Eine Idee Liebe: Ist die Liebe ein Gefühlsunfall?

Ein Paar schaut sich lachend an. Bild: Unsplash

Die romantische Liebe ist zum zentralen Motiv unserer Paarbeziehungen geworden. Dass sie der Kitt zweier Menschenleben ist, ist dabei eine noch recht junge Erfindung. Seitdem hat sich viel getan. In dieser Kolumne beschäftigen sich unsere zwei Autorinnen Lena und Rahel mit dem Ursprung der romantischen Liebe. Wo kommt sie her, wo will sie hin? Ist die Liebe zwischen Swipe links und Swipe rechts nur noch ein Produkt der Liebesökonomie?

Frauen lieben Männer und Männer lieben Frauen, Männer lieben Männer und auch Frauen lieben Frauen. Wir lieben unsere Kinder, unsere Geschwister, die beste Freundin oder den besten Freund. Wir lieben den Sonnenaufgang, unser Poesiealbum und Goethe. Im Shampoo ist Liebe, in der Schwarzwälder Kirschtorte darf die gewisse Brise auf keinen Fall fehlen. Und auch Eau de Love ist im Parfüm. Sie ist allgegenwärtig. Wir schmeißen mit dem Wort um uns, als wäre es unerschöpflich und wir unersättlich. Ein Leben ohne Liebe scheint unvorstellbar. Sie ist der Klebstoff unserer sozialen Beziehungen, unserer tiefsten Sehnsüchte, unserer geheimsten Wünsche. Sie ist eine Never Ending Love Story in allen erdenklichen Geschichten.

Aber warum lieben wir eigentlich? Woher stammt dieses starke Gefühl der Liebe? Ist sie am Ende nicht mehr als ein willkürlich eingetretener Gefühlsunfall?

Alle sprechen ständig von Liebe, dabei weiß keiner so recht, was das eigentlich ist. Klar, das Gefühl kennt vermutlich beinahe jeder, aber erklären kann es dennoch niemand richtig. Aus diesem Grund habe ich mich mal schlaugemacht und war überrascht von den teils kreativen, teils unsinnigen, aber auch von den plausiblen Vermutungen. Denn eins ist klar, die Liebe ist eine komplizierte Angelegenheit und schwierig zu vermessen. Zwischen Chemie und Kultur angelegt, streiten sich seit jeher Evolutionsbiologen und Kultursoziologen um das Themenfeld der menschlichen Zuneigung. Dabei ist die Liebe noch gar nicht so lange Gegenstand der Forschung, wurde sie doch stets vom reinen Sexual -und Fortpflanzungstrieb überschattet. Ja, ihr habt richtig gehört, Survival of the fittest und egoistische Gene standen lange Zeit auf der Tagesordnung der Evolutionswissenschaftler*innen.

Steinzeitgefühle

Fangen wir doch gleich einmal hier an, bei der Evolutionsbiologie, wo die Liebe ihren Ursprung finden soll. Demnach ist die Natur ein perfektes Wunderwerk, wo nichts dem Zufall überlassen wird. Alles hat seinen Sinn und seine Richtigkeit, nichts ist nur einfach so da. Gleichzeitig haben wir auch heute noch Steinzeitgehirne. Wer kennt nicht die Sätze: Das ist so, weil das in der Steinzeit so war. Deshalb gehen Männer zur Arbeit und Frauen spielen die Hausfrau. Aber was soll dieses Steinzeiterbe eigentlich genau sein und woher nehmen die Evolutionsbiologen ihr definites Wissen von einer Zeit her, über die so gut wie nichts bekannt ist? Und von welchen Vorfahren sprechen wir hier eigentlich? Denn auch unsere Vorfahren führten verschiedene Lebensstile. Manche lebten vom Fischfang, manche ernährten sich rein pflanzlich und einige jagten. Je nachdem, wo sie lebten, unterschieden sich auch die jeweiligen Lebensbedingungen. Und an den Lebensbedingungen passte sich ihre Kultur an. Themen wie die Liebe und das Sexualverhalten von Menschen aus diesem Blickwinkel heraus zu betrachten, ist also höchst fragwürdig. Gleichzeitig muss nicht alles einen bestimmten Sinn verfolgen. Manche Eigenschaften haben sich zufällig entwickelt und sind noch immer da, weil sie eben niemanden gestört haben. Nicht alles hat einen Zweck. So sind zum Beispiel blaue Augen ein Zufallsprodukt, entstanden aus einem genetischen Defekt. Sie haben weder einen Vorteil noch einen Nachteil, trotzdem sind sie da, eben weil es niemanden stört. Und warum haben Männer Brustwarzen? Diese sind für den Mann vollkommen unnütz.

„Wer die Steinzeit zum Normalzustand des Menschen erklärt, zu seiner ‘wahren Natur’, der macht aus einem biologischen Zwischenstand eine Konstante. Doch Evolution kennt keine Konstanten, nur Wandel und Variablen. Wer die Natur richtig verstehen will, der muss einsehen, dass sie sich unausgesetzt verändert.“

Richard DAvid Precht

Und auch die Existenz der Liebe beweist, dass die Natur nicht per se sinnvoll ist und unsere Gene egoistisch nach Fortpflanzung lechzen. Denn ansonsten wäre Monogamie das K.o.-Kriterium schlechthin in unserer Entwicklung. Fraglich ist auch, warum vor allem Menschen mit einem hohen Bildungsgrad weniger bis keine Kinder haben. So scheinen diese doch gute Voraussetzungen mitzubringen. Und warum bleiben oftmals die Schönlinge auf lange Sicht Single? Vielleicht, weil die immense Auswahl eine Wahl unmöglich macht?

Als Bücherwurm das Licht der Welt erblickt, verzehrt sie auch heute noch Kästner, Precht und Heidegger zum Frühstück. Auf der Suche nach der perfekten Metapher treibt sie das Fernweh in die schönsten Schlupfwinkel der Erde. Wenn sie nicht schreibt oder liest, findet man sie in den Bergen, beim Klettern, oder auf ihrem Pferd durch die Großstadtprärie reitend.