Frag Joanna: Mein Freund und ich wollen nicht zusammen leben. Warum akzeptiert das niemand?

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Birds do it, bees do it, even educated fleas do it… Wir Menschen machen es auch, denn mal ehrlich, wir sind alle sexuelle Wesen. Wir können gar nicht anders. Blöderweise kommt uns aber manchmal die von Cole Porter beschriebene Leichtigkeit abhanden, wenn wir mit nackten Tatsachen konfrontiert sind. Plötzlich sind da Unsicherheiten, Untiefen, Situationen; Dinge sind nicht mehr taghell oder nachtschwarz. Oft bewegen wir uns in den grauen, schattigen Zwischenräumen. Und dann? Für Dr. Sommer sind wir zu alt, unsere Freunde wissen auch nicht alles und manches wollen wir sie lieber nicht fragen. Pornos beantworten einige Fragen, können aber auch neue aufwerfen. 

Geht’s dir auch so, ab und an? Wir haben uns Sexualpädagogin Joanna Stein ins Team geholt. Von nun an wird sie in ihrer Serie eure Fragen rund um die schönste Sache der Welt beantworten. 

Frage: Ich (w/27) bin seit 5 Jahren mit meinem Freund zusammen. Wir wohnen beide in unterschiedlichen WGs und finden das auch gut so. Wir waren zwischendrin mal ein halbes Jahr in Spanien und haben da auch zusammengewohnt, was schön war. Trotzdem ziehen wir das WG- und Getrennt-Leben immer noch vor. Was mich allerdings echt nervt, ist, dass das sonst kaum jemand verstehen kann. Um uns rum wohnen die meisten Paare in einer gemeinsamen Wohnung, heiraten, kriegen Kinder. Und das manchmal mit einer kürzeren Beziehungsdauer. Da kommen dann oft Fragen, warum wir das nicht auch machen. Ich kann es echt nicht mehr hören. Warum ist das für viele Leute so schwierig zu akzeptieren?

Antwort: Warum das so schwierig für deine Leute ist? Weil sie gottverdammte Spießer sind. So könnte ich kurz und bündig antworten. Mach ich aber natürlich nicht, weil das wertend ist und damit kein Stück besser, als die Bewertung, die deine Freunde vornehmen, wenn sie dir anstrengende Fragen zu deiner Beziehungsgestaltung stellen.

 

Die Mehrheit entscheidet sich lieber für ein konservatives Leben

 

Ich glaube, dein Problem liegt darin begründet, dass deine Freunde einer Mehrheit angehören, von der du – zumindest momentan, oder vielleicht auch immer – kein Teil sein willst. Einer Mehrheit, die sich einem eher konservativen Leben, zumindest was den zeitlichen Ablauf einer Beziehung angeht, verschrieben haben. Zusammenkommen, Beschließen, dass man zusammenbleiben will und Zusammenziehen, Heiraten, Kinderkriegen. So sieht das doch meistens aus.

Obwohl die Zeit in der wir leben auch ganz andere Modelle ermöglicht, folgen nach wie vor die meisten diesem Schema F. Und diejenigen, die dem Ganzen nicht nachkommen können oder wollen, sorgen bei Teilen der Mehrheit für Irritation. So auch bei deinen Leuten. Das ist schade, denn ein kleines bisschen deutet das darauf hin, dass sie nicht die Empathie und Offenheit mitbringen, die es braucht, um andere Lebensentwürfe als gleichberechtigt anzusehen und nicht in Frage zu stellen.

 

Leben und leben lassen

 

Das mag daran liegen, dass Mehrheiten auch was mit Macht zu tun haben: Macht, darüber zu entscheiden, was richtig oder falsch ist, wie die Dinge zulaufen haben. Meine Frau, meine Wohnung, meine Kinder, oder? Und dann bitte auch alles im korrekten zeitlichen Rahmen. Deine Erfahrungen, die du als Teil einer Minderheit machst, gelten dabei ein bisschen weniger, weil sie den Standard nicht erfüllen.

Spießer mögen sie nicht sein, die Leute in deiner Umgebung, aber zweifellos ein bisschen konservativ geprägt. Was nichts Schlechtes ist, wenn es sie denn glücklich macht. Leben und leben lassen. Schade ist, dass sie dir und deinem Freund das nicht auch uneingeschränkt zugestehen. Implizit bewerten sie die Flexibilität, die ihr euch bewahrt. Aber wer sagt denn, dass die Erfahrungen die man, wenn man in deinem Alter eben noch keine Kinder hat, macht, weniger wertvoll sind? Und im Umkehrschluss, kann das nicht auch heißen, dass denjenigen, die sich früher, auch örtlich, binden oder die Verantwortung für ein Kind übernehmen wollen, bestimmte Erfahrungen fehlen werden.

 

Lasst die Leute reden!

 

Eigentlich läuft es doch darauf hinaus, dass jeder Lebensentwurf etwas für sich hat und immer dann gut ist, wenn derjenige, der in durchläuft, damit zufrieden ist! Das kann man beobachten und denken, meins wär’s nicht, aber es dann einfach gut sein lassen.

Was für deine Freunde gilt, könnte allerdings auch ein kleines bisschen auf dich zutreffen. Akzeptierst du denn deren Art und Weise zu leben, so wie du es dir von ihnen wünschst? Oder könnte es auch sein, dass dir ab und zu eine negative Bemerkung zu deren Lebensstil rausrutscht? Dann müsstest du dir noch ein kleines bisschen an die eigene Nase fassen, sonst fällt das Einfordern von Toleranz auf der Seite deines Gegenübers ein bisschen schwer…

Anyway, solange ihr beiden glücklich seid, zieht euer Ding durch. Lasst die Leute reden!