Esskultur: Friss oder stirb!

New York Essen

Es ist noch nicht allzu lange her, da konnte man als Gastgeber einer Party noch alles servieren. Nudelsalat, Käsespieße, Pizzabrötchen. Egal, was es war und wie angegammelt es auch aussah – es kam weg. Nach dem achten Bier war es den meisten Anwesenden egal, wie lange das Glas mit den Oliven im Kühlschrank schon vor sich hinranzte. Nach jeder Feier waren sämtliche lebensmittelähnlichen Substanzen in meiner Küche zuverlässig vernichtet worden. Ich mochte das.

Wenn ich jetzt jemanden zu mir nach Hause einlade, muss ich schon zwei Wochen vorher abklären, wer was nicht isst. Anna verzichtet auf Gluten, Leon lebt seit einem Monat vegan und Bea nimmt keine Laktose mehr zu sich. „Ich bekomme davon Durchfall“, sagt sie. „Vielleicht bekommst du auch Durchfall, weil du zwei Liter Kaffee am Tag säufst“, sage ich.

Der Feind auf meinem Teller

 

Wenn ich für jede Person, die mir in den letzten zwölf Monaten einen Vortrag über ihre neue, bessere, gesündere Ernährungsweise gehalten hat, einen Cent bekäme, dann könnte ich mir eine kleine Tüte Pommes bei McDonalds kaufen. Und dann würde ich mir die frittierten Kartoffelstäbchen genussvoll in den Rachen stopfen, meine fetttriefenden Finger ablecken und mit dem leeren Karton triumphierend vor Annas Gesicht herumwedeln. Weil in den Pommes Gluten steckt, das Anna nicht essen will. „Ich hab‘ doch die Allergie“, sagt sie.

Die Wahrheit ist: Anna ist höchstwahrscheinlich gar nicht allergisch auf das beschissene Gluten. Betroffen von Zöliakie, also einer Gluten-Unverträglichkeit, ist nämlich gerade mal ein Prozent der Bevölkerung. Und das ist auch gut so, denn Zöliakie ist eine ernstzunehmende Autoimmunerkrankung des Dünndarms, die schlimme Folgen nach sich zieht. Kurz gesagt: Das Immunsystem greift den eigenen Darm an. Zöliakie-Kranke müssen deshalb ihr Leben lang auf Gluten verzichten, andernfalls drohen Gelenkschäden, Wachstumsstörungen und Magen-Darm-Beschwerden. Das ist keine Krankheit, die man auf die leichte Schulter nehmen sollte.

 

23 Prozent der Deutschen bilden sich Allergien ein

 

Umso schlimmer, wenn Menschen wie Anna darauf beharren, daran zu leiden. Sie gehört zu den 23 Prozent der Deutschen, die bestimmte Lebensmittel meiden, weil sie meinen, diese nicht zu vertragen. Was in den allermeisten Fällen kompletter Schwachsinn ist. Ganze Foren berichten darüber, wie „Gluten die Sinne vernebelt“ und „wie der Weizen uns vergiftet.“ Haben wir gerade kein Feindbild? Nee? Wie wär’s denn mit … Brot? Idee des Jahrzehnts!

Es grenzt an Hohn, dass sich der wohlbetuchte Großstädter daran aufgeilt, auf alltägliche Dinge zu verzichten. Gluten steckt nämlich in ziemlich vielen Sachen. In Bier zum Beispiel. Auch in Fruchtjoghurt, Wurst und Lippenstiften. Für ernsthaft Erkrankte ist es eine wahre Tortur, sämtliche Inhaltsangaben nach dem gefährlichen Protein zu durchforsten. Der urbane Glutenverweigerer hingegen hat Spaß an diesen Spielchen und freut sich über jede Dinkelbrotpackung, die er kritisch durchleuchten darf. Irgendwas muss da in der Erziehung schief gelaufen sein. Vielleicht war aber auch der Einfluss der Prominenz zu groß. Immerhin preisen Stars wie Miley Cyrus und Victoria Beckham den Verzicht auf Gluten schon seit Jahren in den höchsten Tönen. Wobei bei jedem gesunden Menschen die Alarmglocken läuten sollten, wenn Victoria Beckham Tipps zur richtigen Ernährung geben will.

Ich, der kultivierte Esser

 

Auch die laktosefreie Fraktion hat es in sich: da muss dann Mandelmilch in den Latte gekippt werden, das Müsli gibt’s mit Sojajoghurt und auf manche Dinge verzichtet man eben. Abgesehen davon, dass ein Leben ohne Käse für mich kein lebenswertes Leben wäre – der Spaß geht ins Geld. Rund 80 Prozent mehr zahlen Kunden für als „laktosefrei“ gekennzeichnete Lebensmittel. Das wissen die Hersteller und drucken den Hinweis auch auf Nahrung, die von Natur aus keinen Milchzucker enthält. Das ist ungefähr so, als würde man auf eine Orange einen Aufkleber mit der Aufschrift „Besteht nicht aus Fleisch“ pappen. Aber der Trick mit den Hinweisen funktioniert. „Dass ein Produkt frei von irgendwas ist, gilt inzwischen als Zertifikat besonderer Reinheit“, schreibt Manfred Dworschak im SPIEGEL. Wer diese „besonders reinen“ Produkte kauft, führe seiner Mitwelt auch Achtsamkeit vor dem eigenen Körper vor.

Genau da liegt der springende Punkt. Die ganze Mein-Körper-ist-mein-Tempel-Nummer ist doch Schnee von gestern. Gesunde Ernährung steht längst nicht mehr im Vordergrund. Was wir wirklich suchen, ist die Abgrenzung von unserer Umwelt. Die Abgrenzung von übergewichtigen Allesvertilgern, die auch dann noch weiter schaufeln, wenn sie kurz vorm Platzen sind. Sich eine Pseudo-Allergie zuzulegen entspricht der Aussage „Seht doch, ich esse bewusst und achte darauf, welche Nahrung ich meinem Körper zuführe.“

 

Essen als Ersatzreligion

 

Der Hype um (vermeintlich) gesundes Essen nimmt nach wie vor immer weiter zu und erinnert in seiner Ausübung stark an die Grundzüge einer Religion. Strenge Essensregeln, zelebrierte Nahrungsaufnahme im Kreis von Gleichgesinnten und ein unmittelbarer Einfluss auf das alltägliche Leben – hat die Menschheit eine neue Glaubensrichtung gefunden? Wenn eine Essstörung im Spiel ist möglicherweise, sagt der Psychiater Ulrich Voderholzer. „Orthorexie ist vielfach das Ergebnis einer Suche nach Orientierung in einer komplexen Gesellschaft. Gesundes Essen wird zur Ersatzreligion, stabilisiert das Selbstwertgefühl.“

Wenn das selbstauferlegte Ernährungsregime zu Leidensdruck führt, sprechen Psychologen von Orthorexie. Erkrankte haben oft ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle und versuchen deshalb, ihren Ernährungsplan strikt zu regulieren – so strikt, dass sie nicht mehr am normalen Leben teilhaben können. Mindestens ein Prozent der Deutschen ist gefährdet, das zeigt eine Studie der Universität Düsseldorf.

 

Dein Teller – mein Teller!

 

Dabei ist der Schlüssel zu einer gesunden Lebensweise vor allem: Maß halten. Natürlich ist es nicht gesund, sich nur von Nutellasemmeln zu ernähren. Aber niemand kann mir erzählen, dass es angenehm ist, sich über jeden Bissen Gedanken machen zu müssen.

Wer sich jetzt auf den Schlips getreten fühlt: Wegen mir könnt ihr alle essen, was auch immer ihr wollt. Vielleicht sind auch ein paar von euch wirklich laktoseintolerant. Aber bitte lasst mich damit in Ruhe. Erzählt mir nicht stundenlang, weshalb der Verzicht auf Milch euer Leben verändert hat. Und belästigt mich bloß nicht mit irgendwelchen Studien, die Gluten zum Feind der Nation erklären. Das ist einfach nur Klebeeiweiß und nicht irgendeine von der US-Regierung geplante Weltverschwörung, verdammt noch mal. Und wer statt meinem Partyfood lieber Dinkeltortillas will, der soll sie sich selber besorgen. Ich bleibe bei Pizza.

 

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Bildquelle:  Jim Pennucci unter  CC BY-SA 2.0

Autorin: Nach mehreren Jahren des Pseudo-Studierens darf ich mich mit dem atemberaubenden Titel Theaterwissenschaftlerin B.A. schmücken. Ich hab's nicht nur wegen des Geldes gemacht! Ich geh auch so wirklich gerne ins Theater. Was ich sonst noch gerne mache: Mich über Sachen aufregen, die ich sowieso nicht ändern kann, Katzen streicheln, Videospiele spielen, Gin Tonic trinken und Dinge unternehmen, die nur minimale soziale Interaktion erfordern.