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Fürs Erste Krebs: Episode #7

Mitte 20, mitten im Leben – und dann die Diagnose Krebs. Sebastian Schramm erzählt in seiner Kolumne von Erlebnissen, Gedanken und Anekdoten über seine Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.

 

Individuell eskalieren

 

Und dennoch: Jede Therapie ist individuell. Jeder reagiert anders auf die Medikamente. Jeder startet an einem anderen Punkt. Meine Anwendung nannte sich BEACOPP eskaliert. Ein ziemlich witziger Name, über das eskaliert schmunzle ich noch heute. Es hat was von Spaß, Party und Zeit mit meinen Freunden. Dabei bekommen diese Kombination nur jene Patienten, die sich in fortgeschrittenen Stadien eines Lymphdrüsenkrebs‘ befinden. Die Ärzte schoben mich in Stadium IV b. Höher geht es nicht. Der Tumor füllte bei Diagnose ein Drittel meines Brustkorbes, er drückte auf Herz und Lunge. Dazu begleitende Symptome; Nachtschweiß, Fieber und schleichender Gewichtsverlust innerhalb eines halben Jahres. Der Krebs hatte mir heimlich, noch bevor ich ihn bemerkte, sieben Kilo genommen.

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Meine Chemotherapie bestand aus sieben Medikamenten, allesamt hoch dosiert. Jedes einzelne mit dem Klang der Zutaten, die Walter White braucht, um in seinem Truck Crystal herzustellen: Bleomycin, Etoposidphosphat, Adriamycin, Cyclophosphamid, Vincristin, Procarbazin, Prednisolon. Die Ärzte veranschlagten sechs Zyklen, jeder einzelne dauerte drei Wochen. Die ersten vier Tage eines Zyklus verbrachte ich im Krankenhaus, von Montag bis Mittwoch gab es die Infusionen, bis zu dreieinhalb Liter pro Tag, meist zwischen drei und sechs Stunden. Ich sah dabei zu, wie Gift vermischt mit Kochsalzlösung durch die Schläuche des Infusionsständers in den Port lief, das Implantat in meiner rechten Brust. Dazu morgens und abends Tabletten, acht bis zehn Stück. Ich fraß sie wie Brot, alle auf einmal. Ich ignorierte die Beipackzettel, auf denen Nebenwirkungen standen, die ein ganzes Leben auf den Kopf stellen können; von denen ich wusste, dass sie unfruchtbar machten, meine Haare ausfallen ließen, die mich in negative Gedanken trieben, dunkler und mächtiger, als ich es mir je vorstellen konnte. Nebenbei aber machte ich es mir gemütlich, ein paar Serien oder ein bisschen Musik. Sonst schlief ich einfach ein, völlig ausgelaugt, mit Kopfschmerzen, Schwindel und flauem Magen. Oft schon vor dem Mittag, das in der Klinik um 11.30 Uhr serviert wird. Nicht selten entschuldigte ich mich bei den Behandlern dafür. Sie lachten. Sebastian, sagten sie, das sei kein Gummibärchenwasser, schlafe doch einfach, du seist halt krank. Ich wollte doch nur nicht schwach sein. Donnerstags wurde ich entlassen, ich war endlich frei, direkt nach der letzten Spritze, die sie ins Bein setzten. Das Neulasta sollte die Blutbildung ankurbeln, die durch die Chemotherapie quasi zum Stillstand kam. Der Preis einer Spritze: 1.740, 26 Euro.

 

Das Tief. Das Hoch.

 

Danach war Ruhe. Viel Ruhe. Genau eine Woche nach den Infusionen setzte die Chemotherapie ein. Das war Teil des Plans, die Eskalation an sich. Mein Onkologe erklärte mir immer, da liefe eine inszenierte Schlacht in mir: Die Medikamente bringen den körpereigenen Schutzwall zum Einsturz, nur dann können sie wirken und den Tumor bekämpfen. Dieser innere Kampf eines jeden Zyklus dauerte rund fünf Tage. Er umschrieb es als Tief. Für mich war es die Hölle. Schmerzen in den Knochen, taube Fingerspitzen, zerrende Müdigkeit trotz zwölf bis fünfzehn Stunden Schlaf am Tag, angegriffene Schleimhäute, die jedes Essen, jeden Gang zur Toilette zur Herausforderung machten. Kraftlosigkeit, manchmal kam ich nicht mal aus dem Bett. Beim Lesen fing ich an zu schwitzen. Es war zu anstrengend, mich über längere Zeit zu konzentrieren. Kotzen musste ich kein einziges Mal. Dafür heftige Verstimmungen meiner Laune, sie schwankte irgendwo zwischen schlecht und abartig. Mir selbst, aber auch meiner Familie gegenüber. Die letzten sieben Tage hingegen waren durchweg schön, die dritte Woche eines Zyklus‘. Der Körper erholte sich von alleine, wenn auch nur wenig und mit jeder weiteren Runde immer schlechter. Aber es war ein kurzer Urlaub, das Hoch nach dem Tief. Keine Medikamente, nur Calcium und ein Antibiotikum als Schutz vor Infektionen. Und viel Zeit, weg vom Krankenhaus, weg von meinem Bett. Ein bisschen leben, kurz frei sein, bevor ich zurück musste, um wieder zu eskalieren.

Nach der letzten Chemotherapie lachte Suse wieder. Dieses Mal auch Jan. Meine Eltern und ich hatten sie eingeladen zum gemütlichen Beisammensein, ein lauer Sommerabend Ende August. Ein Dankeschön, oder zumindest der Versuch, sich irgendwie erkenntlich zu zeigen, selbst wenn ich das Gefühl habe, ich werde nie das zurückgeben können, was sie mir gaben. Wir erinnerten uns zurück, bei Grillwurst und Lagerfeuer: die vielen Momente, die mit jedem Tag mehr weniger schlimm zu werden scheinen. Auf meinem Kopf sprossen die ersten Haare.

 

Hier findest du alle „Fürs Erste Krebs“-Episoden von Sebastian Schramm.

Die Diagnose Krebs ist immer schlimm. Aber gerade jungen Menschen wird oft der Boden unter den Füßen weggerrissen, wenn ihnen die Krankheit in ihre Lebensplanung hineinpfuscht. Deshalb gibt es seit 2014 die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Ihr Ziel ist es, die Therapiemöglichkeiten und die Versorgungssituation zu verbessern und Erkrankten mit Gesprächen und Austausch zur Seite zu stehen. Die Facebook-Seite der Stiftung findet ihr hier.

 

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Bildquelle: Josefine Rosse

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