Erdogan ist nicht das alleinige Problem

In den deutschen Medien häufen sich die Meldungen zu Erdoğans undemokratischen Machenschaften. 19.000 Menschen wurden aufgrund des Putschversuches festgenommen, 58.000 Staatsbedienstete wurden suspendiert und 3.500 sogar komplett entlassen. Die Medien nennen es „Säuberungsversuche“. Trotzdem gingen in Köln über 50.000 Deutsch-Türken für ihn auf die Straße, um gegen den Putsch-Versuch und für die Demokratie zu stimmen – etwas suspekt. Scheinbar finden seine Anhänger seine Machenschaften so ganz und gar nicht undemokratisch.

 

59,7% der Türken in Deutschland wählten AKP

 

Wir können Erdoğan verteufeln, aber wir sollten nicht vergessen: Erdoğan ist nicht das alleinige Problem. Die Mehrheit der türkischen Wahlberechtigten muss wohl seinem Verständnis von Demokratie zustimmen, sonst hätte er es niemals an seine derzeitige Position schaffen können. Er wurde demokratisch vom Volk gewählt. Laut Spiegel Online sind im November 2015 bei den Parlamentsneuwahlen in der Türkei 59,7% der in der Bundesrepublik abgegebenen Stimmen auf die AKP von Staatspräsidenten Erdoğan gefallen. Viele wahlberechtigte Türken in Deutschland stehen voll und ganz hinter ihrem Präsidenten – auch heute noch. Es ist eben nicht nur der Präsident, der nach seiner ganz persönlichen Vorstellung handelt, sondern auch eine Gesellschaft, die ihm dieses Handeln ermöglicht.

Menschen, die schon in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, verspüren es: Das Bedürfnis für Erdoğan auf die Straße gehen zu wollen – das hat uns Köln mit der Pro-Erdoğan Demo bewiesen. Bülent Bilgi, UETD-Generalsekretär und Mitveranstalter der Demo, sagt laut „WELT ONLINE“, dass es letztendlich weniger um Erdoğan selbst gehen würde, sondern vielmehr um die deutsche Medienberichterstattung nach dem gescheiterten Putsch. Laut Bilgi kritisieren die Demonstranten, dass den Menschen, die bei diesem Putschversuch ums Leben gekommen sind, viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird: „Man sagt, ok, es gab einen Putsch, es sind 264 Menschen gestorben, aber das wischt man sofort beiseite und tut so, als wäre das eine Nebensächlichkeit“, meint Bilgi.

Die UETD ist die Union Europäisch-Türkischer Demokraten, steht der AKP sehr nahe und ist der Veranstalter der vergangen Demonstration in Köln. Mag sein, dass die deutschen Medien dazu beigetragen haben, viele Deutsch-Türken zum Demonstrieren zu bewegen. Allerdings müssen sie wohl auch voll und ganz hinter den Machenschaften ihres Präsidenten stehen, ansonsten wäre eine solche Verteidigung wahrscheinlich nicht möglich. Aber woraus resultiert dieser enorme Zuspruch für Erdoğan ?

 

Ursachen: Einseitige Informationsbeschaffung, Vorurteile und Nationalstolz

 

Ludwig Schulz, Türkeiforscher am deutschen Orientinstitut Berlin, sieht viel mehr in den türkischen Medien das Problem. Viele Deutschtürken informieren sich laut Schulz fast ausschließlich über türkische Medien, die aufgrund ihrer Staatsnähe mittlerweile wohl eine Pro-Erdoğan-Devise fahren. Des Weiteren kritisiert er auch, dass häufig negativ geprägte Bild von Türken in Deutschland, wodurch diesen ein Gefühl von Ablehnung vermittelt wird.  Hinzu kommt noch ein stark ausgebildeter Nationalstolz vieler Türken: „Es ist wohl eine Mischung aus berechtigter Kritik an unserem einseitigen Türkeibild und einer umgekehrt geschönten Sicht vieler Türkischstämmiger auf die Türkei„, sagt Ludwig Schulz.

 

Erdoğan sorgte für eine bessere Lebensqualität in der Türkei

 

All das sind Gründe, die uns ein wenig erklären, warum so viele türkischstämmige Menschen in Deutschland für Erdoğan auf die Straße gingen. Aus einem wissenschaftlichen Paper von Marina Zapft, veröffentlicht in der Zeitung Capital, geht hervor, dass Erdoğan die Türkei in den vergangenen Jahren modernisierte und ein Stückchen näher Richtung EU rückte – auch wenn das die meisten seiner Gegner nicht hören wollen. Er verhalf den Armen zu spürbar mehr Wohlstand. Unter dem Premierminister – nicht Präsidenten – Erdoğan erlebte die Türkei einen gigantischen wirtschaftlichen Boom, wovon vor allem die unteren Schichten der Türkei profitierten: Er hat Straßen gebaut, eine Metro errichtet, Schulbücher wurden kostenlos und alle minderjährigen Kinder und Jugendliche haben automatisch eine Krankenversicherung bekommen, schreibt ZEIT ONLINE.

Erdoğan gibt immer wieder vor, die Freiheit der Türken verteidigen zu wollen – und die Mehrheit der Bevölkerung glaubt es ihm. Es ist unschwer zu erkennen, dass er seine Herrschaftsbefugnisse wahrscheinlich radikal ausnutzten wird, um sein Land immer näher an eine islamisch geprägte Diktatur heranzuführen – aber das Volk macht mit. Solange das so bleibt und die Mehrheit der türkischen Gesellschaft das „Erdoğan-Demokratieverständnis“ teilen wird, wird Erdoğan so weiter machen. Er vermittelt seinen Anhängern das Gefühl, ein Präsident zu sein, der sich endlich auch mal für die unteren Schichten der türkischen Bevölkerung einsetzt – mit Erfolg. Es ist eben auch die Gesellschaft, die sich unter einem Deckmantel einer Demokratie blenden lässt.

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Bildquelle: Recep Tayyip Erdoğan via Flickr

Praktikantin: Gerade die Bachelor-Arbeit eingeworfen und schon auf dem Weg ins solide München. Nach 6 ½ Semestern der Soziologie und Politikwissenschaften in Köln, ist es nun an der Zeit den aufregenden Alltag eines Online-Magazins einmal hautnah mitzubekommen. Und was liegt da näher als ein Praktikum beim wunderbaren ZEITjUNG.