michael Wehner: „Nur noch der Sport, und in Deutschland fast ausschließlich der Volkssport Fußball, ist in Friedenszeiten in der Lage, das „Nationalgefühl“ in der Bevölkerung zu mobilisieren.“ Auch, wenn wir uns größtenteils vom Nationalstaat verabschiedet haben, lässt uns der Fußball zu Patrioten werden. Wir identifizieren uns wieder mit dem Konstrukt der Nation und machen uns die Welt für ein paar Wochen simpler, als sie eigentlich ist. Vermutlich ist das auch der Grund, weshalb dieses Konstrukt so lange durchgehalten hat: Die Welt zu verstehen, ist gleich viel einfacher, wenn man sie in Staaten aufteilen und Feindbilder verteilen kann.

 

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Bildquelle: Lilit Matevosyan unter CC BY-ND 2.0

 

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