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Intersexualität: Was kann das dritte Geschlecht verändern?

Die Regierung hat das dritte Geschlecht beschlossen. Doch was halten intersexuelle Menschen selbst davon? Das hat uns Ren verraten.

Rosa ist für Mädchen und Blau für Jungs. Und der Regebogen ist für alle, egal, ob weiblich, männlich, beides oder nichts. Seine bunten Farben sind Zeichen der Toleranz, der Vielfalt, des Friedens. Doch obwohl wir ihn immer häufiger auf Instagram, Konzerten und Hauswänden sehen, gibt es noch viel zu viele Hauswände, auf und hinter denen Toleranz und Vielfalt gegenüber verschiedener Sexualitäten keinen Platz haben. Alles, was anders ist als rosa und blau, wird ausgesperrt.

Das führt dazu, dass Intersexualität nach wie vor ein Tabuthema ist, über das wir viel zu wenig wissen. Dass intersexuell geborene Kinder immer noch umoperiert und umerzogen werden, wird weitestgehend verschwiegen. Die wenigsten können die Unterschiede zwischen Intersexualität und Transsexualität definieren. Dadurch entstehen falsche Annahmen und aus falschen Annahmen entstehen falsche Denkweisen.

 

Das dritte Geschlecht „divers“

 

Damit Intersexualität wie jede andere Sexualität anerkannt wird, hat die Regierung jetzt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, ein drittes Geschlecht im Geburtenregister einzuführen, umgesetzt. Das Gesetz tritt Ende 2018 in Kraft. Dann gibt es neben „weiblich“ und „männlich“ auch die Möglichkeit, „divers“ anzukreuzen. Vorher konnte das Feld freigelassen werden, was Intersexualität schlicht verleugnete und diskriminierte. Eine Änderung war also absolut notwendig. Doch wie fühlen sich intersexuelle Menschen selbst damit? Kann dieser Schritt ein Umdenken anstoßen?

ZEITjUNG hatte die Möglichkeit, mit einem Mitglied des Vereins Intersexuelle Menschen zu reden. Ren erzählt, was Intersexualität überhaupt bedeutet, welche falschen Vorstellungen nach wie vor kursieren und was die Änderung bewirken könnte.

 

ZEITjUNG: Was ist Intersexualität?

Ren: Früher nannte man uns Hermaphrodit, also zweigeschlechtliches Wesen. Dadurch entsteht das falsche Bild, dass beide Geschlechtsteile nebeneinander vorhanden sind. Bei Intersexuellen gibt es jedoch nur sogenannte Zwischenformen. Der echte Hermaphrodit ist also ein Mythos. Wir haben keine zwei Geschlechter – sind also nicht mal so und mal so, wie es Eingeschlechtliche erleben – sondern haben nur ein Geschlecht.

Die Definition des Bundesverbandes Intersexuelle Menschen lautet: „Der Begriff Intersexualität bezeichnet biologische Besonderheiten bei der Geschlechtsdifferenzierung. Intersexuelle Körper weisen deshalb Merkmale vom weiblichen und vom männlichen Geschlecht auf. Es handelt sich also um Menschen, deren geschlechtliches Erscheinungsbild von Geburt an, hinsichtlich der Chromosomen, der Keimdrüsen, der Hormonproduktion und der Körperform nicht nur männlich oder nur weiblich ausgeprägt ist, sondern scheinbar eine Mischung darstellt.“

 

Mit welchen falschen Vorstellungen wirst du konfrontiert?

Ich werde häufig mit Transsexuellen verwechselt. Obwohl es fünf Mal mehr Intersexuelle als Transsexuelle gibt und die Intersexualität zweifelsfrei immer körperlich feststellbar ist, landet es doch meist in der selben Schublade. Dabei sind Transsexuelle immer ganz normale Frauen und Männer, die sich als das genau andere Geschlecht „fühlen“.

Außerdem gibt es immer noch Operationen, die als Kastrierung, als Zwangstranssexualisierung bei intersexuellen Babys und Kindern durchgeführt werden. Seit nun mehr als 30 Jahren kämpfen Intersexuelle gegen die Verstümmelungen, die als Folter erlebt werden. Bisher vergeblich. Die Ärzte, die tagtäglich erleben, wie sehr sich Transsexuelle aber genau das wünschen, können vermutlich nicht verstehen, dass Intersexuelle daran Schaden nehmen. Die Ärzte gehen vielleicht davon aus, dass es nur vereinzelte Intersexuelle sind, bei denen etwas schief ging bei den OPs.

 

Was hältst du vom dritten Geschlecht?

Ich finde es gut. Dass es jemand mit dem Vorschlag vor das Bundesverfassungsgericht geschafft hat, ist nur dem Zusammenschluss mehrerer Menschen, Geldspenden, Anwälten und letztlich der Öffentlichkeit/Presse zu verdanken. Andere Fälle vorher ignorierte die Presse einfach. Bis dahin wurde ein dritter Geschlechtseintrag nämlich verhindert.

Der Intersexuelle musste ein Transsexuellen-Gutachten machen, weil die Standesämter daran zweifelten, ob der Geschlechtseintrag bei der Geburt falsch war oder Transsexualität vorliegt. Wenn sich der Intersexuelle weigerte, das Transsexuellen-Gutachten zu machen, wurde die Klage auf Streichung seines Geschlechtseintrags einfach abgelehnt – mit der Begründung, dass zweifelsfrei Transsexualität bestehe. In meinem Fall schickte das Transsexuellen-Gericht sofort einen Beschluss, dass keine Transsexualität, sondern Intersexualität vorliegt. Doch das Standesamt, die Standesamtsaufsicht sowie das für die Streichung zuständige Registergericht hielten an ihren Zweifeln fest.

Ich denke, dass Männer eben Männer und Frauen eben Frauen sind und wir etwas ganz anderes. Es wäre ein Verbrechen, diesen Fakt zu unterschlagen. Jeder Mensch hat ein Geschlecht, das körperlich angelegt ist und jede Zelle hat die Information darüber. Daran gibt es einfach keinerlei Zweifel.

 

Gibt es auch intersexuelle Menschen, die dagegen sind?

Ja. Sie sind eher darauf aus, die Geschlechtseintragung für alle zu beenden, also auch Frauen und Männern das Geschlecht zu nehmen, sowie es ihnen genommen wurde. Sie denken, dass es zu vermehrten vorgeburtlichen Abtreibungen kommen wird, da werdende Eltern ihr Ungeborenes gezielt mit Hinblick auf Intersexualität untersuchen lassen werden. Sie glauben auch, dass damit der Druck, „Mädchen“ oder „Junge“ und eben nicht „Divers“ eintragen zu lassen, größer wird. Dass die Eltern dann erst recht um jeden Preis verhindern wollen, dass ihr Kind als intersexuell geoutet wird. Viele der Gegner wollen nur ein Gesetz, ein explizites Verbot der uneingewilligten Zwangsbehandlungen von intersexuellen Babys und Kinder sowie Entschädigungszahlungen.

 

Wird die Gesetzesänderung deinen Alltag beeinflussen?

Wenn sich Gericht, Standesamt und Standesamtsaufsicht nicht querstellen, wird es wohl mein Leben ändern. Ich hoffe, das noch zu erleben.

 

Was kann die Gesetzesänderung in der Gesellschaft ändern?

Ich hoffe doch sehr, dass Schwule und Lesben durch das dritte Geschlecht endlich von der Gesellschaft als normal angesehen werden können und sich die Geschlechtswechsel, die vielleicht auch durch den gesellschaftlichen Druck entstanden sind, also die Transsexualität, verringern. Sicher wird es 20 Jahre brauchen, bis die Gesellschaft realisiert hat, dass es Intersexuelle gibt, und vielleicht noch einmal 20 Jahre, bis sie eine Ahnung davon hat, was das bedeutet.

 

Was muss noch getan werden?

Das sofortige gesetzliche Verbot geschlechtsangleichender Operationen an nicht einwilligungsfähigen intersexuellen Babys und Kindern muss eingeführt werden. Ich wurde als Kind nicht verstümmelt, ich bin weder hormonell noch operativ angeglichen worden. Die meisten Intersexuellen jedoch sind verstümmelt und kastriert worden. Dabei können wir sicher sein: Das Kind wird schon wissen, auf welches Klo es gehen muss.

 

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Bildquelle: (c) privat

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