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Generation P wie Perfekt: Warum uns Perfektionismus nicht weiter bringt

Makellos sein, bloß keine Fehler machen und immer schön mithalten. Wir streben immer mehr nach Perfektion und merken dabei nicht: Das macht doch überhaupt nicht glücklich.

„Bist du perfektionistisch?“ fragt mich Sara, als wir über das Thema sprechen. Ich muss nicht lange überlegen und antworte: „Das war ich mal.“ Hach, wie melancholisch. Das klingt, als wäre ich schon 90 und furchtbar weise und mittlerweile drei Mal in 80 Tagen um die Welt gereist. Ganz so viel Zeit ist dann doch noch nicht vergangen, aber ich kann mich trotzdem ganz gut an dieses frühere, verbissene Ich erinnern, das alles immer perfekt machen wollte, von der Präsentation bis zum Apfelkuchen. Bis ich dann irgendwann einsehen musste, dass mich das nicht unbedingt weiterbringt und glücklicher macht, im Gegenteil.

Allerdings scheint das heute, in der neuen Version der drei K – Körper, Köpfchen und Karriere –, nicht weiter aufzufallen. Zumindest zeigt die Studie der Sozial- und Sportpsychologen Thomas Curran und Andrew P. Hill, die auf dem Drei-Facetten-Modell basiert, dass unser Streben nach Perfektion in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen hat. Wir stellen nicht nur übertrieben hohe Ansprüche an uns selbst und sehen uns viel zu kritisch, wir lassen uns auch immer mehr von den Erwartungen anderer (z.B. aus unserem direkten Umfeld) beeinflussen. Am stärksten angestiegen ist jedoch der Perfektionismus, der sich an den Werten und Vorstellungen der Gesellschaft orientiert, also an all dem, was unsere smarten Feeds Tag für Tag im Sekundentakt ausspucken.

 

Everybody is perfect

 

Surprise, surprise. Traumbilder von perfekten Leben, die grundsätzlich #happy, #blessed und #positive sind, die an den Grenzen jeglicher Realität schrammen, lassen uns in einen Teufelskreis aus Vergleichen geraten, bei denen wir natürlich (und vollkommen subjektiv) immer schlechter abschneiden. Das eigene Leben ist nicht mehr gut genug und kann eigentlich nur noch fremden Idealen folgen. Wenn alle scheinbar perfekt sind, dann muss der Fehler doch bei mir liegen, oder?

Da ist aber auch das Leistungsdenken unserer Gesellschaft, die ständig mit so schönen Zauberwörtchen wie Optimierung und Effizienz um sich wirft. Bildung und Berufsleben sind oft von Wettbewerb und Druck geprägt. Wir leben in einer Gesellschaft mit utopischen Voraussetzungen, die uns auf Regelzeiten, rote Fäden und Extras drillt und immer noch das Haar in der Suppe, also die Lücke im Lebenslauf, sucht. Und Scheitern ist auch nicht so der Hit, Scheitern ist was für Verlierer. Je eher man das versteht, desto schneller kann man an seinen so furchtbar menschlichen Schwächen arbeiten.

 

Der perfekte Stolperstein

 

Bei so viel äußeren Einflüssen, die jeden Tag auf uns einwirken, können wir schnell mal vergessen, dass Perfektionismus nicht der heilige Gral ist, der uns zu besseren und glücklicheren Menschen macht, und auch nicht das Geheimrezept, mit dem sich jeder Wunsch erfüllt.

Perfektionismus ist vielmehr die Angst vor dem Fallen und vor möglicher Kritik, die schnell mal die eigene Wahrnehmung verzerrt und zusätzlichen Druck aufbaut. Im Grunde genommen bedeutet perfektionistisch sein, sich selbst im Weg zu stehen und die besten Möglichkeiten zu verbauen, und sich gleichzeitig auch noch das Recht zu nehmen, aus Fehlern zu lernen und an ihnen zu wachsen. Vor allem aber verliert man dadurch unglaublich viel Zeit, Energie und Spaß an den einfachsten Dingen. Wenn alles nur noch ein Wettbewerb mit sich selbst und dem Rest der Welt ist – wie lebt man dann eigentlich noch?

Das Schlimme: Mit anderen sind wir viel nachsichtiger und fordern meist nicht das, was wir von uns selbst knallhart erwarten. Selbstliebe und Perfektion, das verträgt sich nicht.

 

Übertriebener Perfektionismus tut niemandem gut

 

Doch nicht nur das. Der bittere Ernst ist, dass sich extremer Perfektionismus negativ auf unsere Gesundheit auswirken kann und immer öfter in Depressionen, sozialen Ängsten und Suizidgefahr endet, wie Currans und Hills Studie zeigt. Mithalten, im Vergleich besser abschneiden, immer geradeaus laufen, nie versagen – wer selbst perfektionistisch veranlagt ist, merkt hoffentlich irgendwann, wie schwer er sich das Leben selbst macht und dass er sich eigentlich permanent in einem Zustand der Unzufriedenheit bewegt.

Ich sage hoffentlich, weil ich das den Perfektionisten mit Hang zum Selbstzerstörerischen wirklich wünsche. Dass sie tatsächlich mal mit voller Wucht gegen diese Einsicht knallen, die im ersten Moment höllisch weh tut, und dass sie sich dann im zweiten Moment an den Deutschunterricht in der Grundschule zurückerinnern und verstehen, dass Perfekt sich da vor allem auf alles Abgeschlossene bezog. Abgeschlossen, fertig, Ende. Wir sind ja schließlich alle zwangsläufig irgendwann mal perfekt und Teil der Vergangenheit, dann ist es ja ganz schön, wenn wir jetzt vielleicht einfach noch ein bisschen leben, mit unseren Ecken und Kanten und Fehlern und Schwächen, die uns auch von dem da drüben unterscheiden und einfach anders gut machen.

 

Ein bisschen (nicht) perfekt ist auch okay

 

Ich glaube ja, dass Perfektionismus nicht grundsätzlich schlecht ist. Er ist gut, um das Wichtige nicht aus den Augen zu verlieren, um von anderen zu lernen und über unsere Grenzen hinauszuwachsen. Ich glaube aber auch, dass er immer mal wieder in den TÜV muss, bei dem wir uns fragen sollten, wie gut wir es eigentlich mit uns selbst meinen. Geben wir uns und den Dingen genug Zeit? Ist es wirklich so dramatisch, wenn es nicht auf Anhieb klappt? Und kann mir das Gras auf der anderen Seite nicht einfach schnurzpiepegal sein?

Wer immer noch glaubt, dass er fürs Perfektsein am Ende des Lebens ein Transcript of Greatness ausgestellt bekommt, der findet in Ron Padgetts Gedicht How to be perfect noch ein paar gute (nicht immer ganz ernst zu nehmende) Ratschläge. In diesem Sinne: Know that the desire to be perfect is probably the veiled expression of another desire – to be loved, perhaps, or not to die.

 

 

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Bildquelle: Pexels unter CC0 Lizenz

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