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Ein Tag als Praktikantin – beim Bestatter

Leichen rumschieben und Probeliegen im Sarg: Wir wollten wissen, wie der Alltag eines Bestatters wirklich aussieht.

Der Beruf – früher ging es darum, Geld zu verdienen, heute geht es um viel, viel mehr. Es gibt Jobs, bei denen die Anerkennung der Mitmenschen mit im Vertrag steht, jene, bei denen uns Spießer auf die Stirn tätowiert wird und andere, die zwar nett belächelt, aber eher für anspruchslos gehalten werden. „Du bist, was du machst“, mit diesem Spruch auf der Fahne fährt die Klischee-Kutsche durch unsere Gesellschaft und kommt nach wie vor nicht von ihrem Weg ab. Wir definieren uns und andere über unsere Berufe und sind genau deshalb auf der Suche nach dem einen, der uns erfüllt und ernährt. Aber was ist mit den Berufen die in Vergessenheit geraten sind, Angst machen, untypisch sind, von Sagen umwoben, abschreckend, unbeliebt, veraltet? Welcher Mensch möchte schon Metzger sein? Ist als Stewardess zu arbeiten wirklich eine niemals endende Reise? Was ein Boazn-Besitzer wohl so alles erlebt in einer Nacht? ZEITjUNG will’s wissen und schickt seine AutorInnen für einen Tag in die unterschiedlichsten Berufe, dieses Mal in den als Bestatter.

 

Wenn jemand aus unserem Umfeld stirbt, bekommen wir von alle dem, was zwischen seinem Tod und der Trauerfeier passiert, kaum etwas mit. Aber wie kommt der Verstorbene eigentlich zum Friedhof und wieso sieht er trotz seines Unfalls noch so unversehrt aus? Beim Bestattungsunternehmen Aetas werde ich das heute herausfinden.

 

Trauer ist wie Liebe

Beim Wort Bestatter denke ich an alte, schrullige Männer in schwarzen Anzügen, die im dunklen Keller verstaubte Särge durch die Gegend tragen. Meine Erwartungen muss ich allerdings schleunigst überdenken: Denn ich stehe in einem lichtdurchfluteten Raum und fühle mich gleich geborgen, was bestimmt auch an der sanften Musik im Hintergrund liegt. Der Sarg am anderen Ende des Raumes mindert die ruhige Stimmung, die hier herrscht, kein bisschen. Dazwischen laufen Frank und Thomas hin und her und ergänzen letzte Details. Sie sind Bestatter und haben alles nach den Wünschen der Angehörigen arrangiert, bloß die Trauer können sie ihnen nicht abnehmen.

„Trauern ist genauso intensiv wie verliebt sein, nur eben in die andere Richtung“, sagt Nicole Rinder, die hier seit vielen Jahren als Trauerbegleiterin arbeitet. „Du spielst verrückt, denkst nur an diese Person und sonst ist nichts mit dir anzufangen.“ Doch bei entfernten Verwandten ist das doch anders: Um den Bruder meines Opas, den ich nur zweimal gesehen habe, würde ich doch nicht trauern, oder? „Stimmt, du brauchst dazu schon eine emotionale Bindung.“

Im Aufzug mit einer Leiche

Dann geht’s tatsächlich in den Keller. Im Aufzug ist zusammen mit Frank und mir noch eine Frau in einem Sarg. Irgendwie skurril. Wir kommen in einem klinisch wirkenden Raum an, Franks Arbeitsplatz. Er ist Thanatopraktiker und bereitet die Toten auf ihre Aufbahrung vor: Kleidung anziehen, schwere Verletzungen verdecken, manchmal ein bisschen Make-Up, davor die Einbalsamierung. Was nach vielen Cremes und öligen Kräutersalben klingt, ist nichts anderes als das Hinauszögern der Verwesung, indem das Blut durch chemische Stoffe ersetzt wird.

Inmitten von Verbänden, Werkzeugen und diesen Stoffen plärrt aus einem kleinen Radio laute Schlagermusik. Ich sehe ihn fragend an. „Das brauche ich bei den ganzen Toten“, schmunzelt er, „um wieder ein bisschen Schwachsinn im Kopf zu haben.“ Denn gerade nach Unfällen sehen die Verstorbenen nicht mehr so aus wie früher. Aber Frank kann selbst einen zertrümmerten Schädel wiederherstellen, wie er mir auf Fotos beweist. Viele würden sich dabei wahrscheinlich übergeben, Frank nimmt’s gelassen, seit seinem Zivildienst in der Pathologie macht ihm das nichts mehr aus. Aus einem einzigen Chaos aus Muskeln, Haut und Knochen bringt er wieder den Menschen zum Vorschein, von dem sich die Angehörigen würdevoll verabschieden können.

 

Bis die Toten dann letztendlich bestattet werden, lagern sie in ihren Särgen im Kühlraum. Dort folgt Frank meinem Blick, der zwischen all den großen, braunen Särgen an einem kleinen, weißen hängen bleibt. Gerade einmal 60 Zentimeter ist er lang. Darin liegt ein kleines Kind, nur wenige Monate alt. Es sieht friedlich aus, wie es zwischen Kissen, Decken und Kuscheltieren liegt. Obwohl mir natürlich klar ist, dass es tot ist, denke ich, es würde mich jeden Moment mit verschlafenen Augen anblinzeln.

 

Nicht mal vor dem Tod macht die Bürokratie Halt

Wir sollen das Kind zum Friedhof bringen, um es „abzumelden“, nur dann kann es woanders beerdigt werden. München gehört zu den wenigen Städten, in denen diese Regelung gilt. Wir müssen mit dem Auto fahren, denn in Deutschland dürfen Tote nur in einem Bestattungswagen transportiert werden. Vor Ort wirft der Mitarbeiter des Friedhofs einen prüfenden Blick in den Sarg, ob denn auch die richtige Person darin liegt – obwohl er sie nicht kennt. Den Sinn dahinter können mir auch Frank und Thomas nicht so recht erklären, verschiedene Übergabeformulare müssen sie trotzdem ausfüllen. Oh Deutschland, du und deine Bürokratie!

 

 

„Hier kommt niemand lebend raus“

Tatsächlich ist es ein ziemlich großer Aufwand, bis ein Toter bestattet werden kann. Sämtliche Papiere müssen erst vorliegen. Endgültig tot sind wir dann mit der Todesurkunde, darum kümmert sich Thomas. Sein Beruf hat seine Einstellung zum Tod zwar nicht geändert, dafür die zum Leben. „Wir schlagen uns mit so viel unnötigem Dreck rum, dabei sterben wir letztendlich sowieso alle“, sagt er. „Natürlich sollten wir nicht ständig den Tod vor Augen haben, aber wenn’s blöd läuft, kann es morgen schon soweit sein.“

Derweil schiebt Frank eine verstorbene alte Dame im offenen Sarg herum. Dass ihr Name dem meiner Mutter zum Verwechseln ähnlich klingt, lässt mich kurz zusammenzucken. Im Sarglager sucht er nach dem Modell, das die Angehörigen für sie ausgesucht haben. Hier unten stehen sie in unterschiedlichen Holzarten, auch für besonders große Leute ist etwas dabei. „Seit ein paar Jahren brauchen wir mehr Überbreiten“, sagt Frank. Ein Grinsen kann er dabei nicht unterdrücken. „Die Leute passen in die normalen Särge oft nicht mehr rein.“ Dann findet er ihn: Kiefernholz mit Griffen. Mit einem Kollegen hievt er die Verstorbene in ihr neues Zuhause und bettet sie wieder auf ihre Kissen. Dazu kommt noch das, was die Angehörigen ihr mitgegeben haben, meistens Fotos und Schmuck. „Manchmal sind sogar Bier und Wurst für die lange Reise dabei“, lacht Frank.

 

Unfallopfer mit Mitte 30

Zeit, um über meine eigene Bestattung nachzudenken, habe ich nicht, gleich fahren wir in die Rechtsmedizin. Hier landen alle, die nicht an einem natürlichen Tod gestorben sind. Auf Franks Arbeitsplatz liegen schon die Klamotten, die der Verstorbene später tragen soll: Cap, Nerd-Brille, Sweatshirt. Uns wird klar, dass dieser Mann nicht alt gewesen sein kann. Ein kurzer Blick in die Datenbank bestätigt: Unfallopfer mit Mitte 30. Ungefähr so alt wie Thomas und Frank.

Sämtliche Gedanken daran, wie es wohl sein mag, den Toten jetzt zu sehen, werden von dem drückenden Geruch in der Rechtsmedizin verdrängt. Den habe ich Stunden später noch in der Nase. Nicht beißend, irgendwie leicht säuerlich und sehr penetrant – wie ein altes Stück Fleisch, das zu lange in der Sonne lag. Frank und Peter ziehen aus einem der Kühlfächer den Toten. Ihn umgibt eine feste, weiße Plastikhülle. Wir öffnen den Reißverschluss und blicken hinein. Dass ein natürlicher Tod nicht der Grund für seine heutige Anwesenheit hier ist, sehen wir sofort. Es ist ein seltsames Gefühl zu wissen, dass diese Person vor ein paar Tagen noch gelebt hat. Dass hier tatsächlich ein Mensch vor mir liegt, fällt mir irgendwie schwer zu begreifen.

 

 

Mit der Leiche im Kofferraum fahren wir wieder zurück. Bis Frank sie in den nächsten Tagen herrichtet, landet sie vorerst im Kühlraum.

 

Angstbesetzter Abschied

Zum Schluss bereiten wir noch eine weitere Abschiedsfeier vor, diesmal fahren Frank und ich mit der Verstorbenen im Aufzug nach oben. Wir verstreuen Rosenblätter und Blumen und zünden Kerzen an. Der Sarg bleibt offen, damit die Angehörigen später ein letztes Mal von ihr Abschied nehmen können. Doch vor diesem Moment haben viele Angehörige Angst.

„Sie sagen dann, sie sähe nicht mehr aus wie früher. Das ist richtig, schließlich ist sie tot“, erzählt Nicole. „Doch erst wenn wir uns selbst vom Tod der Mama, Oma oder Tante überzeugen und sie im Sarg liegen sehen, verstehen wir: Die kann nicht mehr bei uns sein. So können wir das viel besser verarbeiten.“ Sie kritisiert die Trauerkultur in Deutschland: „Alle wollen möglichst ihre Fassung nicht verlieren. Wenn wir aber nicht auf einer Beerdigung weinen, wann dann?“ Wir sollten es uns gönnen, die Trauer für eine gewisse Zeit als Teil von uns zu akzeptieren.

Meine Arbeit ist getan. Als ich ein letztes Mal an der Abschiedsfeier vorbei gehe, höre ich Leute weinen. Und es ist schön zu wissen, dass sich diese Menschen geliebt haben und es offen zeigen können.

 

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Bildquelle: Veronika Reinhold

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