Neue Spießigkeit: Generation (OKA)Y?

Ist die Generation Y spießig?

„Die von oben, die sind im Arsch!“, triumphiert Johannes. „Die gehen nicht einkaufen, nicht arbeiten, nicht in die Uni!“ – „Viele Studenten sind, im wahrsten Sinne, so unheimlich nett, dass einem angst und bange wird“, sagt Christiane Florin. „Ich wünsche mir mehr Widerspruch, sowohl in meinen Seminaren als auch gegen das Hochschulsystem an sich.“

 

Die Anatomie einer Generation

 

Wirft man Zitate aus dem Generationenfilm „Wir sind die Neuen“ und Aussagen einer kritischen Hochschuldozentin zusammen, kommt unsere Generation irgendwie ganz schlecht weg. Nach außen hin geben wir die Lebensstreber. Wir wirken selbstoptimiert, verbissen und ein bisschen spießig. Doch eigentlich sind wir pleite und fotografieren den Herd (wer den Film kennt oder OCD hat, weiß was ich meine).

Müsste man uns sezieren, würde wahrscheinlich ein tiefer Schnitt genügen. Denn anscheinend  ist das die Anatomie unserer Generation: im Kern ein verknäulter Ball aus Selbstzweifeln und Zwangsneurosen, darüber, straff gespannt, eine aalglatte Hülle der Angepasstheit.

 

Generation (OKA)Y statt Generation (WH)Y?

 

Und genau diese Hülle ist es, die die Journalistin und Uni-Dozentin Christiane Florin kritisiert. In ihrem Essay Warum unsere Studenten so angepasst sind und einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt sie, warum ihre Studenten wie ferngesteuert sind und dass sie sich mehr Widerspruch wünscht.

Sie vermisst die Streitkultur an der Uni. „Die Uni sollte kein Raum sein, in dem Nettigkeit prämiert wird“, sagt Florin. Sie wünsche sich mehr Widerspruch – „sowohl in meinen Seminaren als auch gegen das Hochschulsystem“. Sind wir wirklich diese Studenten, die innerlich ihr ganzes Leben hinterfragen und im Alltag den Mund nicht aufkriegen? Ist die Generation (WH)Y zur Generation (OKA)Y geworden?

 

Marteria wirft uns vor, zu Spießern mutiert zu sein

 

Es gilt im Seminarraum genauso wie auf Facebook: auf „Gefällt Mir“ drücken geht schneller als Kommentieren. Es ist einfacher dafür, als dagegen zu sein. Das war schon immer so und das wird auch noch eine Weile so bleiben – Faulheit ist nicht nur ein Symptom unserer, sondern wahrscheinlich so gut wie jeder Zeit. Aber es stimmt auch, dass wir nicht die nächsten 68er sind. Dass viele Erwachsene erstaunt sind, wie zielstrebig unsere Generation ist. Dass wir bekannte Straßen nur ungern verlassen, weil wir viel zu viel Schiss davor haben, vom Weg abzukommen und Marteria uns vorwirft, zu spätpubertären Spießern mutiert zu sein. Ja, vielleicht stimmt es. Wahrscheinlich sogar.

Vielleicht sollte man zu unserer Verteidigung auch sagen: Diskussion kann nur dort entstehen, wo auch Raum für sie gelassen wird. Wenn Dozenten jede Meinung außer der eigenen abblocken oder schlecht benoten und schon in der letzten Stunde des Semesters, in der sie mal „ganz offen auf Kritik reagieren“, verschlossener für Kritik sind als die Tür zum Coca-Cola-Tresor. Dann hat man irgendwann auch keine Lust mehr, revolutionäre Thesen aufzuwerfen.

Die Ursache für die wachsende Angepasstheit der Studenten und ihre daraus resultierende Diskussionsverdrossenheit sieht Christiane Florin vor allem in der Ökonomisierung der Unis. „Ich erlebe mehrheitlich Studenten, die klare Arbeitsanweisungen wollen. Sie spüren sehr genau, welche Erwartungen der Arbeitsmarkt und, pauschal gesagt, die Gesellschaft an Hochschulabsolventen haben. Und diese Erwartungen wollen sie erfüllen“, erklärt die Dozentin für Politikwissenschaft und Soziologie gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

 

Individuell und doch alle mit Jutebeutel

 

Vor allem aber wollen wir gemocht werden. Jeder Zuspruch ist ein in Realzeit transportiertes „Gefällt Mir“, jedes Lob eine Bestätigung. Und nach Bestätigung sehnen wir uns gar nicht nur im akademischen Sinne. Der höchste Preis ist nicht die Festanstellung – das Prinzip Uni greift viel tiefer: „Es ist nicht die Angst, zu verhungern, die Studenten antreibt“, sagt Christiane Florin, „eher das Gefühl, diffusen Perfektionsansprüchen nicht zu genügen“.

Dass wir aus Angst, selbst nicht zu gefallen, alles und jedem einen Daumen hoch geben, dass wir individuell sein wollen und doch alle mit Jutebeutel und Undercut rumlaufen und dass wir nach außen hin vielleicht nur so aufgeräumt wirken, um das Chaos in uns drin zu verstecken, könnte man als Dramatisierung aus dieser generationellen Obduktion folgern. Vielleicht sind wir aber alle ein kleines bisschen so wie Katharina, die ehrgeizige Jurastudentin aus „Wir sind die Neuen“. Sie weiß genau was sie will: die Prüfungen meistern, an der Karriere basteln und dann den top bezahlten Job einfahren. Aber wie sie das genau anstellen soll, weiß sie dann schon nicht mehr ganz so genau. Und lebt ihr Leben wie sie auch fürs Staatsexamen lernt: „Ich fang vorne an und hör hinten auf.“

 

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Bildquelle1: jaredeberhardt unter cc by-sa 2.0