Genre Guide: Was ist eigentlich Power-Pop?

Wenn der Beat in unseren Ohren dröhnt, sich Gänsehaut ankündigt und unsere Füße anfangen zu zappeln, dann möchten wir sie am liebsten auf ewig hören – diese Musik. Aber was hören wir da eigentlich? Unser Genre Guide hilft dir weiter. Alle zwei Wochen erklären wir dir einen anderen Musikstil. Dieses Mal gibt es Power-Pop auf die Ohren.

Massentauglich, spaßig, locker-flockig, aber dennoch rau, energiegeladen, manchmal sogar zähnefletschend? Ist das miteinander vereinbar? Nein, wenn man diese beiden Welten auf dem Papier nüchtern nebeneinander stellt. Ja, wenn man sich auf die Welt des Power-Pop einlässt und sich vom Beat mitreißen lässt. Denn es zappelt, es knallt, es zischt – es macht einfach Spaß, und das auf eine poppig-vergnügliche Art.

Power-Pop: die Definition

Musikalisch reiht sich Power-Pop absolut in der klassischen-Pop-Rezeptur ein: E-Gitarre, Bass, Drums, dazu gerne auch mal ein Keyboard respektive Synthesizer. Den Ton geben aber ganz klar die treibenden Drums und die E-Gitarren an. Denn das sorgt für eine besonders „mitreißende“ Atmosphäre, die Power-Pop eng an den Rock rücken lässt. Power-Pop ist demnach quasi eine Verschmelzung von Rock und Pop – massentauglich und schnell, jedoch ohne in das „Donnern“ bzw. die „Härte“ eines Hard-Rock-Songs abzudriften.

Besonders wichtig im und für den Power-Pop sind darüber hinaus melodische Hooks. Sie animieren zum Tanzen, sie reißen mit – sie arten aber nie derart in etwas „Wildem“ aus, wie es in einem Rock-Song durchaus geschehen mag. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist zum Beispiel „My Sharona“ (1979) von The Knack. Wer den Song einmal gehört hat, erkennt ihn von da an auf Anhieb nach den ersten Takten und möchte, zumindest sofern man dem Pop zugeneigt ist, umgehend auf die Tanzfläche stürmen. In Bezug auf den Gesang zeichnet Power-Pop ferner aus, dass der Gesang bei aller Progressivität harmonisch gehalten sein sollte. Häufig finden sich in Power-Pop-Songs daher auch Parts mit mehrstimmigem Background-Gesang, der dem Song ein besonders harmonisches Fundament zur Verfügung stellt.

Verwandt und verschwägert

Die Tochter von: Pop

Beste Freundin: Pop-Punk

Hassliebe: Indie-Pop

Die kleine Cousine von: Alternative Rock

Können sich nicht ausstehen: Noise Pop

Verwechslungsgefahr mit: College-Rock

Power-Pop: der Ursprung

Die Ursprünge des Power-Pop liegen in den späten 1960ern, als Bands sich erstmals „trauten“, nicht nur Pop nach Schema F zu spielen, sondern ihn „roher“ zu interpretieren. Ein wirklich sehr frühes Beispiel wäre hier zum Beispiel „Twist & Shout“ (1963) von den Beatles. John Lennon klingt hier als Leadsänger besonders rau – übrigens auch deshalb, weil er erkältet war. Was zunächst suboptimal erschien, war jedoch genau das, was Produzent George Martin für seinen „sandpapiernen Sound“ haben wollte. Durch den Backgroundgesang mit vielen „Aaaahs“ bleibt dem Song bei aller Schroffheit seine Harmonie und Poppigkeit zudem erhalten.

In den 1970ern erreichte der Power-Pop dann seine erste Blütezeit. Bands wie The Who und Badfinger standen für den britisch geprägten Power-Pop, während sich auf der anderen Seite des Ozeans Cheap Trick und die Raspberries zu Vorreitern des Genres aufschwangen. Mitunter gab es auch Bands, die ihren Sound mit bestimmtem Lokalkolorit versahen. Die Beach Boys standen schon immer – der Name verpflichtet – für einen eher „entspannten“ und sommerlichen Pop, sodass auch ihre Form des Power-Pop davon durchsetzt ist.

In den 1980ern war Power-Pop zwar nicht tot, musste sich jedoch anderen Genres wie dem Synthie-Pop, Post-Punk und New-Wave geschlagen geben. Mit anderen Worten, Power-Pop fristete während dieser Zeit eher ein Schattendasein. In den frühen 1990ern, angetrieben von der Grunge-Welle und mit 1970er-Punk-Elementen in der Hinterhand, entflammte das Interesse am Genre jedoch erneut auf. Bands wie die Pixies, Supergrass und Green Day schafften eine neue Art des Power-Pop, die irgendwo auf der Grenze zwischen energiegeladenem Rock, spaßigem Pop und „rotzigem“ Punk liegt.

Power-Pop: heute

Power-Pop ist heute nicht unbedingt das tonangebende, aber auch nichts das unwichtigste Genre des heutigen Rock-Pop-Kosmos. Er ist mittendrin und vermischt sich immer häufiger mit Indie- bzw. Alternative-Rock, wie Songs von Bands wie Weezer, den Killers, Sum 41 und den Wombats unter Beweis stellen. Inspiriert von frühen Power-Pop-Bands wie den Beach Boys und ihren durchaus psychedelischen Songs, tragen darüber hinaus Werke von den Arctic Monkeys, den Vaccines und den Kooks dazu bei, dass Power-Pop heute zu einem der beliebtesten Pop-Subgenres zählt.

Power Pop: auf die Ohren, fertig, los

Rupert ist ein Illustrator und Designer aus München. Er arbeitet seit seinem Designstudium als freischaffender Illustrator und Designer, national und international hauptsächlich in der Musikbranche und im Editorial Bereich. Mehr findet ihr unter: www.rupertgruber.com.

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Bildquelle: Rupert Gruber

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