Durchgesuchtet: Pokémon – zock sie alle!

Als im Herbst 1999 das erste Pokémon-Spiel in Deutschland erschien, war ich zehn Jahr alt. Und damit das perfekte Opfer. Das perfekte Opfer, um von einem Sammelsurium merkwürdiger Kreaturen in ihrer japanophilen Welt eingenommen und verzaubert zu werden. Glumanda, Shiggy, Bisasam, ihr habt mir alle wunderbare Stunden vor dem Bildschirm meines Game Boys beschert.

Aber warum? Warum schafft es die Pokémon-Reihe, weltweit Menschen in ihren Bann zu ziehen? Und das, obwohl es zwischendurch danach aussah, als handele es sich bei ihnen um ein Kurzzeitphänomen (wer mehr darüber wissen mag, ich empfehle dazu sehr dieses Buch), mittlerweile nun schon seit mehr als 20 Jahren?

Der Beste sein

Vielleicht mag es daran liegen, dass das Pokémon-Franchise dem Shonen-Genre zuzuordnen ist. Dieses ist ein japanischer Begriff, der übersetzt so viel wie „Junge“ oder „Jugendlicher“ bedeutet, und eine bestimmte Art von Manga und Anime kennzeichnet. Der Kerngedanke dieses Genres (für Animes und Mangas – es lässt sich aber bei einem solch mannigfaltigem Franchise wie das der Pokémon hervorragend aufs Medium Videospiel übertragen) ist, sich (im Kampf) miteinander zu messen und stets daran zu glauben, die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Es geht also darum, sich zu beweisen und, ganz simpel gesagt, herauszufinden, wer der Beste ist. Ich glaube, es ist dieser Kern, dieses „If I work hard I can accomplish anything“, das die Pokémon-Videospiele international so adaptierbar macht. Denn welcher Junge, welches Mädchen, welcher Erwachsene, möchte nicht zeigen, was in ihm/in ihr steckt und sich mit den Besten messen?

Wie ein junges Pflänzchen

Ein einfaches Grundprinzip, das aber so vielschichtig sein kann, sorgt dafür, dass man lange Spaß an den Spielen hat und sie immer wieder gern durchspielt. Pokémon kämpft gegen Pokémon, dasjenige Monster, welches zuerst keine Lebensenergie mehr besitzt, hat verloren. So weit, so simpel. Vielschichtig wird es dadurch, dass bestimmte Pokémon-Typen gegen andere im Vorteil sind, bestimmte Attacken des einen Typs gegen den anderen sogar wirkungslos. Dadurch kommt viel Taktik ins Spiel. Und schließlich kann man die eigenen Monster mit allerlei Items stärken, ihnen neue Attacken beibringen und sie so individualisieren. Die eigene Pokémon-Truppe wächst jedem Spieler dadurch regelrecht ans Herz. Man hegt und pflegt sie wie ein junges Pflänzchen und erntet anschließend die Früchte seiner Arbeit – Siege über andere Pokémon-Trainer.

„Ihr dürft mich jetzt Pokémon-Meister nennen“

Ich denke jeder, der heute ein Pokémon-Spiel erblickt und in den Anfangszeiten der Spielereihe um die Jahrtausendwende dabei war, hat herrliche Erinnerungen daran. Als ich damals kurz davor stand, den finalen Kampf gegen die Top Vier anzugehen, war ich richtig aufgeregt. In unserem Haus, in der Wohnung meiner Großeltern, gab es ein altes Bett, unter dem so viel Platz war, dass man sich dort herrlich verstecken konnte. Genau der richtige Ort, um sich solch einer Herausforderung zu stellen. Also verschanzte ich mich mit meinem Game Boy und ein paar Keksen unter dem Bett. Und war unheimlich stolz, als ich die Kämpfe gewonnen hatte und meinen Eltern sowie meiner Schwester erzählte, dass sie mich von nun an „Pokémon-Meister“ nennen dürfen.

Der Mondberg, Azuria City, die Safari-Zone – wie habe ich euch geliebt

Wer ein Pokémon-Abenteuer spielt, taucht in seine eigene Welt ab, startet sein eigenes Abenteuer, das er so im wirklichen Leben nie haben wird. Aber wenigstens hier auf dem Bildschirm. Eine bunte Truppe Fabelwesen hört auf das eigene Kommando, während man durch blühende Landschaften streift und dutzenden von Menschen begegnet, die man mal mehr, mal weniger gut leiden kann. Der Mondberg, Azuria City, Prismania City, Saffronia City, die Safari-Zone, die Zinnoberinsel – wie habe ich euch geliebt! Als dann auch noch die Silberne und die Goldene Edition erschienen, in denen die Spielewelt mal eben doppelt (!) so groß war, bin ich vor digitaler Glückseligkeit fast in Ohnmacht gefallen. Wie leicht man ein Kind, und auch im Herzen Kind gebliebene, doch beeindrucken kann – mit einem simplen Modul, auf dem der Schriftzug „Pokémon“ prangt.

Man wird sie nie alle geschnappt haben

Das Perfide an der ganzen Sache: Der Claim „Gotta catch ‚em all“, also „Schnapp sie dir alle“ ist die beste Marketinglüge aller Zeiten. Mit jeder Pokémon-Edition gibt es neue und veränderte Pokémon, neue Gebiete zu entdecken, die man zuvor noch nie gesehen hat. Das gilt auch für die neusten Editionen „Schwert & Schild“, die von der Kritik positiv aufgenommen wurden. Auch diesmal wird sich dabei vom siebenjährigen Mädchen in Japan bis zum 37-jährigen Familienvater in den USA jeder etablierte und noch werdende Pokémon-Fan grinsend vor die Konsole setzen und enthusiastisch in das neueste Abenteuer stürzen. Rucksack, Pokéball, Pokédex, ein paar Hypertränke…yo, alles dabei!

Man wird sie nie alle geschnappt haben. Genau daraus zieht man die Motivation. Und strahlt, so wie mein zehnjähriges Ich, über das ganze Gesicht, wenn man den ersten Arenaleiter besiegt hat und einem das eigene Starterpokémon gerade ganz dicht ans Herz gewachsen ist. Danke, Rocko. Danke, Schiggy.

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Bildquelle: Pexels

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