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Du bist ein Arsch, aber nimm es nicht persönlich!

„Ich will dich nicht kritisieren, aber…“ doch, eigentlich schon. Kritik verteilen wir gerne und auch ungefragt. Aber wie können wir wirklich gut Kritik üben? Eine Anleitung.

„Soll das versteckte Kritik sein?“- „Nein, offene!“ Oh, wir sind Meister des Kritisierens und Verurteilens. Ob still oder laut, die Fehler der Mitmenschen kitzeln wir nur allzu gern heraus. Manche unserer Freundinnen erziehen mit subtiler Kritik ihre Männer, unsere Eltern schaffen es immer wieder uns mit einem Blick in die Kindheit zurück zu werfen und uns unmündig zu fühlen, und manche Kumpels kritisieren mit der Masche des Mansplaining andere Frauen in ihrem direkten Umfeld. Kritik wird uns meistens immer mit dem Wort „konstruktiv“ ans Herz gelegt – aber eigentlich ist sie das meistens nicht.

 

„Kannste schon so machen. Is‘ dann halt scheiße!“

 

Menschen sind verletzliche Wesen, manche mehr und manche noch viel mehr. Zwischen zwanzig Komplimenten versteckt sich eine kleine schiefe Bemerkung und genau diese ist perfide. Sie schafft es, einfach alles Positive in ein schwarzes Loch zu katapultieren. „Ich sehe heute ganz besonders gut aus? Willst du damit sagen, ich sehe sonst scheiße aus?“ Ungefähr so. Da wir zwischenmenschlichen Beziehungen nicht entkommen können – und eigentlich ja auch nicht wollen – ist es wichtig, dass wir uns nicht alle vergraulen, nur weil wir mal wieder ungefragt mit Kritik ankamen. Oder etwas gar nicht als Kritik meinten, es einem aber als solche ausgelegt wurde.

Bevor wir etwas ansprechen, das wir in unserem Lebensbild mal als falsch oder störend abgespeichert haben, sollten wir uns überlegen, wie wir am liebsten kritisiert werden möchten. Am liebsten gar nicht, ich weiß. Da die Welt aber kein Süßigkeitenladen ist, brauchen wir ein paar Stationen des Kritikübens, damit die Situation nicht eskaliert.

 

Wähle den richtigen Zeitpunkt!

 

Einen unpassenden Moment als solchen zu erkennen, ist per se nicht schwer. Sind wir gerade mit der Person unter anderen Menschen? Dann halt die Klappe, niemand möchte vor anderen als schlechter oder unfähiger Mensch dargestellt werden. Ist die Person gerade im Stress? Tu dir selbst einen Gefallen und warte auf etwas Ruhe, ansonsten wird dein Objekt der Kritik wahrscheinlich eher einen Nervenzusammenbruch bekommen, als dass es sich das zu Herzen nehmen könnte, was du zu sagen hast. Wenn wir die komplette Aufmerksamkeit und die nötige Zeit mit dem betroffenen Menschen haben, können wir loslegen. Und zwar so viel Zeit, dass sich der andere auch dazu äußern und Stellung beziehen kann.

 

Unterstelle nichts und vermeide wilde Vermutungen über die Beweggründe!

 

Das klappt nämlich meistens nicht. Viel zu oft schließen wir von uns auf andere und legen viel mehr unsere eigenen schlechten Eigenschaften dar, als die unseres Gegenübers. Hat sich eine Person beispielsweise schon lange nicht mehr bei uns gemeldet, dann neigen wir dazu wild zu spekulieren. „Ist sie sauer? Wenn ja, warum? Was los, Digga – du hast keinen Grund sauer zu sein! Jetzt bin ich sauer!“ Tatsächlich haben die meisten Menschen gute Gründe, wenn sie sich eine gewisse Zeit zurückhalten. Weil sie viel zu tun haben oder es ihnen gerade nicht gut geht. Dass es uns verunsichert, ist natürlich klar – aber wir können die Gründe einfach nicht wissen, wenn wir nicht fragen, was denn eigentlich los ist. Und das im besten Fall, bevor wir eine wütende Nachricht an die betroffene Person schicken.

 

Erkläre, wie du dich fühlst!

 

„Wenn du dich so verhältst, fühlt sich das so bei mir an!“ Eine solche Formulierung umgeht nicht nur die direkte Schuldzuweisung, sondern erhellt vielleicht auch ein bisschen deinen eigenen Part in dem dramatischen Theaterstück der Verletzlichkeit. Für uns selbst ist es ja auch spannend zu kapieren, warum wir uns dann eigentlich so fühlen, wenn sich jemand auf bestimmte Art und Weise verhält. Klar, manchmal ist der andere einfach dumm, gemein und scheiße. Aber manchmal triggert es unsere eigenen Makel und Spleens, dafür kann der andere aber nicht das geringste. Lass es ihn doch wissen, dann habt ihr beim nächsten Mal schon eine viel bessere Ausgangssituation.

 

Höre zu und zeige dich bereit, eine Erklärung anzunehmen!

 

Zuhören kann hart sein, vor allem, wenn wir schon vor Wut fast überbrodeln. Aber: Wieder umgekehrt reindenken! Konfrontieren Menschen uns mit unseren blöden Verhaltensweisen, dann möchten wir uns erklären, verteidigen und eigentlich sagen: Nahain! Nicht unsere Schuld. Aber räumen wir unsere Fehler ein – und der andere dann bitte auch – dann kommt der schönste Teil am Kritisieren: wenn es sich geklärt hat.

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Bildquelle: Jens Johnsson via Pexels unter cc0-Lizenz

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