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Wie schön, es schifft! Ein Plädoyer für das Wetter

Über nichts schimpfen wir so oft wie über das Wetter. Aber warum eigentlich? Das Wetter entzieht sich unserer Kontrolle – und genau das ist großartig.

„Mein Bayern verändert sich nur viermal im Jahr. Im Sommer, im Herbst, im Frühling und im Winter!“ Das sagte das Seehofer-Double am Nockherberg letztes Jahr und hatte die Lacher damit auf seiner Seite. Der Schauspieler Christoph Zrenner machte sich gekonnt darüber lustig, dass es Seehofer offensichtlich ein krankhaftes Bedürfnis ist, sein heiliges Bayern zu schützen. Absolut nichts darf sich an seiner „Vorstufe zum Paradies“ ändern – zumindest nichts, das menschlicher Gewalt unterliegt.

Und damit beinhalten seine Worte nicht nur einen ironischen, sondern auch einen sehr wahren Kern: Das Wetter ist eine der Naturgewalten, auf die der Mensch keinerlei Einfluss hat. Und das jagt uns Menschen Angst ein, es regt uns auf, macht uns abwechselnd wütend und glücklich. Wir finden aber vor allem: Das Wetter ist nicht nur ein zu Unrecht verunglimpftes Phänomen. Wir können nämlich verdammt froh sein, dass es so ist, wie es eben ist: Unberechenbar, wechselhaft, aufregend.

Ja, es ist scheiße, dass der Sommer dieses Jahr irgendwie nicht so richtig in die Gänge kommen will und auf 30 Grad im Schatten plötzlich nasskalter Regen folgt. Aber jetzt mal ehrlich: Ist es nicht auch irgendwie ganz geil, dass wir uns über diese eine Sache (nämlich beschissene Witterungsverhältnisse) einfach immer aufregen können, ohne in verquere Diskussionen gezogen zu werden, die meist in Argumententennis oder einem zusammenhangslos-aggressiven „But what about Guantanmo?“ enden? Wenn man mal so richtig Dampf ablassen will, muss man nur aus dem Fenster sehen – und schon hat man einen Grund, mal wieder ein gepflegtes Ründchen loswettern zu dürfen.

 

Übers Wetter zu reden ist nicht der Tiefpunkt

 

Außerdem ist das Wetter das Gesprächsthema schlechthin. Gibt es eine bessere Materie, zu der wirklich jeder was zu sagen und vor allem auch eine Meinung hat? Unverfänglich, anspruchslos und doch für alle interessant: Manchmal will man eben nicht gleich in Diskussionen über Flüchtlingskrisen oder den Brexit verwickelt werden. Wenn über’s Wetter geredet wird, fühlen sich alle Beteiligten sofort wohl – zumindest wenn sie sich von dem schwachsinnigen Gedanken lösen, dass damit der Gesprächstiefpunkt erreicht ist. Denn das Wetter ist, wie es eben ist, es entzieht sich unserer Kontrolle (auch wenn der Klimawandel damit zu brechen droht) und das ist doch auch mal schön. Dazu kommt, dass wir uns mit dem Wetter immer so herrlich jeglicher Verantwortung entziehen und einfach aus allem rausreden können. Mal ehrlich, das Wetter ist doch wirklich eine Ausrede für so ziemlich alles:

„Warum bist du so schlecht drauf?“ „Wegen dem Wetter“.

„Man, ich hab’ total Kopfweh.“ „Wahrscheinlich das Wetter.“

„Hey, wollen wir heute was machen?“ „Schon mal aus dem Fenster geguckt? Heute setz‘ ich keinen Fuß vor die Tür!“

Also, ein bisschen Dankbarkeit für den Wettergott, bitte! Auch wenn es uns alle nervt, dass wir uns auf dieses ständige Aprilwetter nicht richtig einstellen können – wir sollten versuchen, uns einfach mal auf die positiven Seiten zu konzentrieren. Eine Sache wird schließlich erst dadurch besonders, dass sie nicht der Norm entspricht und scheinbar willkürlichen Regeln folgt. Und wenn bald wieder die Sonne scheint, freuen wir uns also umso mehr. Aber stellt euch mal vor, sie würde das ganze Jahr über scheinen – wir würden uns zu Tode langweilen!  Auch die Vorstellung, es würde tagtäglich schneien und die einzige Farbe, die wir da draußen noch erkennen können ist weiß, weiß und wieder weiß, ist doch der reinste Albtraum. Wir würden schlicht und ergreifend durchdrehen.

 

Egal ob das nach Postkartenkitsch klingt oder nicht – es ist ein Privileg, dass wir all das miterleben können: Den Herbst, in dem sich die Blätter verfärben, den Winter, in dem kristallene Schneeflocken fallen, der Frühling, in dem die Krokusse sprießen und den Sommer mit all seiner sengenden Hitze und durstigen Pflanzen. Nur wegen abwechslungsreicher Witterungsverhältnisse (die global betrachtet keine Selbstverständlichkeit sind) ist unser Leben so oft in die unterschiedlichsten Farben getaucht und nur deshalb können wir uns über die ersten Sonnenstrahlen oder den ersten Schnee jedes Mal aufs Neue freuen können wie die kleinen Kinder.

 

Die einzige Konstante

 

Und damit ist das Wetter gerade dadurch, dass man sich mit hundertprozentiger Sicherheit nicht darauf verlassen kann, die einzige Konstante in unserem Leben. Ja, es gibt professionelle Wetterexperten, die wirklich Ahnung haben – trotzdem kann man sich auf das Wetter mit für uns Laien unvorhersehbaren Windströmungen nie komplett verlassen. Und genau das (auch, wenn wir es niemals zugeben würden) lieben wir so am Wetter – denn unvorhersehbare Klimaverhältnisse machen unser oft ödes Alltagsleben spannender und gleichzeitig entspannender. Sie zeigen, dass wir eben doch nicht alles planen können. Dass wir immer noch auf eine höhere Macht angewiesen sind. Und das ist auch gut so.

 

Stellt euch vor, ihr habt eure Traumhochzeit im Freien geplant, euch wochenlang auf den größten Tag eures Lebens vorbereitet. Dann ist er da und alles läuft perfekt – doch am Ende schüttet es wie aus Eimern. Im ersten Moment mutiert man wahrscheinlich zur Bridezilla oder zu Groom Kong und regt sich fürchterlich auf. Aber dann wiederum erkannt man: So ist das eben, den Partner kann man sich aussuchen. Das Wetter nicht. Und genau das ist in einer Zeit, in der man sich ständig optimieren muss und täglich Entscheidungen trifft, alles kontrollieren will, ein wahres Geschenk. Also: Heute mal kein Hoch auf uns. Ein Hoch aufs Wetter!

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