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Wir sind zwar umweltbewusst, leben aber nicht danach

Unsere Generation will bewusst leben, kauft Bio-Qualität und nennt Nachhaltigkeit als wichtigen Wert. Gleichzeitig geht sie zu Primark und findet das okay.

Samstag Nachmittag, umgeben von Hunderten Leuten, steigt einem ein penetranter Chemiegeruch in die Nase. Wie im Rausch drängt man sich vorbei, an einer Schar dicker Frauen mit Kopftuch, an zu lauten Teenies mit zu viel Schminke im Gesicht, an Frauen mit Kinderwägen und gelangweilten Freunden und Ehemännern. Man wartet. Die Deckenscheinwerfer strahlen einen so gnadenlos an, dass man schon nach zwei Minuten in der Schlange anfängt zu schwitzen. Nach ewig langer Wartezeit hat man es geschafft. Spürt endlich das billige Polyester auf der Haut, die Haare fliegen, die Nähte gehen an mindestens drei Stellen auf und auf dem weißen T-Shirt sind riesige Make Up-Flecken.

Egal, kann man ja waschen. So oft hat man es eh nicht an. In der winzigen Kabine, Albtraum eines jeden Klaustrophobikers, steht dann die Entscheidung an: Was nehme ich mit? Der Pulli kratzt eigentlich schon ein bisschen, in der Bluse schwitze ich wie ein Gorilla, das Kleid hier ziehe ich doch eh nicht an. Bei einem Gesamtpreis von 25 Euro nimmt man die Sachen aber höchstwahrscheinlich trotzdem mit, weil sie so schön sind und so günstig. Außerdem hatte Kendall Jenner auf diesem Foto letztens genau das gleiche Kleid an. Muss man haben.

 

Die Papiertüten sind das einzig Nachhaltige bei Primark

 

Genau diese Irrationalität nutzen die Billigmodeketten wie Primark und Forever 21 aus. Looks wie in der InStyle für Preise wie bei KiK. Preise, bei denen man sich fragt, wie das Unternehmen eigentlich Gewinn macht. Wer einmal samstags bei Primark war, weiß die Antwort: höchstwahrscheinlich nicht über die Margen, sondern die Menge an Teilen, die Teenies und junge Leute aus den Umkleidekabinen zur Kasse und danach stolz in den braunen Papiertüten durch die Stadt und nach Hause schleppen. Die Papiertüten sind aber auch schon das einzig Nachhaltige, das das Unternehmen zu bieten hat, dass die Wegwerfmentalität und den Kaufrausch der Kunden geradezu generiert.

Dabei ist es nicht so, als wüssten wir nicht, wo Primark, Forever 21 und Konsorten produzieren, es ist den meisten von uns einfach nur scheißegal. Wie der Spiegel berichtete, hat Greenpeace 2016 durch eine Umfrage herausgefunden, dass der Großteil der jungen Leute zwar um die Produktionsbedingungen dieser Modeketten wüsste, aber trotzdem in Billigläden einkaufen würde.

 

Umweltbewusstsein Ja, Verzicht Nein

 

Während man durch Abertausende Online Trends wie #healthyfood, #cleaneating, #instahealth oder #healthyliving meinen könnte, unsere Generation wäre bewusster geworden, bezieht sich das scheinbar meistens nur auf den eigenen Körper. Laut Spiegel ist die Anzahl der Vegetarier und Veganer unter den jungen Leuten größer als unter dem Rest der Gesellschaft, auch würden die 14- bis 25-Jährigen zunehmend auf Nachhaltigkeit und biologische Herstellung bei Fisch und Fleisch achten.

Gerade der Veganismus ist zum neuen Trend der Generation-Y mutiert. Ein veganes Restaurant nach dem anderen sprießt aus dem Boden, Soja und Tofu sind die neuen Fritten mit Ketchup, und wenn wir mal ausnahmsweise bei McDonalds landen, essen wir Veggieburger und Gartensalat. Wie vielen von uns ist eigentlich bewusst, dass sich dieser trendige Veganismus nicht nur auf Essen, sondern auch auf Kleidung und Kosmetik bezieht?

Natürlich ist es leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und sein ökologisches Bewusstsein durch das Lästern über Primark unter Beweis zu stellen. Dieser Artikel wird übrigens im H&M-Pullover geschrieben, neben einem super gesunden und ökologisch wertvollen Smoothie von den Nachhaltigkeits- und Werbeprofis von Innocent.

Eigentlich wollen wir alle Bio sein, unsere Umwelt erhalten. Wollen, dass niemand für zwei Cent die Stunde arbeiten muss und dass die Tiere im Meer nicht durch unseren Müll sterben müssen. Eigentlich wollen wir überhaupt nicht, dass irgendein Tier oder ein Mensch für unseren Hedonismus sterben muss. Aber unsere Gewohnheiten wollen wir dafür auch nicht ändern. Unser Lebensstandard und unser Aussehen sind uns noch immer wichtiger. Wir trösten uns mit Argumenten, wie „Die teuren Modelabels produzieren doch bestimmt auch in Bangladesch“, „Die Globalisierung können wir eh nicht ändern“ oder „Nur, weil ich da nicht mehr einkaufe, ändert sich doch nichts“.

 

Sind wir zu bequem für Nachhaltigkeit?

 

Und es ändert sich wirklich nichts. Wir leben in einer Welt, in der Leute mit sogenannten „Primark Hauls“ ihr Geld verdienen. Wie Dagi Bee, die laut netzjob.eu angeblich über 10.000 Euro monatlich verdient. Dafür, dass sie mit ihrer ebenso blonden Freundin von „Bibis Beauty Palace“ einfach nur zeigt, was sie sich heute bei Primark gekauft hat und ihre Socken und Jogginghosen begeistert in die Kamera hält. Sogar eine „etwas teurere“ Jacke für 17€ hat sie sich gegönnt. Über eine Million Leute haben sich den Spaß angeschaut.

 

 

Jeder über 15 findet das wohl (hoffentlich) eher amüsant als inspirierend, an die eigene Nase fasst sich aber kaum einer von uns. Nachhaltigkeit ist unserer Generation als Wert angeblich sehr wichtig, das war es aber dann auch schon. Die Erderwärmung lässt sich nicht aufhalten, indem man „Eine unbequeme Wahrheit“ einen ganz tollen Film und die Arbeit von Al Gore super wichtig findet. Nachhaltigkeit ist mehr als ein Smoothie oder ein Tofu Burger.

Natürlich ist es uns allen bewusst, schließlich sind wir mit Begriffen wie Tschernobyl, Polkappenschmelze und Klimagipfel aufgewachsen. Sehen andauernd Bilder im Fernsehen von Müllinseln im Meer und Fabrikarbeitern in Indien, die 16 Stunden am Tag arbeiten und dabei ihre Gesundheit völlig ruinieren. Wir kennen alle diese Bilder, wissen, wie es um unsere Welt bestellt ist und dass jeder Einzelne von uns dazu beiträgt. Aber irgendwie schieben wir das Problem immer von uns weg, nach Indien oder Bangladesch oder Taiwan. Hauptsache weit weg von uns, damit wir uns in unserem stressigen und völlig überfüllten Leben nicht auch noch darum kümmern müssen, wo die Klammotten in der braunen Tüte herkommen. Mit Fair Trade assoziieren wir immer noch teure Produkte und viel Aufwand. Für wirkliche Nachhaltigkeit und ein umweltbewusstes Leben sind viele von uns wohl immer noch zu bequem.

 

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Bildquelle: Iulia Pironea unter CC BY-ND 2.0

Kommentare

  1. Veganismus der nicht gut durchdacht ist, ist gesundheitsschädlich. Jemand der denkt er würde die Welt besser machen, nur indem er auf tierische Produkte verzichtet, irrt gewaltig. Es müssen hektarweise Regenwald gerodet werden, um diesen „ach so tollen“ Soja anzubauen. Wichtig wäre Qualität statt Quantität beim essen. Die Dosis macht das Gift- das gilt für fast alle Lebensbereiche.

    Biene / Antworten
    • Dir ist aber hoffentlich auch klar dass 80% des regenwaldsojas zur tierfütterung verwendet wird oder? das soja für vegane produkte wird teilweise in österreich angebaut, also nix mit regenwald plattmachen. Wenn alle Menschen auf Fleisch verzichten würden bräuchte man auch weniger Soja um alle Leute satt zu bekommen,da 1 kg rindfleisch ne menge soja verbraucht wenn man es mal runterrechnet, soviel dazu

      Pseudonym / Antworten
  2. Zumindest ist der Trend zum Veganismus schonmal ein guter Schritt. Warum muss dieser hierbei ins lächerliche gezogen werden?

    Carmi / Antworten

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