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Internationaler Männertag: Was bedeutet Männlichkeit?

Am 19. November ist Internationaler Männertag. Aber was bedeutet es eigentlich, in der heutigen Zeit ein Mann zu sein? Wir haben drei gefragt.

Jungs müssen sich raufen. Jungs dürfen nicht weinen. Männer müssen stark sein, Bier trinken und über Fußball reden. Weil Männer das eben so machen. Über Gefühle reden, schüchtern sein und Schwäche zeigen, gehört nicht dazu. In unserer Gesellschaft gibt es ziemlich genaue Vorstellungen davon, was es heißt, männlich zu sein. Gerade in der Debatte um Gleichberechtigung wird dieses Konzept jedoch immer öfter in Frage gestellt.

Ein Vater, ein schwuler Fußballer und ein Schüler

Zum internationalen Männertag haben wir drei junge Männer gefragt, was es für sie heißt, ein Mann zu sein. Christoph hat seit einem Jahr eine Tochter und möchte für sie ein Vater sein, der Liebe und Zärtlichkeit zeigt. Emre sagt, er kann schwul und männlich gleichzeitig sein und glaubt sowieso nicht an Rollenbilder. Ben findet ein bisschen Konkurrenzkampf unter Männern nicht schlimm, lässt sich aber von den „Bizepsvergleichen“ seiner Mitschüler nicht unter Druck setzen. Alle drei finden: Geschlechterrollen sind veraltet, es hat sich viel getan.

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Christoph, 22, Kraftfahrer

Für mich bedeutet männlich sein nicht Fußball gucken und über Frauen reden, sondern klassische Werte: sein Wort halten, ehrlich sein, seine Familie ehren. Seit letztem Jahr heißt das für mich auch, der Vaterrolle gerecht zu werden. Nicht nur über das finanzielle, sondern auch in Form von Präsenz, Liebe und Mitgefühl. Das ist für mich Männlichkeit, auch wenn das bei vielen vielleicht anders ist. Und es sind Werte, die ich an mein Kind weitergeben will.

Für mich war die Geburt meiner Tochter kein krasser Wechsel vom harten Kerl zum liebevollen Vater, ich hätte mich schon früher eher als sensibel beschrieben. Das ganze Leben dreht sich um Emotionen, der Umgang damit bestimmt unseren Alltag. Je nachdem, wie sehr wir uns auf unsere Gefühle einlassen, desto mehr Intensität erleben wir in unserem Leben. Viele, die möglichst „männlich“ und hart sein wollen, grenzen sich in meinen Augen in ihrer persönlichen Entwicklung ein. Als Heranwachsender habe ich bestimmte Sachen nicht gemacht oder bestimmte Klamotten in lachsfarben oder mintgrün nicht getragen, weil ich mir Gedanken gemacht habe, das könnte unmännlich wirken. Gerade mit 15 oder 16 Jahren ist man für äußere Einflüsse sehr empfänglich und definiert sich vor allem über die soziale Gruppe. Da ist der Druck, als Junge besonders männlich zu sein, viel höher.

Wenn man älter wird, liegt es aber meiner Meinung nach an jedem selbst, gewisse Dinge abzulegen oder beizubehalten. Man sollte sich von nichts abhalten lassen, nur weil es klassisch männlich oder weiblich ist. Meine Tochter soll später das machen, worauf sie Lust hat. Wenn sie gerne mit Barbiepuppen spielen will und zum Ballett geht, ist das in Ordnung. Wenn sie lieber mit Lego spielen oder zum Kickboxen will, ist das auch in Ordnung. Sie soll sich frei entfalten und ihre Stärken und Schwächen selbst finden. Ich unterstütze sie, egal, wohin die Reise geht.

Natürlich ist eine Frau in gewisser Weise anders als ein Mann. Aber eben nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Im Haushalt müssen Männer und Frauen beide ihren Beitrag leisten. Dabei ist es egal, ob der Mann kocht und die Frau das Bad putzt oder andersrum. Ich unterteile das nicht in irgendwelche klassischen Geschlechterbilder, das richtet sich nach den Stärken und Schwächen des jeweiligen Partners. Meine Freundin ist handwerklich zum Beispiel viel begabter, ich übernehme dafür abends gerne das Kochen. Nach der Geburt habe ich zwei Monate Elternzeit genommen. Es war eine tolle Erfahrung, viel Zeit mit meiner Tochter verbringen zu können und einen anderen Zugriff auf ihre Erziehung zu haben. Auch das ist ein Aspekt des Lebens, zu dem Mann und Frau gleichberechtigt ihren Teil beitragen sollten.

Bildquelle: privat

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Emre, 28, Employee Relations Consultant

Mich macht es ein bisschen sauer und traurig, wenn ich immer wieder lese: Der Mann muss stark sein, der Mann muss bestimmte Interessen vertreten, der Mann muss bestimmte Meinungen zu bestimmten Themen haben. Für mich zeichnet Männlichkeit eben nicht dieses Klischeebild aus, sondern es ist eine Facette aus vielen Bildern. Dass man eben auch mal traurig sein kann oder dass man als Mann auch Feminines an sich hat.

Viele meiner Hetero-Freunde sagen mir öfter: „Emre, du bist überhaupt nicht schwul, weil du so männlich bist. Du spielst Fußball, du hast keine weiblichen Züge an dir, wenn du sprichst. Manchmal machst du typische Männerwitze.“ Nach dem Motto: Entweder man ist männlich oder man ist schwul. Auch auf dem Platz höre ich öfter, dass Fußball spielen und Schwulsein nicht zusammenpasst. Für mich ist klar: Ich kann beides sein. Ich kann genau die gleichen Interessen haben wie ein heterosexueller Mann. Wenn Frauen sagen: Du bist schwul, du musst doch Shoppen mögen, nervt mich das genauso. Ich hasse Shoppen.

Das finde ich eigentlich das Schöne am Schwulsein, dass man dieses Mannsbild gar nicht hat. Dass man als Mann in der Beziehung die Rolle des Beschützers und des Beschützten annehmen kann. Ich bin überhaupt kein Fan von klaren Rollenverhältnissen. Einmal, weil es sowieso gegen meinen homosexuellen Lebensstil geht und auch, weil nämlich dann erst der Druck entsteht, dass man in die Rolle reinpassen muss. Ich bin sowieso schon immer mit einem ganz anderen Rollenbild aufgewachsen. Meine Mutter war alleinerziehend, sie war genauso „Mann“ und hat Geld verdient, sie war genauso „Frau“ und hat Zuhause Essen gemacht und sich gekümmert.

Von anderen Jugendlichen habe ich allerdings öfter Kommentare bekommen, wenn ich was Untypisches gemacht habe. Als Kind habe ich super gerne gebastelt. Ich war sehr kreativ veranlagt und habe im Jugendzentrum mit der Betreuerin gebastelt – bis die Kommentare kamen. Das sei nur was für Frauen, ein „Mädelsding“. Da dachte ich mir: Oh Gott, ich will bloß nicht als Mädel dastehen, dann hör ich lieber damit auf. Ich hoffe, dass die Leute mal aufwachen und merken, dass diese Rollenbilder und Stigmen veraltet sind. Ich kann männlich sein und Trauer zeigen oder Geborgenheit suchen, ich kann weiblich sein und auch als Frau stark sein und Geborgenheit geben.

Bildquelle: privat

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Ben, 17, Schüler

Was Männlichkeit eigentlich ist, finde ich heutzutage schwierig zu definieren. Die Rollenbilder haben sich mittlerweile stark verändert. Ich verbinde Männlichkeit mit bestimmten Eigenschaften: Stolz, Selbstachtung, einen eigenen Standpunkt zu haben und für den auch einzustehen. Wenn jemand den angreift, sollte man das nicht auf sich sitzen lassen. Ich persönlich bin jemand, der meistens starke Meinungen vertritt und gerne diskutiert – aber konstruktiv. All diese Eigenschaften können natürlich auch Frauen haben. Aber Männer zeigen sie meistens stärker, Frauen sind da oft zurückhaltender.

Ich finde es schön, dass bei uns heute eigentlich jeder die Freiheit hat, nicht nach irgendwelchen Rollenbildern leben zu müssen. Wenn ein Junge reiten will und ein Mädchen Fußball spielen, dann sollen sie das gerne machen. In der Arbeitswelt kann eigentlich auch jeder jeden Job ausführen. Männer und Frauen sind aber trotz allem nicht gleich. Männer haben, glaube ich, eine stärkere Konkurrenz untereinander, zeigen mehr Aggressivität, müssen den „Dicken“ raushängen lassen. In meinem Freundeskreis findet auch so ein gelegentlicher „Bizepsvergleich“ statt. Ich finde es nicht schlecht, wenn es ein bisschen Konkurrenz gibt. Für mich zeigt es zum Beispiel Stärke in einem Mann, wenn er um eine Frau kämpft und sich gegen andere durchsetzt. Ich fühle mich davon selten unter Druck gesetzt. Ich habe mich eigentlich noch nie mit dem „Normalen“ identifizieren können und gelernt, darauf zu scheißen, was andere sagen.

Klar, vielleicht mache ich manche Sachen nicht, weil sie als „unmännlich“ gelten, aber ich fühle mich nicht eingeschränkt, als Mann nur bestimmte Sachen machen zu dürfen und andere nicht. Ich habe zwar Freunde, mit denen ich mich über „männerstereotypische“ Dinge unterhalte: Fitness, Fußball, Autos. Aber ich würde mich mit Frauen genauso darüber unterhalten, wenn sie daran interessiert sind und was davon verstehen. Bei meinen Eltern sehe ich noch Überreste alter Rollenbilder: Mein Vater geht mehr arbeiten als meine Mutter, sie arbeitet in Teilzeit. Ich kann mir vorstellen, das anders zu machen. Wenn meine Frau später sagt, sie möchte Karriere machen, dann trete ich gerne zurück und kümmer mich um die Kinder.

Bildquelle: privat

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Beitragsbild via Unsplash unter CC0 Lizenz

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