Die ersten Sonnenstrahlen machen mir Angst

Der Frühling steht (zumindest für ein paar schöne Tage) vor der Tür. Und ich bin so voller Glück von den ersten Sonnenstrahlen, dass ich Angst bekomme. Werde ich diesen Sommer zu meinem machen?

In einer Woche wird die Stadt eine andere sein, das weiß ich und ich bekomme Angst. Freunde werden in den Park stürmen und irgendwelche Ballspiele spielen. Und es wird mehr als eine Person geben, die zu früh die kurze Hose rockt und dann am Nachmittag vorzeitig geht, 20 Grad in der Sonne sind eben nur 20 Grad, wenn die Sonne auch scheint. Und ich habe Angst, nicht dabei sein zu können und die ersten freundschaftlichen Frühlingstage zu verschlafen – irgendwie bin ich noch nicht bereit für den Sprung in den Gemeinschaftspool.  

Ich würde es als das ambivalenteste Gefühl beschreiben, das ich verspüren kann. Vergleichbar mit dem Gefühlschaos, schlank wie ein Model sein zu wollen und meinem unbändigen Verlangen nach einer süßen Tüte. Und heute greift das Frühlingsanfangsgefühl. Es übermannt mich das Glück der ersten Sonnenstrahlen, aber sie schmerzen auch irgendwie und drücken auf meine Melancholie. Die Sonne erinnert mich an die schönen Sonnentage, die Sommerabende und schwerelosen Momente und dann stelle ich mir die unausweichliche Frage: Wird es diesen Sommer genauso? Werde ich viel reisen können? Genug Lust haben zu erleben? Mich trauen? Denn um den Sommer und die Sonne zu genießen, denke ich, etwas leisten zu müssen. Aufzustehen, sozial aktiv zu werden, mich in den Bikini stürzen, obwohl ich mich noch nicht bereit dazu fühle – die süßen Tüten des Winters ziehen ihre Schatten nach sich. Und während ich mich frage, ob ich diesen Sommer im Moment leben kann, geht die Frühlingssonne unter und ich setze mich erleichtert auf mein Bett, um einen Film zu starten.  

Im Sommer sollen die schönsten Erinnerungen gemacht werden.

Die Magie der Nostalgie 

In den Momenten, in denen ich darüber nachdenke wie ich genießen kann, kann ich auch einfach anfangen zu genießen. Dabei hilft es mir ein bestimmtes Phänomen in Erinnerung zu rufen: die Nostalgie. Alles was war, wird romantisiert. Mit Abstand hat alles seinen Wert, auch die unangenehmen Kleinigkeiten können zu lustigen Anekdoten werden. Und mit dem Bewusstsein darüber, dass in jeder kleinen Begegnung und jedem Rausgehen der Sommer selber liegt, müssen wir uns nur erlauben zu genießen. Genießen, dass wir vielleicht den ganzen Tag arbeiten müssen, aber in der Pause einen perfekten Sonnenspaziergang machen dürfen. Denn diese alltäglichen Momente formen den Sommer jedes Jahr. Das man doch noch zum See gegangen ist zum Beispiel oder der eine banale Tag mit den Liebsten. Statt nachzudenken kann man zumindest versuchen im Moment zu leben. Versuchen, nicht die Jahre wie auf einer Bestenliste zu vergleichen. Und wenn dann der Geruch des Sommers in die Nase fährt, kann ich mich vielleicht das erste Mal einfach daran erfreuen. Die Verheißung im Geruch und die Sicherheit, dass ich dieses Jahr entspannt genießen werde. Komme was wolle, alleine oder zusammen, auf der Party oder zu Hause, das alles ist Sommer, auch ohne den gedanklichen Druck. Es wird noch viele sonnige Tage geben!

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Bildquelle: Pexels; CCO-Lizenz

Als Kölnerin liebe ich jedes bunte, tratschige oder politische Thema. Daneben findet man mich auf der Yogamatte oder in der nächsten Eckkneipe, immer im Gespräch mit anderen Menschen.