ArbeitFaulheitGedankenKreativititätLangeweileLebenLebensqualität

Faulheit bringt uns weiter – Ein Plädoyer für mehr Langeweile

Wann hattet ihr das letzte Mal eine richtig ausgedehnte Langeweile? Ich kann mich auch nicht erinnern. Und dabei ist sie so verdammt wichtig.

Nichts tun, ohne triftigen Grund. Schon mal ausprobiert, welche Reaktionen einem da entgegenschlagen? Besonders rigoros wird aus der Ecke der hart arbeitenden Bevölkerung gebasht. Wann wurde eigentlich ein drohender Burnout und eine 500-Stunden-Woche zum Parameter für ein erfolgreiches Leben? Und seit wann hat Müßiggang so einen sauschlechten Ruf? Ein Plädoyer für mehr Langeweile im Leben.

 

Langeweile als Messwert

 

Der griechische Philosoph Platon war jedenfalls ein ausgesprochener Muße-Fan. Seiner Meinung nach sollte Müßiggang der Wert sein, an dem eine Gesellschaft gemessen wird. Nur wer genügend Zeit hat, seine Gedanken reifen zu lassen, kann zum wertvollen Mitglied und zum mündigen Bürger der Polis werden. Denn wer den ganzen Tag hart arbeitet, hat weniger Zeit zum Nachdenken. Dass dieses Privileg nur den Männern der Oberschicht und nicht den Frauen, Sklaven, Ausländern etc. pp. galt, stinkt natürlich zum Himmel. Trotzdem: Die Idee ist gut. Vor allem, weil es heute wohl besonders angesagt ist, sich gegenseitig zu belobhudeln, wie viel und angestrengt man arbeiten kann. Ein kleiner zwangsverordneter Muße-Break würde vielen wohl gut tun.

 

Müßiggang als Totalschaden

 

Das Nichtstun hat schlechte Karten, wenn wir immer mehr in kalkulierbarem Nutzen, optimierbaren Zahlen und profitablen Tätigkeiten denken. Es ist ein zutiefst wirtschaftliches Denken, das wir uns da für unseren Alltag angeeignet haben. Super flexibel, super erreichbar, super engagiert und dazu noch blendend gelaunt sein. Mit der richtigen Motivation und guter Stimmung, beuten wir uns am effektivsten selbst aus. Die Muße ist da ein sperriger, unwillkommener Gast.
Und auch die Kirche hat ihre Finger im Spiel. Der christliche Lasterkatalog führt als siebte und letzte Sünde Acedia an, die Trägheit. Was ein bisschen nach Harry-Potter-Zauberspruch klingt, gilt schon seit dem sechsten Jahrhundert als Epizentrum für alle möglichen anderen Laster. Einmal mit der Trägheit geschmust? Ciao Seelenheil. Na, ich weiß ja nicht. Es scheint, die müßigen Freigeister haben es schon lange schwer, ihren Gedanken ungeschoren freien Lauf zu lassen.

 

Kreative Langeweile

 

Eine psychologische Studie an der University of California in Santa Barbara zeigt, dass unser Gehirn erst durch Langeweile so richtig kreativ werden kann. In der Studie schnitt die Probanden-Gruppe, die vor der kreativen Aufgabe erst eine langweilige Aufgabe lösen musste, besser ab. Ihre Ergebnisse waren im Vergleich über 40% innovativer und kreativer, als die der Vergleichsgruppen. Auch Konrad Adenauer wäre hier ein guter Proband gewesen. In seiner politischen Zwangspause, während des zweiten Weltkriegs, war er mit allerlei Erfindungen zu Haushaltshilfen und elektrischen Insektenbekämpfern quasi Stammgast im Patentamt. Kreativität kommt aus der Langeweile, als ganz zufälliges Nebenprodukt.
Kinder lernen sich besser zu organisieren und können ihre Interessen und Stärken besser einschätzen, wenn ihnen öfter mal fad ist. Dass manche Menschen nichts mit sich anfangen können, liegt hauptsächlich daran, dass sie sich früher nicht genug gelangweilt haben. Wobei das heute auch ganz schön schwer ist, sollen doch schon Siebenjährige Ganztagsschule, Chinesischunterricht und Taekwondo unter einen Hut bekommen. Wo soll da noch Gelegenheit sein, mit der Muße Bekanntschaft zu machen?

 

Langeweile als produktives Nichtstun

 

Klar, wenn man sich tagein, tagaus mit dem selben quälend langweiligen Muff herumschlagen muss, ist die Wahrscheinlichkeit vollends zu verblöden sicherlich gegeben. Doch: Gähnend langweilige Routine hat nichts mit einer kreativen langen Weile zu tun. Langeweile motiviert dazu, seinem Dasein wieder mehr Sinnhaftigkeit zu geben. Das Nichtstun erhebt sich zur künstlerischen Herausforderung, wenn der Großteil wie die Lemminge dem kollektiven Burnout entgegenrennt. Unsere Ansprüche können wir überdenken und Prioritäten neu setzten. Wir müssen uns nur wieder trauen und mutig sein, Zeit zu haben, für das Schöne im Leben, für Gedanken, für Trägheit. Wir müssen uns nur wieder Zeit für uns nehmen, nicht um etwas zu kompensieren, sondern um uns zu inspirieren.
Die gestressten Verfechter des Kurzweiligen werden bei all der verbissenen Arbeitswut nie in der Lage sein, etwas Neues hervorzubringen, weil ihnen der dafür nötige Müßiggang fremd ist. Die Langeweile ist ein Nährboden für freie Gedanken, für neue Ideen, für kreative Ansätze. Forschung, Wissenschaft, Innovationen, Kunst und Kultur – all das braucht Zeit und Freiraum für Gedanken.

 

Langweilt euch!

 

„Faul sein ist wunderschön, viel schöner als der Fleiß.“ Und auch bei Pipi Langstrumpf geht es nicht nur darum, sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Sondern darum, raus zu gehen und Erfahrungen zu sammeln und Zeit zu haben, um die Welt zu entdecken und Probleme kreativ zu lösen. Und es geht ums Zurückkommen. Mit mehr Selbstvertrauen, mit einem größeren Horizont, glücklicher, kreativer. Also worauf wartet ihr? Langweilt euch!

 

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren