Der Einhorn-Hype oder: Die Suche nach der heilen Welt

einhornhype

Fünf gleich große Kugeln Mürbteig liegen vor mir, mit Lebensmittelfarbe eingefärbt in Grün, Rot, Gelb, Blau und Lila, wobei letzteres unglücklicherweise eher einem hellen Grau gleicht. Für den Geburtstag einer Freundin backe ich Kekse, die aussehen sollen wie Einhorn-Kacke. Unicorn Poop Cookies, garniert mit Zuckerherzen. Meine Selbstreflexion macht Pause, ich denke mir nichts, außer vielleicht, dass das mit dem Lila-Grau schade ist und dass sie sich bitteschön freuen soll. Seit diesem Zeitpunkt vor zwei Jahren fliegen einem die Einhörner und die Regenbögen nur so um die Ohren. Alle, die nicht schon völlig entnervt sind, hat der Hype fest im Griff. Aber wo zum Einhorn kommt sie her, diese Glitzer-Manie? Eine Spurensuche.

Einhörner, wohin der Regenbogen reicht

Den Status quo kennen wir: Einhorn-Emojis, Einhorn-Duschhaube, Schwimminsel, Naschkram, Kondome, alles. Kürzlich wurde ich auf ein Einhorn-Festival eingeladen. Dort kann man dann genüsslich Einhorn-Furz-Marshmallows mampfen und sich von Einhorn-Prosecco berauschen lassen. Die Produktpalette reicht von lustig, über merkwürdig bis befremdlich. Das Ende der Fahnenstange an Absurditäten ist wohl die rosa Einhorn-Bratwurst. Aber Entwarnung, natürlich ist da nur Schwein in der Pelle. Das hat leider nicht so ein gutes Image und kommt deshalb in die Wurst und nicht als Bapperl oben drauf. Selbst gähnend langweilige Alltagsprodukte werden mit Einhorn-Print und Zuckerwatteduft zum Kassenschlager. Wer wollte sich den Allerwertesten nicht schon mal mit magischem Klopapier abwischen? Eben.

Ein Hype, der die Jahrhunderte überdauert

Neu ist unsere Einhorn-Manie jedenfalls nicht. Schon etwa 400 v. Chr. beschreibt der griechischer Arzt Ktesias die Schnelligkeit und die Stärke des pferdeähnlichen Einhorns. Nur knapp 100 Jahre später, ein gewisser Megasthenes hat kurz zuvor Indien bereist, macht das Einhorn eine seltsame Verwandlung durch: Hirschkopf, Elefantenfüße und ein Wildschwein-Schwanz. Mit ein bisschen Fantasie und Nachsicht kann man wohl vermuten, dass ihm ein Nashorn über den Weg gelaufen ist. Einhorn-Verweise lassen sich aber auch im Alten Testament finden, obwohl man sich immer noch streitet, ob da nicht vielleicht doch jemand einen Übersetzungsfehler gemacht hat. Das Einhorn, von dessen tatsächlicher Existenz man überzeugt war, prägen bis dato also Schnelligkeit, Stärke und ein beachtlicher Seltenheitswert. Danach wird es etwas ruhiger um unser Fabeltier.

Doch mit der frühen Neuzeit und der Wiederentdeckung der Antike, wird das Einhorn zum Symbol für Reinheit und Unschuld, in der christlichen Deutung sogar zum Symbol für Christus höchstpersönlich. Es wird mit unbändiger Stärke und Unabhängigkeit, aber auch mit Sanftmut und Jungfräulichkeit gleichgesetzt. Bis auf dieses saublöde Tamtam um das intakte Hymen also eigentlich Eigenschaften, die sich sehen lassen können. Der pulverisierten Form schrieb man im Spätmittelalter potenzsteigernde und magische Kräfte zu. Was tatsächlich gar nicht mal so abwegig war, denn das Pulver des Nashorn-Horns wirkt ein bisschen wie Aktivkohle und bindet Gifte im Körper. Verkauft wurde allerdings meistens das Horn des arktischen Narwals, das eigentlich ein Zahn ist. Die Seefahrer von damals hat das angesichts der großen Nachfrage natürlich wenig gestört. Gerade weil die Symbolspanne des Einhorns ganz schön was her macht, lässt es sich so gut in die Gegenwart transportieren.

Einhorn-Manie aus dem Kinderzimmer

Angestimmt wurde der letzte Einhorn-Schrei in unseren Kinderzimmern. In Das letzte Einhorn haben wohl die meisten von uns leidenschaftlich mitgefiebert. Bei Harry Potter lernen wir bereits im ersten Teil, dass es ein grauenvolles Verbrechen ist, diese magischen Geschöpfe zu töten, aber auch, dass Mädchen sich dem wundersamen Geschöpf leichter nähern können als Jungs. Das Einhorn verkörpert nach wie vor eine reine, heile, magische Welt. Eine Welt, in der Einhörner und man selbst unabhängig und stark sein können. Warum man das nicht einfach so stehen lassen kann, sondern daraus einen riesengroßen rosa-weißen Zuckertraum für Mädchenzimmer machen muss, das bleibt wohl ein Geheimnis der Marketing-Heinis. Schade eigentlich.

Hoffnungsträger Einhorn

Aber das Einhorn hat es geschafft: raus aus den Kinderzimmern und rein in die Erwachsenenwelt. Mit Erwachsenen drin, die eigentlich gar keine sein wollen. Ist ja auch verständlich, so unheil und unverzaubert wie das alles manchmal ist. Das Einhorn ist ein Sehnsuchtsfeld, ein Hoffnungsträger in einer Welt, der es an Glitzer und Zauber echt mangelt. Der Instagram-Account SeiEinEinhorn schreibt: „Wir verleihen euch das magische Gefühl, auf buntem Einhornregenbogenglitzerstaub zu schweben.“ (Das Komma hat zwar gefehlt, aber welches Einhorn legt schon Wert auf Interpunktion?) Jedenfalls trifft diese Beschreibung ziemlich gut, worum es geht: Um das magische Gefühl, endlich ein bisschen mehr Magie und Glitzer in den schnöden Alltag zu bringen, in dem wir so dahin dümpeln. „Es geht um die kindliche Naivität, Hoffnung haben zu können angesichts eines Alltags, den Horrorszenarien und dystopische Vorstellungen dominieren. Das Einhorn symbolisiert die kindliche Freude an einem guten Ausgang der Geschichte“, sagt der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann in der SZ im Interview. Angesichts extremistischer Arschlöcher, sexistischer Präsidenten, islamophober Wutbürger und dieser ätzenden Selbstoptimierung tut es doch ganz gut, sich zwischendurch ein bisschen Hoffnung zu kaufen. Manchmal ist so ein bisschen Realitätsflucht in die Regenbogen-Welt auch ganz heilsam.

Queere Einhorn-Welt

Oder eben verbindend. Die LGBT-Community hat sich schon früh auf das Einhorn und vor allem den mittlerweile dazugehörigen Regenbogen als Symbol für Toleranz, Stärke und Unabhängigkeit geeinigt. Judy Garlands Song Somewhere over the rainbow aus Der Zauberer von Oz soll dazu den Anstoß für die heutzutage allgegenwärtige Regenbogenflagge gegeben haben. Zeit ihres Lebens hat sich die amerikanische Sängerin für die Recht von Homosexuellen eingesetzt. Der Regenbogen, der sich heute symbiotisch an das Einhorn schmiegt, steht für eine gesellschaftliche Utopie und ist ein Zeichen der Offenheit. „Es ist ein klares und sehr deutliches Statement für Toleranz, für Pluralismus, für Frieden und für ein Miteinander. Das ist in der gegenwärtigen Situation, wo diese Werte in Gefahr sind, schon eine klare Aussage“, sagt der Soziologe Sacha Szabo dem NOIZZ Magazin. Das Einhorn kann also als Alternative zur Ellenbogengesellschaft gesehen werden, als Zeichen für das Bedürfnis nach Sicherheit, Harmonie, aber eben auch als aktiver Widerstand für Toleranz und Gleichberechtigung. Das Einhorn und der Regenbogen als Referenzsysteme können also neben all dem Konsum-Kram auch eine politische Aussage sein.

Der Tier-Hype ist tot, es lebe der Tier-Hype!

So mancher Trendforscher munkelt ja, dass der Einhorn-Hype die beste Zeit schon hinter sich hat und der nächste Tier-Trend schon in den Startlöchern steht. (Man denke nur an die vielen Eulen, die uns vor einiger Zeit anlugten.) Wenn uns das Einhorn also bis dahin hilft, nicht an der Welt zu verzweifeln, uns ein bisschen mehr Kind sein zu lassen und Glitzer zu bewahren, gut. Und wenn wir damit auch noch für mehr Offenheit und Gleichberechtigung einstehen, noch besser. Aber lasst euch halt in der Zwischenzeit mit Klopapier und Co. von den Marketing-Gurus nicht völlig verarschen.