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Ein offener Brief an meinen Fahrraddieb

Als nachts das Fahrradschloss unserer Autorin aufgebrochen wurde, brach ihr Herz gleich mit. Ein offener Brief über das beschissene Gefühl, sein Fahrrad verloren zu haben.

Fahrraddieb,

du brichst mein Herz. Nein, du brichst viel mehr als das. Als du gestern Nacht mein Schloss aufbrachst, konntest du nicht wissen, dass du mit einem leisen Knack mein naives Vertrauen in die Menschheit und gleichzeitig meine banal wirkende Morgenroutine brechen wirst. Heute früh schaue ich aus dem Küchenfenster, in der einen Hand meine grau gesprenkelte Kaffeetasse, in der anderen mein Marmeladebrot. Verschlafen und naiv.

Mein Blick schweift auf die Straße, über die vorbeifahrenden Autos hin zu dem kleinen Grünstreifen neben dem Fußgängerweg. Ich bin bereit, mein Fahrrad anzuhimmeln, so wie jeden verdammten Morgen. Mein wunderschönes rotes Herrenrad, das Viktoria heißt und mich seit Jahren über heißen Teer, vereiste Gehwege, Kiespisten, über Stock und über Stein fahren lässt. Ich liebe es. Es ist mein Partner in Crime, meine Bonnie und gleichzeitig Clyde und trotz des harten Ledersattels das beste Gefährt, auf dem ich durch die Welt radeln durfte.

 

Du klaust nicht nur Räder, sondern ganze Lebensgefühle

 

Mein Blickt trifft auf Leere. Da, wo jeden Morgen dasselbe rote Rad steht, verharrt nichts weiter als lauter Spott und nackter Hohn. „Es ist weg!“, flüstert mein Kopf. Mein Herz rast, ich hänge meine Wange an die Fensterscheibe und verdrehe den Kopf so weit es geht in Richtung Gehweg. Es ist weg. „Es ist weg“, sage ich laut und komme mir bescheuert vor, den Zustand des Abwesenden so laut auszusprechen. Was aber da ist, ist ein Gefühl, das man als die maximale Beschissenheit bezeichnen kann.

Ich ziehe panisch die ersten Schuhe an, die im Flur liegen, es sind die meines Mitbewohners. Die Treppen fliege ich runter, mein Kopf wiederholt nur „es ist weg, es ist weg, es ist weg“. Auf der Straße stoppt mein panisches Stakkato, ich kapiere endgültig, dass man mich beklaut hat. Mir entfährt ein sehr lauter Seufzer, sehr dramatisch und als wäre ich in einem Film von Woody Allen, der an der Schlechtheit der Menscheit zu Grunde geht. Eine Frau, die am Auto steht, sieht mein panisch verzerrtes Gesicht und ruft rüber: „Geht es Ihnen gut?“. Ich nuschle zwischen den ersten Tränen hindurch: „Mein Fahrrad…“, sie legt den Kopf zur Seite und macht dieses Geräusch, wenn einem andere Leute einfach nur schrecklich Leid tun. She feels me.

 

Was gewinnst du durch mein altes Fahrrad?

 

So, Fahrraddieb.

Du hinterlässt mich mit allen Gefühlen der Welt. Zum einen, dass du blöder F***** jetzt meine Viktoria hast. MEIN Fahrrad, das ich erst vor zwei Monaten mit einem neuen Ledersattel und neuen Ledergriffen bestückt habe – das erste Mal, dass ich mich überhaupt getraut habe, an meinem Fahrrad alleine herumzuschrauben. Ich war so stolz auf mich, als ich in der Sonne auf dem Balkon stand und mein Fahrrad mit Schwamm und Q-Tip polierte wie ein dicker, älterer Familienvater sein Auto in der Midlifecrisis putzt. Der Sattel war arschteuer, ich hatte ihn außerdem von einem Freund gekauft, der ihn wiederum von einem anderen Freund bekam. Das Ding hat einen emotionalen Wert, den man gar nicht erklären oder in Geld aufwiegen kann.

Du hinterlässt mich auch mit dem Gefühl, meinen einzigen wertvollen Besitz verloren zu haben. Mein Rad, das nicht teuer war. Aber jetzt wahrscheinlich in irgendeinem Lastwagen herumflackt, neben dutzenden weiteren Fahrrädern, die von gebrochenen Herzen und weinenden Menschen zeugen. Ja, blöder Fahrraddieb, ich weine. Ich heule wie ein kleines Kind, dessen Spielzeug weggenommen wurde. Es ist nur ein Gegenstand, das ist mir klar. Andere Menschen haben schreckliche Sorgen, vielleicht auch viel mehr begründete Tränen als ich. Aber das Gefühl des Beklautwerdens ist ein schreckliches. Es ist ungerecht und alles in mir schreit einfach nur „Das war MEINS!“. Und nicht deins.

Du hinterlässt mich mit einem Gefühl der Dummheit und mit einem großen Fragezeichen. Dumm deshalb, weil ich jetzt zur Polizei muss und als wahrscheinlich fünfzehnte Person an diesem Tag Anzeige gegen Unbekannt erstatten muss – und das für ein Fahrrad, dessen Rahmennummer ich nie aufgeschrieben habe. Ja, ich weiß. Das ist auch dumm. Und das Fragezeichen? Ja, das werde ich nun immer über dem Kopf schweben haben… Wäre ein dickeres Schloss besser gewesen? Hätte ich es jeden Tag in mein WG-Zimmer in den dritten Stock schleppen sollen? Hätte ich erst gar nicht so ein schönes Rad kaufen dürfen? Keine Antwort.

 

Was ist deine Geschichte?

 

Lieber Fahrraddieb,
ich weiß nicht, wer du bist und was deine Story ist. Brauchst du das Geld, weil du eine Familie damit versorgen willst? Hängt dein Leben davon ab? Bist du einfach ein Arschloch? Oder fandest du meine Viktoria einfach schön? So oder so, bitte pass auf mein Rad auf. Verkaufe es an jemanden, der genau so viel Freude damit hat wie ich. Sag ihm, dass die Gangschaltung nur im dritten Gang funktioniert, da muss man manchmal aufpassen. Und dass man auf den Gepäckträger eine ganze Wassermelone spannen kann.

Ich wünsche dir einen schönen Sommer, geliebte Viktoria.
Deine Laura

 

Kommentare

  1. Genau das Selbe habe ich auch gefühlt, als mir letztes Jahr mein geliebtes Fahrrad, das ich seit meiner Kommunion (ja, ich habe nie ein größeres Fahrrad gebraucht) hatte. Danke fürs Aufschreiben!

    Sandra / Antworten
  2. Du sprichst mir aus der Seele ?

    Ramona / Antworten

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