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Servus Vorurteile, Moin Realität: So sind die Deutschen wirklich drauf

Norddeutsche sind unterkühlt und Kölner die Offenheit in Person. Vorurteil oder Realität? Das hat jetzt eine umfangreiche Studie herausgefunden.

In Deutschland gibt es vermutlich so viele unterschiedliche Mentalitäten wie Biersorten. So sind oberflächlichen Geschmackstests zufolge Norddeutsche distanzierte Fischköppe, während Berliner pampig durchs Leben loofen. Hömma, Rheinländer tragen hingegen das Herz auf der Zunge und Schwaben knausern, dass sich die Balken ihrer Fachwerkhäuser biegen.

Jetzt hat sich ein Forscherteam der Universität Jena mit der Frage beschäftigt, was an diesen Vorurteilen wirklich dran ist und dafür rund 73.000 Deutsche befragt. Die Antworten haben sie dann in einer psychologischen Landkarte zusammengefasst und – so viel können wir sagen – vielen Stereotypen den Wind aus den Segeln genommen.

Vorgehensweise

Mit Hilfe eines eigens für die Umfrage konzipierten Fragebogens haben die Forscher um Michael Wyrwich die Gewichtung der fünf Eigenschaften, die bei Erwachsenen relativ konstant sind, untersucht. Diese Merkmale, die übrigens auch die Big Five der Psychologie genannt werden, umfassen: Offenheit für Erfahrungen, Empathie, Geselligkeit, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus, also die emotionale Stabilität. Rote Werte bedeuten dabei „hoch,“ während blaue Werte für „niedrig“ stehen.

Offenheit für Erfahrungen

Psychologie Deutschland Klischee Umfrage

Viele Leute sind der Meinung, dass Hamburger weniger aufgeschlossen sind als Münchner. Werfen wir einen Blick auf die Landkarte, wird diese Meinung scheinbar durch das Nord-Süd-Gefälle bestätigt. Während im Norden vor allem blaue Werte zu beobachten sind, die für wenig Offenheit stehen, sieht der Süden Deutschlands schon aufgeschlossener aus. Allerdings gibt es hier eine entscheidende Ausnahme: in sehr großen Städten und deren Umland leben auch in Norddeutschland viele offene Menschen. So sind Hamburger und Bremer sogar aufgeschlossener als Frankfurter oder Düsseldorfer.

Hinsichtlich der Aufgeschlossenheit konnte auch kein Ost-West-Gefälle festgestellt werden, da große Städte sich deutlich hervorheben. So sind Berliner, Leipziger und Dresdner für neue Erfahrungen sehr offen, während der Großteil der Regionen in Mittel- und Ostdeutschland dafür weniger empfänglich ist. Ost und West eignen sich also nicht als Maßstab der Unterscheidung, was daran liegt, dass es innerhalb östlicher Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt viele regionale Abweichungen gibt.

Empathie

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Der Karte zufolge wohnen besonders empathische Menschen in den südlichen Gefilden Deutschlands. Die am wenigsten empathischen Deutschen hingegen sind, gemäßg des Klischees des unterkühlten Norddeutschen, vor allem in Norddeutschland anzutreffen, wobei Großstädte und ihre Umgebung wieder eine Ausnahme darstellen.

Geselligkeit

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In norddeutschen Städte wie Hamburg oder Bremen sind die Menschen genau so gesellig wie in südlicheren Städte wie Köln oder München. Das kommt daher, dass die meisten Unterschiede in puncto Geselligkeit nicht zwischen Nord und Süd, sondern eher zwischen Stadt und Land existieren. Die meisten Leute aus Regionen in Mittel- und Ostdeutschland sind hingegen nicht von der geselligsten Sorte.

Gewissenhaftigkeit

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Sehr gewissenhafte Menschen sind überall in Deutschland zu finden. In Süddeutschland, aber auch in den ehemaligen Bundesländern der DDR, lässt sich dabei eine besonders hohe Konzentration an gewissenhaften Leuten ausmachen. Ein Unterschied zwischen Stadt und Land lässt sich nicht spezifisch feststellen.

Neurotizismus (geringe emotionale Stabilität)

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Deutschland ist bezüglich der emotionalen Stabilität zweigeteilt, was sich an der historischen Limes-Linie, entlang derer einst die Grenze des Römischen Reichs verlief, erkennen lässt. So ist die emotionale Stabilität in Regionen südlich dieser Linie, etwa in Teilen Bayern und des Rheinlands, höher als in nördlicheren gelegenen Regionen. Warum die Menschen in den Gebieten, in denen sich früher die Römer niederließen, immer noch vergleichsweise emotional stabil sind, konnte nicht vollends geklärt werden. Auch sind Ostdeutsche tendenziell weniger emotional stabil als Westdeutsche.

Fazit

Insgesamt konnten die Forscher die meisten klassischen Deutschlandklischees relativieren. Die Persönlichkeitsunterschiede in einer Region, die maßgeblich an dem Entkräften der Vorurteile beteiligt waren, sind den Wissenschaftlern zufolge auch auf Migrationsmuster, also dem Umzug vom Land in die Stadt oder von Ost nach West, zurückzuführen. Dennoch können die regionalen, teils marginalen Unterschiede wichtige Auswirkungen auf die ökonomischen und sozialen Entwicklungspfade ganzer Regionen haben.

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Bildquellen:

Titelbild: Alessandra Nölting via Flickr unter CC BY-SA 2.0
Facebookbild: Casey Hugelfink via Flickr unter CC BY-SA 2.0 & Michael Wyrwich

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