ChemotherapieKolumneKrankheitKrebsLebenLeidenSebastian Schramm

Fürs Erste Krebs: Episode #7

Mitte 20, mitten im Leben – und dann die Diagnose Krebs. Sebastian Schramm erzählt in seiner Kolumne von Erlebnissen, Gedanken und Anekdoten über seine Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.

Nur fünf Buchstaben. Sie reichen aus, um ein Leben für immer zu verändern. Was aber, wenn das Leben noch gar nicht richtig begonnen hat? Sebastian Schramm ist 26 Jahre alt – und leidet an Krebs. Von nun an teilt er auf ZEITjUNG seine Gedanken, Erlebnisse und Anekdoten über die Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht. Heute: Teil 7 – Chemotherapie. Teil 12 , 3, 45 und 6 findet ihr hier.

Suse lachte. Erfülle sicherlich den Zweck, sagte sie, als sie wieder zurück ins Krankenzimmer kam. In der Hand hielt sie eine grüne Krankenhauswindel, rund einen Quadratmeter groß, die hatte sie sich bei den Schwestern besorgt. Jan und ich standen schon im Bad. Ich rückte einen Stuhl in die Dusche, mit meiner Faust stach ich eine Öffnung in die Windel, danach riss ich das Loch immer weiter auseinander. Solange, bis mein Kopf hindurch passte. „Ich bin dann soweit.“ Jan werkelte an seiner Haarschneidemaschine. Immer wieder surrte es kurz auf. Sie war lange nicht mehr in Betrieb. Er stellte sich hinter mich. Ich hörte, wie er tief durchatmete.

„Und Du willst das wirklich?“

„Ja, wir müssen.“

Jan begann mit fünf Millimetern. Ich legte meinen Kopf auf die Brust, er zog die Maschine vom Nacken hoch zum Scheitel. Er räusperte kurz. Die kraterartigen Löcher in meinen Haaren waren noch immer da. „Gut“, sagte ich, „dann halt auf einen oder zwei Millimeter.“ Jan fragte nochmal, ob ich das wirklich wolle. Meine Antwort kannte er. Es war eher eine Absicherung für ihn selbst. Wieder setzte er an. Der erste Zug, nur ein paar Sekunden, dann hörte er auf. „Ach du Scheiße.“

Vorsichtig fuhr er meinen Kopf ab, bis alles auf eine Länge getrimmt war. Haarbüschel lagen auf dem Boden, dem aus der Windel umfunktionierten Friseurumhang, meinem Gesicht. Den Stuhl hatten wir mit Absicht nicht vor dem Spiegel platziert. Ich wollte mich erst sehen, als es vorbei war. Der erste Blick, ich erkannte mich nicht wieder: das Gesicht war fahl, aufgedunsen von Cortison und den Infusionen, das Gift hatte nur einen Flaum übriggelassen. Und jetzt die wenigen Stoppeln auf dem Kopf. Der Krebs und die Mittel, die ihn beseitigen sollten: Endgültig bestimmten sie, wie ich aussah.

 

Nicht nur keine Haare

 

Noch immer sind die fehlenden Haare das markanteste Zeichen von Krebs – eines der ersten Bilder, die einem durch den Kopf schießen, sofern man an die Krankheit denkt. Untrennbar verknüpft mit Chemotherapie, mit Schmerz und Leid, vielleicht sogar dem Tod. Es hat so etwas Endgültiges. Der letzte Schritt weg vom normalen Leben. Die betroffenen Krebspatienten müssen sich offenbaren. Dabei wollen sie es nicht. Innerhalb kürzester Zeit, bei mir ab Tag 10 der ersten Chemotherapie, setzen die Medikamente den Radiergummi an, mit jeder Sekunde mehr wischen sie Leben aus dem Gesicht, dem Körper. Eigentlich müsste man sich darüber freuen, zumindest entspannt damit umgehen, immerhin sind die ausfallenden Haare oder die Schmerzen untrügliche Zeichen dafür, dass der Krebs bekämpft wird. Denn so funktioniert Chemotherapie: dosiertes und miteinander kombiniertes Gift, das durch den Körper fließt und Jagd macht auf schnell wachsende Zellen, denn nichts anderes ist Krebs. Nur kann sie nicht unterscheiden. Sie bekämpft alles, was sich schnell vermehrt, sich schnell verändert; die bösartigen Tumorzellen, aber auch Haare, Fingernägel, Schleimhäute. Dazu: ein schräges Blutbild, rote und weiße Blutkörperchen werden nicht mehr in dem Maße produziert, wie es der Körper braucht, ebenso die Blutplättchen. Die Konsequenz: keine Abwehrkräfte,  kein Antrieb, keine Gerinnung. Schon ein Stoß reichte aus, um eine nicht enden wollende Blutung auszulösen. Übelkeit und Erbrechen. Kaputte Nerven an Füßen und Händen. Störungen der Blase und der Niere. Spätere Organschäden und Unfruchtbarkeit. Und die bittere Erkenntnis, dass die widerlichste Nebenwirkung einer Chemotherapie die ist, die man (noch) nicht sehen kann: das erhöhte Risiko, im Laufe des weiteren Lebens an einer Leukämie oder einem Zweittumor zu erkranken. Den Krebs beseitigen, um ihn wieder zu bekommen. Aber welche Wahl hat man? Ich versuche den Gedanken aus dem Kopf zu verbannen, ihn kleinzuhalten, ihn immer wieder zu stutzen; kahlzuscheren, wenn man so will. Wie damals im Krankenhaus mit Jan und Suse. Die Initiative ergreifen, bevor er alles von alleine platt macht.

Das könnte Dich auch interessieren