AlterErwachsenseinGenration-YJugendReifeUnsicherheit

Update fehlgeschlagen: Werden wir uns jemals erwachsen fühlen?

Früher dachten wir, ab dem Studium sei man erwachsen. Heute fragen wir uns: Werden wir uns jemals richtig erwachsen fühlen? Und wenn ja, wann?

„Werd doch endlich mal erwachsen!“ Diesen Spruch hat sich wohl jeder von uns schon mal anhören müssen. Entweder war es der Ex-Partner, die Eltern oder der nähere Bekanntenkreis, die es eingefordert haben, dieses „erwachsene Verhalten“. Aber wann ist man denn überhaupt erwachsen? Gibt es dafür objektiv messbaren Verhaltensweisen? Den ersten Bausparvertrag vielleicht? Oder wann ist man so wirklich, also ganz richtig erwachsen – und fühlt sich auch so?

 

Not a Girl, not yet a woman

 

Britney Spears sang schon zu unserer Teenager-Zeit „I’m not a Girl, not yet a woman“. Da ist er, dieser schwierige Grad zwischen der Jugend und dem Erwachsensein, in einen trashigen Song gebrannt. Die Jugend ist so unbeschwert und schön, genieße diese Zeit, sie geht so schnell vorbei, hören wir unsere Großeltern wehmütig sagen. Von wegen, denken wir. Sackschwer ist diese Jugend, voller Unsicherheiten und Selbstzweifel, wie eine Fahrt in einem zwielichtigen Taxi – ohne Geld, ohne Plan, ohne Ziel. Aber wann endet sie denn wirklich, diese glorifizierte Jugend und wann beginnt das Erwachsensein, mit all seinen Vorzügen und Nachteilen?

Nach dem Abitur ziehen die meisten von uns in die erste eigene Wohnung. Der 18. Geburtstag oder der Beginn des Studiums markieren, so dachten wir das Eintreten in die Phase des erwachsenen Lebens. Jetzt stehen wir aber da, mit der eigenen Wohnung, dem Bachelor in der Tasche und 25 Lebensjahren auf dem Rücken und fühlen uns genau wie damals. Auf keinen Fall erwachsen. Warum auch? Denn jetzt beginnt endlich die schönste Zeit des Lebens, in der niemand mehr lästige Fragen stellt, wieso man denn erst so spät nach Hause gekommen wäre oder warum das Zimmer immer noch nicht aufgeräumt ist – aber man ist auch irgendwie noch unbedarft genug, um sich nicht den ganzen Tag mit Verträgen und Versicherungen herumschlagen zu müssen. Ein Schwellendasein.

 

Das Studium ist vorbei, jetzt bist du 30 und …erwachsen?!

 

Irgendwann ist aber auch diese Zeit vorbei, das Arbeitsleben hat einen eingeholt und der Alltag läuft zwangsläufig ein bisschen geregelter ab. Ist man jetzt also erwachsen, mit Anfang 30? Für uns ist die 30 eine extrem magische Zahl. Mit 18 dachte man, zu diesem Zeitpunkt wird man fest im Beruf stehen, und in der perfekten Familienidylle über Eigenheimförderung diskutieren und Canapés reichen. Doch außer dem Berufseinstieg ändert sich meistens wenig: Wir wohnen immer noch in einer WG, mittlerweile zwar in einer Berufstätigen-WG, aber eben immer noch in einer WG (danke Mietpreishorror), wir haben keinen festen Partner und führen eigentlich das gleiche Leben wie mit Mitte zwanzig.Und selbst wenn: So richtig erwachsen fühlen wir uns immer noch nicht.

 

Alle anderen haben jetzt Mac OS 11 – und ich habe mein Update verpasst

 

Das Zeit-Magazin schrieb in einem Artikel, dass wir irgendwann das Update unseres Handys verpassen werden, weil wir im Alltag ertrinken, und das erst merken, sobald wir nicht mehr den neusten Trends hinterherjagen. Überträgt man das auf diese Unsicherheit, als Einziger nie zu wissen, wann man sich erwachsen fühlen sollte – vollständig -,könnte man auch sagen, genauso fühlt es sich an: Alle anderen haben jetzt das Betriebssystem Mac OS 11 – und du noch Windows ’98. Du hast das Update verpasst.

Einige haben das Update bereits runtergelden: Diejenigen vielleicht, die diese Illusion des 18-jährigen mit 30 tatsächlich ausleben. Sie besitzen das Haus und den festen Partner, sind eventuell sogar schon verheiratet und der Nachwuchs ist bestenfalls fest geplant. Nie gingen in einer Generation die möglichen Lebensumstände der 30-jährigen so weit auseinander wie in unserer.

 

Pokemon Go oder das Haus im Grünen?

 

Es ist eines der schwierigsten Thematiken, die unsere Generation beschäftigt. Nie wurde so viel darüber diskutiert, wann der richtige Zeitpunkt zum „Erwachsensein“ ist oder was das überhaupt beinhaltet. Und wann man verdammtnochmal eigentlich so weit ist.

Ist es die Verantwortung, die dieses „Erwachsen-sein-Gefühl“ ausmacht? Reicht dafür eine eigene Wohnung oder muss doch erst das Kind geboren, die Führungsposition erreicht werden? Wenn man sich anschaut, wie „Pokemon Go“ derzeit sämtliche Mitt- oder Endzwanziger wieder zu kleinen 12-jährigen Kindern mutieren lässt, wird es noch schwieriger eine Antwort auf diese Frage zu finden. Noch nicht mal der Kleidungsstil zieht heute noch eine klare Grenze zwischen Jugend und Erwachsensein: Unsere Mode ist generationsübergreifend, getragen wird, was im Trend liegt. Das Alter spielt dabei keine Rolle – so lange es sich nicht um den immer wiederkehrenden „Bauchfrei-Trend“ handelt: Da besitzen einige noch den Anstand, das irgendwann zu lassen. Was aber keine Altersgründe haben sollte, sondern ein modisches Grundbewusstsein.

Die Biologie sagt: Mit ungefähr 21 Jahren sind wir vollständig erwachsen. Der Staat sagt: Rechtlich gesehen sind wir mit 18 schon erwachsen. Allerdings heißt das noch nichts: Denn wann wir, sozial gesehen und vor allem gefühlt, wirklich erwachsen sind, ist bis heute nicht geklärt. Auch das Verhalten meiner Eltern und manch ihrer Freunde würde ich jetzt nicht durchweg als „erwachsen“ einstufen.

Es ist nicht unbedingt schlimm, sein Update zu verpassen, denn unsere Großeltern lehren uns ja, dass die spannendsten und aufregendsten Geschichten in der Jugend entstehen. Irgendwie ist es ja auch etwas Schönes, dieses ewige Gefühl der Jugend. Dass noch alles offen ist, noch nichts in Stein gemeißelt. Und es ist völlig legitim, die Phase des jugendlichen Leichtsinns ein wenig auszudehnen, ob bewusst oder unbewusst. Irgendwann werden wir uns schon so fühlen – „erwachsen“. Was auch immer das heißt.

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren