Geruch meiner Jugend: ein Zimmer, 5 Jungs, eine Leidensgeschichte

Auf dem Bett herrscht Unordnung

Männer sind Rudeltiere und das ist auch gut so. Wir passen aufeinander auf, gehen im Club zusammen auf die Jagd und manche von uns teilen sich sogar die Beute. Gibt es Ärger sind die Jungs zur Stelle und reicht das Geld des Kollegen nicht mehr für einen Döner, geht das Abendessen eben auf deinen Nacken. Trotzdem braucht jeder auch mal ein bisschen Ruhe und Frieden. Blöd nur wenn man mehrere Monate lang in einem Zimmer wohnt, das nicht einmal zehn Quadratmeter groß ist, und das Gehege auch noch mit fünf anderen Männchen teilen muss.

Hier riechts nach Käse mit voller Windel

Die meisten werden das noch aus dem Schullandheim kennen: Egal ob Junge oder Mädchen alle werden mit Leuten, die man mehr oder weniger mag, in ein Zimmer gesperrt. Der große Unterschied zu meiner Situation: der Spuk ist nach einer Woche vorbei. Die Probleme bleiben aber dieselben. Zum Beispiel stinkt es im Jungszimmer, schon nach zwei Stunden – immer. Der Geruch lässt sich schwer beschreiben, aber ich stelle mir einfach vor, wie ein großes Stück Käse mit Spinnenbeinen und einer vollen Windel unter irgend ein Bett krabbelt und da verreckt. Das müsste es ganz gut treffen.

Vor allem aber erfährt man Dinge, über seine Mitbewohner, die man nie wissen wollte und sieht Dinge, die überhaupt niemals jemand sehen sollte.

Bühne frei für den Haus- und Hofexhibitionist

Kakerlakenfamilien, Spinnenkolonien und diverse haarige Ärsche sind bei uns Standard, aber seitdem wir uns ein bißchen besser kennen, verirrt sich auch mal der ein oder andere Flitzer in unser Zimmer, was wiederum fotografiert wird. Für die Familie und Freunde zu Hause. Naja eigentlich macht sich nur einer von uns regelmäßig nackig, aber dafür ziemlich oft. Unser Haus- und Hofexhibitionist lässt auch gerne mal seine Kronjuwelen aus der Hose hängen, posiert vor dem Rest von uns und frägt ehrlich interessiert ob wir auch finden, er habe “Schlepphoden”. Und nein, davon gibt es keine Bilder, ihr kleinen Schweinchen.

Sauberkeit: leider mangelhaft

Hygiene wird bei uns groß geschrieben. Als der Hund ins Zimmer pinkelte, wurde kollektiv beschlossen, dass derjenige der zuerst in die Lache tritt die Sauerei weg machen muss. In solchen Momenten bin ich mir sicher: Frauen sind die besseren Menschen.

Dreckiges Geschirr stapelt sich neben Bergen von schmutziger Wäsche bis, etwa alle zwei Wochen, einer aus der Gruppe beschließt, mit einer feurigen Rede, den Rest der Bande zum aufräumen zu motivieren. Manchmal klappt das und manchmal eben nicht. Also meistens nicht.

Schmutziges Zimmer, schmutzige Gedanken

Fast noch schmutziger als das Zimmer sind die Gedanken. Die Nächte können nämlich sehr einsam sein. Kein Wunder also, dass man nachts, getrieben von dem Verlangen nach Nähe, ein bißchen näher rückt. Der Körper geht dabei ganz automatisch auf Kuschelkurs. Trotz dieser kleinen Liebesgeschichten, mitten aus dem Leben, bleiben die sündhaften Triebe aber unbefriedigt.

Als Unbekannter in einem fremden Land bieten sich Dating Apps natürlich an, also wird kräftig getindert. Das klappt aber nicht immer, da kann es dann schon mal passieren, dass ein Rudelmitglied auffällig lange auf dem Klo verschwindet und mit einem zufriedenen Grinsen wieder zurück kommt. Eigentlich muss man fast schon froh sein, dass der Kollege überhaupt das Zimmer dafür verlässt.

Der dirty Teeny in dir – und mir

Alles in allem fühlt sich das ganze an, wie eine einzige Zeitreise zurück in die achte Klasse. Tagsüber vegetieren wir im Zimmer vor uns hin und abends werden gemeinsam die Geheimnisse des Universums entschlüsselt. Genau wie früher. Nur den Alkohol können wir mittlerweile selbst kaufen. Vorbei sind die Zeiten als man Pralinen mit Schuss von zu Hause klauen musste. Schade eigentlich, der Nervenkitzel fehlt.

Natürlich sind wir alle etwas älter als damals. Anstatt von einem Bart zu träumen, müssen wir uns jetzt wirklich rasieren, was weniger cool ist als ich früher dachte, aber die Gesprächsthemen haben sich kaum geändert. Das könnte aber auch daran liegen, dass die Entwicklung des männlichen Humors im Alter von 14 Jahren einfach stehen bleibt. Die Witze sind noch fast dieselben und eigentlich immer noch genau so unlustig wie damals, aber muss nicht jeder, wenigstens ein bisschen, lachen wenn um 2 Uhr jemand anfängt, lautstark, die bellenden Straßenhunde zu beleidigen? Ich kann unser Zimmer nicht wirklich hassen, obwohl es nur logisch wäre.

Geteiltes Zimmer, geteiltes Leid

Mehrbettzimmer haben eben auch ihre guten Seiten. Es gibt kaum etwas schöneres als gemeinsam über einen besonders lauten Furz zu lachen. Probleme mit Frauen werden in der Gruppe diskutiert und Zahnpaste wird genau so geteilt wie der Inhalt des Kleiderschranks. Vor allem aber leide ich ein bisschen weniger, wenn alle anderen auch um 6 Uhr morgens aufstehen müssen. Es könnte schlimmer sein.

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Bildquelle Titelbild: Unsplash unter CC0 Lizenz, Benjamin Merkle

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