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Donna Missal: Kann Musik die Gesellschaft verändern?

Ein Gespräch über die Bedeutung von Musik für sozialen Wandel und warum man etwas riskieren muss, um zu sich selbst zu finden.

Die Musik von Donna Missal ist unmöglich in ein Genre einzuordnen. R’n’B, Alternative, Pop – nichts scheint so richtig zu passen. Mangels passender Beschreibung und weil ihre Musik häufig von Poledancerinnen als Hintergrundmusik verwendet wurde, bezeichnet Donna Missal sie selbst als „feministische Stripperinnen Musik„. Die 29-Jährige Sängerin tourt gerade mit Lewis Capaldi durch Europa. Wir haben sie vor ihrem Auftritt in München getroffen.

ZEITjUNG: Bist du zum ersten Mal in Europa?

Donna: Also das ist gerade meine erste Europa-Tour, ja. Ich bin so glücklich, das machen zu dürfen. Ich komme aus einer Mittelschicht-Familie aus New Jersey, wir sind nie viel in den Urlaub gefahren, weil meine Eltern sich das mit sechs Kindern schlicht nicht hätten leisten können. Ich hätte mir nie zu träumen erlaubt, dass mich meine Musik mal an so weit entfernte Orte bringen kann.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Mein Vater war ein Musiker und Songwriter in den 80er Jahren und hat dann, als er seine Familie gegründet hat, einen festen Beruf angenommen. Als Musiker hat man oft nicht die Sicherheit, die er sich gewünscht hat. Er hatte aber noch all seine Aufnahmerequisiten, mit denen er in unserem Keller ein kleines Tonstudio aufgebaut hat. Aus diesem Grund mache ich wirklich schon immer Musik. Die Musik war schon immer das Fundament, auf dem ich mein Leben aufgebaut habe.

Also war das für dich eine natürliche Entscheidung, zu sagen, ich mache das jetzt beruflich?

Diesen Moment, zu sagen, ich mache das jetzt, den hatte ich so nie. Es hat sich ganz natürlich entwickelt. Ich bin schon immer aufgetreten und habe gesungen, schon als Kind. Wenn man sich traut, mit seinen Talenten und Fähigkeiten an die Öffentlichkeit zu gehen, dann fügen sich die Dinge oft einfach. Ich begann in Gemeindetheatern aufzutreten und habe danach eine Highschool mit Fokus auf Gesang und Theater besucht. Ich war in verschiedenen Bands und bin als Demo-Sängerin aufgetreten. Dinge entwicklen sich, du lernst Leute kennen, und das Eine führt dann zum Anderen. In der Musikindustrie musst du die Dinge einfach passieren lassen, mit dem Flow gehen, und dich darauf einlassen.

Setzt sich Talent also immer irgendwie natürlich durch?

Ich hoffe doch! Es gibt so viele Leute mit Talent. Ich glaube, es ist eine merkwürdige Mischung aus Talent, Willen, Fleiß und Leidenschaft, die letztendlich dazu führt, dass Menschen erfolgreich sind. Und nicht aufgeben. Das ist das Allerwichtigste! Die Zeichen deuten meistens darauf hin, dass es nicht passieren wird. Davon darf man sich nicht entmutigen lassen. Irgendwie kommt man dahin, wo man hinmöchte.

Apropos hinkommen, wo man hinmöchte. Das Album, mit dem du gerade auf Tour bist, ist dein erstes Solo-Album. Wie fühlt sich das an?

Ich habe dieses Album über Jahre hinweg geschrieben. Ich wusste immer, dass ich die Art Künstlerin sein möchte, die Alben macht, auch wenn der gegenwärtige Musikmarkt auf Singles ausgerichtet ist. Den Musikkörper eines Künstlers kennenzulernen, ein Album in den Händen zu halten, das habe ich immer bewundert, das war für mich der Inbegriff von „Musik machen“. Das wollte ich immer machen, das war alles was ich jemals im Leben machen wollte. Und seit einem Jahr darf ich dieses Album jetzt auf Tour weitertragen. Ich liebe es, Alben zu machen, ich arbeite gerade an einem neuen Album. Ich will Alben machen, bis ich sterbe.

Du hast mal gesagt, dein aktuelles Album „This Time“ sei darüber, etwas im Leben zu riskieren, um sich selbst zu finden. Kannst du das erklären?

Das Album geht um Zeit und die Aufmerksamkeit, die wir ihr schenken. Um unsere absolute Besessenheit mit der Zeiteinteilung. In meinem Leben war das ein wahnsinnig präsentes Thema, diese Mentalität, dass mir die Zeit ausgeht, dass ich meine Chance verpasst habe, dass ich zu alt bin, dass ich meinen Wert verliere, je älter ich werde. Das Thema ist, glaube ich, für jeden so wahnsinnig relevant. Wer bin ich? Was will ich vom Leben, und wann will ich es erreicht haben? Diese Vorstellung, dass die Zeit begrenzt ist, ist einfach nicht wahr. Du musst deine Zeit finden und sie für dich nutzen. Das wollte ich rüberbringen, in meinem Album und auch auf der Bühne. Wenn du etwas willst, nimm es dir, auch wenn du das Gefühl hast, deine Zeit wäre vorbei. Gerade Frauen haben damit oft Probleme.

Ist dein Album also ein feministisches Album?

Natürlich. Alles was ich tue, ist feministisch. Ich glaube an die Gleichheit aller Menschen, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung. Jeder sollte ein Feminist sein.

Kann Musik die Art, wie die Gesellschaft denkt, verändern?

Ja, total. Musik diktiert die Kultur, Musik sagt uns, woran wir glauben sollen. Musik gibt uns Hoffnung, Musik erlaubt uns, uns auf die wichtigen Dinge zu fokussieren, beleuchtet die dunklen Ecken, betont unsere Gemeinsamkeiten, unsere Emotionen. Musik ist für mich die Definition von Kultur. Es ist die Sprache der Welt.

Welche Alben haben denn für dich die Welt verändert?

Etta James – At Last*

Frank Ocean – Blonde*

Liz Phair – Exile in Guyville*

Nirvana – Come as You Are*

Und R’n’B Musik im Allgemeinen, das war das erste Genre von Musik, bei dem ich wirklich bewusst realisiert habe; ich will Sängerin sein. Alicia Keys, Destiny’s Child, starke Frauen in der Musik, das liebe ich. Das war schon immer meine größte Inspiration. Ich fühle mich stark, wenn ich diesen Leuten zuhöre. Das möchte ich auch bei meinen Konzerten erreichen.

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Hast du das Gefühl, die Leute fühlen sich stark nach deinem Konzert?

Ja, das habe ich. Das ist mein größtes Ziel. Es ist ein wenig anders, wenn man als Opener auftritt, wie ich momentan für Lewis Capaldi. All diese Leute, die den ganzen Tag warten, um den Künstler zu sehen, vor dem du auftrittst. Deine einzige Hoffnung ist es, die Bühne zu verlassen und dass sich zumindest ein paar Leute denken, da habe ich etwas gefühlt. Das ist mein Ziel auf dieser Tour. Das ist, auf eine sehr coole Art und Weise, ganz anders als seine eigene Tour zu spielen. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich das machen darf, was ich tue.

Auf was freust du dich besonders bei den kommenden Konzerten?

Wir spielen in Wien, in Madrid, in Barcelona. Ich habe hier die Zeit meines Lebens. Ich freue mich einfach nur, Musik machen zu dürfen. Es ist etwas ganz besonderes, seine Musik in ein anderes Land zu bringen, als sein Heimatland. Das erinnert mich immer wieder aufs Neue daran, warum ich die Strapazen des Tour-Lebens auf mich nehme. Und das ist so wichtig, weil es wirklich nicht leicht ist. Ich freue mich auf jede Performance. Jede Show ist eine neue Erfahrung.

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Bildquelle: Malia James

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