Erinnerst du dich?

Blick in das Schaufenster eines Reisebüros

Das mit der Erinnerung ist so eine Sache. Man kann sich nie wirklich sicher sein: Gehört sie nun mir oder doch ich ihr? Kann ich sie – beispielsweise mit Knoten in Taschentüchern (Wer bitte macht das heute noch?) – in sichere Bahnen lenken oder bin ich ihrem willkürlichen Wellengang hilflos ausgeliefert? Manchmal versucht man sich krampfhaft etwas zu merken, was einem immer und immer wieder entgleitet, während sich scheinbare Belanglosigkeiten in unserer Erinnerung häuslich einrichten und einem täglich aufs Neue, spätestens beim Kaffee am Morgen, wenn das Hirn die Festbeleuchtung anschaltet, Guten Tag sagen. Das scheint mir nicht ganz fair zu sein! Was für ein Spiel spielt die Erinnerung mit uns?

Vielleicht müssen wir kurz darüber nachdenken, welche Informationen wichtig sind und welche unwichtig und dann könnte man noch klären, was das über uns aussagt, wenn wir der Meinung sind, dass wir uns nur Belangloses merken können, nicht aber die wahrhaft wichtigen Dinge.

Warum können wir uns nur das Unwichtige merken?

Ich habe mir dazu folgendes schlampig angelesen: N-TV hat Dirk Wentura, Professor für kognitive Psychologie der Universität Saarbrücken, im illustren Jahr 2006 zu einer ganz ähnlichen Sachlage befragt, worüber er wohl erstmal schmunzeln musste. Fachleute schmunzeln meistens über Laienfragen, damit die Hierarchie geklärt ist. Dann hat er erklärt, dass das vermeintlich Wichtige, das wir uns scheinbar so schlecht merken können, uns meist ein gewisses Abstraktionsvermögen abringt. Um uns beispielsweise Vorgänge der Weltpolitik vor Augen zu führen, müssen wir uns etwas mehr anstrengen, als wenn es darum geht, dass Rihanna und Leonardo DiCaprio ein gemeinsames Kind erwarten. Das ist erstens sehr nah an jedermanns Lebensrealität und zweitens gelogen. Es ist leider kein singendes Schauspielwunder auf dem Weg, um uns alle aus unserer Pandemie-Tristesse zu erretten. Außerdem hat Herr Prof. Wentura gesagt, dass eine Politikfachfrau sich wohl eher das politische Geschehen, ein Klatsch- und Tratschfachmann schneller den neuesten Gossip merken kann.

Wir merken uns das Wichtige und was wichtig ist, entscheiden wir selbst

Damit wäre geklärt, dass die Wichtigkeit, nach der jede*r von uns Informationen sortiert und bewertet, mit unseren grundsätzlichen Interessen und unserer Vorbildung zusammenhängt. Leider lässt sich daraus auch schlussfolgern, dass die Dinge, die wir uns nicht merken können,  von denen wir aber allem Anschein nach annehmen, dass sie unheimlich wichtig sind, uns tatsächlich nicht so sehr interessieren. Lasst uns einfach sagen, dass die Gesellschaft die Schuld daran trägt, dass sie uns einzureden versucht, die langweiligsten Sachverhalte seien immer auch die wichtigsten und somit sind wir vorerst raus, aus der Schussbahn der Eitelkeit. Glücklicherweise zeigt es aber auch, dass jede*r für sich entscheiden kann, was wichtig ist und was nicht.

Während meines Philosophiestudiums und später in der Werbeagentur war ich vor allem immer eins: Ein staunender Beobachter. Am liebsten staune ich über die schönen, kleinen Dinge des Lebens, in denen nicht selten eine Antwort zu den großen Fragen liegt.