Griechenland Generation Y

Unter Wasser ist es still. Das liegt daran, dass Schallwellen dort viermal so schnell transportiert werden wie in der Luft; durch die Geschwindigkeit ist für menschliche Ohren kein Richtungshören mehr möglich, man kann Geräusche nur schwer verorten, sie werden irgendwo im kalten Strudel verschluckt, alles klingt dumpf und verzerrt.

Träge treibt Benjamin Braddock auf seiner Luftmatratze durch die Tage, im kühlen Pool seiner Eltern, dessen Wasser seine Ängste betäubt, aber nicht abtötet, und während er sein Dosenbier in lethargischen Zügen leert, begrüßen Simon & Garfunkel im Hintergrund die Dunkelheit. „The Sound of Silence“, Soundtrack des US-Films „Die Reifeprüfung“, erzählt von einer überkommerzialisierten und bankrotten Gesellschaft, von Menschen, die sich unterdrückt fühlen und unverstanden, von gescheiterter Kommunikation. Still ist es nie um Griechenland in diesen Tagen, aber hören wir überhaupt richtig zu?

Hello darkness my old friend / I’ve come to talk with you again

 

Deutschland: Man studiert Literatur oder Theaterwissenschaften, läuft geradewegs hinein in den Praktikumsdschungel betonierter Großstädte. Die Eltern hatten recht – genau das hätte man vielleicht lieber mal studiert. Etwas weiter südlich, Griechenland: Vasiliki Papaevangelou hat genau das gemacht – und dennoch: „Ich verdiene nicht so viel, wie ich einmal gedacht hätte, bei meiner Ausbildung“. Nach dem Jura-Bachelor folgte ein Master in Holland, jetzt strebt sie den Doktor an einer griechischen Uni an. Sie spricht sechs Sprachen. Selbst Ärzte, Anwälte, Bauingenieure und andere gut ausgebildete Leute über 25 Jahre bekämen das Bruttoeinstiegsgehalt von 586 Euro, erzählt die 28-jährige Griechin im Gespräch mit ZEITjUNG.

Die Finanzkrise, die Europa zu zerreißen droht, vernichtet auch Dinge, die noch gar nicht sicht- oder fühlbar sind: die Zukunft der Jungen. Mehr als zwei Drittel der jungen Griechen sind arbeitslos, die prekäre Situation des Landes reißt eine Kluft zwischen den Generationen ein; während ältere Griechen noch gute Jobs mit kündigungsschutzstarken Verträgen aus Zeiten vor der Krise haben, bekommen die nachfolgenden Arbeitnehmer nur noch befristete Stellen. Vasiliki geht morgens um 9 Uhr ins Büro und kommt abends um 8 oder 9 nach Hause, manchmal erst um 10. „Das Arbeitsrecht wird oft manipuliert und gelockert, weil es Tausende Arbeitslose gibt, die nur darauf warten, deinen Job zu machen“, erzählt sie. „Jeder kann sofort ersetzt werden“. Vor allem hochqualifizierte Leute flüchten deshalb ins Ausland. Aber was, wenn man sein Heimatland trotz allem nicht verlassen will? Vasiliki möchte in Griechenland bleiben, zuversichtlich ist sie trotzdem: „Ich habe Vertrauen und bin optimistisch, dass sich die Situation bessern wird“, sagt sie.

 

Because a vision softly creeping / Left its seeds while I was sleeping

 

Auch Panagiota Deligianni sieht mit Hoffnung in die Zukunft: „Ich glaube, dass die Welt beginnt, diese Sackgasse einer inhumanen Politik zu überdenken und die wirtschaftliche Bevormundung abzulehnen“, erklärt sie gegenüber ZEITjUNG. Sie gehört ebenfalls zu den besser ausgebildeten Arbeitnehmern in Griechenland, trotzdem ist die Grundschullehrerin sehr besorgt angesichts der aktuellen Situation – und auch ein bisschen desillusioniert: „Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch versuchen will, Menschen mit Werten und Idealen auszubilden, wenn die Welt weiterhin auf der Basis des Kapitalismus und auf finanziellem Interesse fußt und funktioniert“. Machen sich diese Zweifel auch bei ihren Schülern bemerkbar? „Die Kinder können nicht über ihre Zukunft nachdenken, für diese Art von Voraussicht sind sie noch zu klein“, erzählt die 26-jährige – „aber sie legen in der Schule deutlich mehr Aggressivität an den Tag als früher“.

Das Problem der griechischen Generation Y liegt für Panagiota vor allem in ihrer Ohnmacht: „Die jungen Leute fühlen sich herabgesetzt, weil sie nicht frei wählen und sich ausdrücken können“, sagt sie und zitiert Heidegger: Freiheit ist die Möglichkeit, zu entscheiden. Nicht die Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt oder finanzielle Engpässe schmerzen am meisten – sondern die unerfüllten Träume, die daneben leise mitschleichen. Vasiliki lebt noch bei ihren Eltern. „Ich wäre gerne unabhängiger. Vor vier Jahren war ich noch optimistischer, ich hatte Ziele, von denen ich dachte, sie erreichen zu können – ein Haus zu mieten und alleine zu wohnen“, erzählt sie. „Trotzdem schätzen wir Griechen uns glücklich, in einem wunderschönen Land zu leben. Man kann einfach vor die Tür und ans Meer gehen, die Sonne spüren und herumlaufen. Das ist der beste Weg, sich aufzumuntern – und kostet nicht einmal was!“

And the vision that was planted in my brain / Still remains

 

So hört er sich also an, der Klang der Krise. Irgendwie mehr Dur als Moll. Denn die effektiv Leidtragenden der Krise, allen voran die junge Generation, bewahren sich ihre Zuversicht, ohne Probleme zu bagatellisieren, sie konzentrieren sich auf die Werte, die ihnen wirklich wichtig sind – Familie, Zusammenhalt, Solidarität – und graben nach ihren Wurzeln: „Die Modelle des Ostens verdrängen die griechische Mentalität, die mehr kollektiv als individuell ist“, erklärt Panagiota. Auch Vasiliki ist sich sicher: „Das Allgemeinwohl ist wichtiger als das persönliche Wohl – das ist es, was wir aus der Krise gelernt haben“.

Und: Egal wie schwierig es wird, zu keinem Zeitpunkt darf man aufhören zu leben. Die jungen Leute gehen trotz der Krise viel aus, keiner beschwert sich über schlecht bezahlte oder unerfüllende Jobs, sondern ist einfach froh, einen zu haben. Was zählt, ist, nicht alleine zu sein, wie Vasiliki berichtet: „Es ist uns sehr wichtig, abends mit Freunden auszugehen, besonders die letzten Wochen, also versucht man immer, dafür Geld zu sparen.“

 

Within the sound of silence

 

Das Spardiktat belastet die Bevölkerung. „Die meisten der jungen Leute, die ich kenne, haben beim Referendum mit Nein gestimmt“, verrät mir Vasiliki. Und fügt hinzu: „Aber das heißt nicht, dass wir nicht in der EU sein wollen. Wir finden uns in Europa wieder. Nein heißt nur: Hört auf, uns zu demütigen, behandelt uns gleich, nicht wie die armen Nachbarn. Wir brauchen Solidarität von Europa.“

 

https://www.youtube.com/watch?v=C0j86LYuMU8

„In case I don’t die – a greek whisper to Europe“ heißt ein Video, mit dem griechische Schauspieler versuchen, anderen europäischen Nationen die Sichtweise ihrer Generation Y näherzubringen. Auch wenn in den Medien oft vom „faulen Griechen“ die Rede ist, sie in eine unsichere Zukunft blicken und von ihrer eigenen Regierung ent- und getäuscht wurden: Die griechische Generation Y lässt sich nicht brechen und blickt ihren Gegnern lieber freundlich und besinnt entgegen, statt sich aufzulehnen. „Hört auf, alle über einen Kamm zu scheren, kommt und trefft uns in Griechenland“, würde Vasiliki den internationalen Medien manchmal gerne sagen. „Kommt und seht, dass wir warmherzig und gastfreundlich sind!“ Es ist ein leises Ankämpfen gegen die Mauer des Schweigens, den Klang der Stille. Die jungen Griechen sind nicht wütend, sondern bereit, für sich und andere zu arbeiten. Sie sind nicht entmutigt, sondern voller Hoffnung. Sie wollen, dass ihre Stimme gehört wird, aber klagen nicht an. Oxi, das Nein der Volksabstimmung in Griechenland, war kein Schrei. Sondern ein Flüstern.

 

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Bildquelle: Youtube/ Mai Strali