Warum glauben wir immer noch an die große Liebe?

Warum glauben wir noch an die große Liebe?

Dinge, die wir vom Leben gelernt haben: Verliebt sein ist leicht, lieben ist schwer. Die Liebe ist unendlich. Aber leider nicht für immer.

Obwohl wir uns alle schon in Trauer und Schmerz um eine gescheiterte Beziehung gesuhlt haben und unser kleines Herz so hoffnungslos zerknautscht war, dass wir dachten, es könne sich nie wieder groß und stark pumpen – wir geben unsere Hoffnung nicht auf…. diese eine wahrhaftige Liebe zu finden, mit der sich alles so wunderbar federleicht anfühlen wird – und mit der wir mal steinalt und glücklich werden können. Durch eine anbetungswürdige Antriebskraft in uns, ist es uns frisch verliebt doch jedes mal wieder möglich, die neue Beziehung so zu betrachten, als wäre es dann eben die eine, die für immer hält. Und das, obwohl wir doch gerade die kleinteiligen Scherben der alten Beziehung verräumt haben.

Und dieses Phänomen trifft nicht nur diejenigen, die konstant auf der Suche nach einer Beziehung sind. Auch wenn wir glücklich unser Single-Dasein zelebrieren, wir wirklich gerade nichts festes suchen –  weil wir die Tobseuche haben und uns noch ausleben wollen – selbst dann implizieren wir eben jenen Zustand, dass wir eben solange wild und frei sind, bis dann mal der eine Mensch vor uns steht.

Generation beziehungsunfähig? Von wegen!

Wir reden viel über unsere angeblich verkorkste Generation. Darüber, dass sich ja niemand mehr festlegen will und überhaupt, dass wir alle Egoisten sind, die nur ihre eigene Selbstverwirklichung anstreben. Kompromisse wollen wir eigentlich keine mehr schließen, denn wir haben ja aus den Fehlern alter Beziehungen gelernt. Wir wissen jetzt nur um so mehr, was wir NICHT wollen.

Nach dem zweiten Glas Rotwein in der WG-Küche scherzen wir dann über verbitterte Katzenlady-Szenarien und darüber, dass potentielle Kinder ja eh nur anstrengend sind und außerdem eine  Partnerschaft eh viel zu stark verändern. Der dritte Rotwein gibt uns dann den Rest. Wir räumen ein, dass wir vielleicht doch irgendwann wieder Teil eines „Wirs“ sein wollen. Und genau in diesem Moment öffnen wir still den Spalt unseres kleinen Hoffnungsfensters. Das Fenster, in dem wir dann doch mit einem Partner Hand in Hand und dem Kind im Tragetuch wandern gehen. Dieses romantische kleine Fenster, welches uns auf die heile heile Zukunftswelt blicken lässt, in der man dann im hohen Alter bitte nicht alleine auf der Parkbank sitzt.

„Das Verliebtsein und das Vorstellen der Endlichkeit passen emotional überhaupt nicht zusammen“

Und ja, natürlich haben wir nach hässlichen Trennungen unsere gesetzten Prinzipien á la „Jetzt bleibe ich erst mal lange alleine und finde zur mir Selbst“ oder „Monogamie ist doch eine kulturelle Farce, warum soll ich mich auf nur einen schönen Menschen festlegen?“.

Aber was ist das Geheimrezept um jemand Neuen kennenzulernen? Ganz einfach: Man propagiert still für sich und laut für alle, erst mal Single zu bleiben. Und zwar as long as possible.
Und natürlich passiert dann das, was wir so dringlichst vermeiden wollten – wir stolpern über diesen einen Menschen, der unsere so wertvollen neuen Grundsätze einfach mal komplett durcheinander rüttelt. So wird ein „Ich will die Freiheit der Welt und Straßen aus Zucker“ halt dann ein „Diesmal gehe ich es langsam an“ und ein „Vielleicht sollten wir exklusiv sein?“

Und zack – boom – bonjour: Plötzlich sind wir wieder Teil einer Beziehung. Man hegt und pflegt die selben Hoffnungen auf ein Neues. Und das, obwohl wir bereits aus der letzten Beziehung erfahren haben, dass es sehr wahrscheinlich nicht für die Ewigkeit hält. „Die Vorstellung der Unendlichkeit ist ein großer Motor im menschlichen Verhalten und nicht totzukriegen. Obwohl man immer wieder die Erfahrung macht, dass die Liebe enden kann. Darin unterscheiden sich die Menschen recht wenig“ sagt Paartherapeut Ulrich Clement im Gespräch mit Zeit Online über die Liebe. Das Verliebtsein und das Vorstellen der Endlichkeit passten emotional überhaupt nicht zusammen, setzt er hinterher.

Es gibt in einem Leben mehrere große Lieben

Kann es in unserem Leben denn nur die eine einzige große Liebe geben? Klare Antwort: Nein! Aber: Es gibt diese eine ganz große Hoffnung. Das romantisierte Gefühl von der großen Liebe, die einfach jede Krise meistern kann. Die Hoffnung, diesmal den Seelenverwandten an der Hand zu haben. Auch wenn wir sehen, dass unsere Eltern wie die meisten anderen geschieden sind und um uns herum jahrelange Partnerschaften zerbrechen. Wir hoffen, dass jetzt bei uns alles anders wird. Dass wir aus unseren Fehlern gelernt haben und den anderen diesmal so akzeptieren können, wie er nun mal ist. Und Gott sei Dank haben wir diese Hoffnung im Grunde nicht verloren – ohne sie hätte das alles ja gar keinen Sinn.

Diese Blauäugigkeit ist das Beste was uns passieren kann, denn ohne könnten wir nicht wachsen und uns weiterentwickeln. Unsere Vorstellung von Beziehung und unsere Ansprüche an den anderen verändern sich konstant.
Aber wir haben gleichzeitig auch jede zerbrochene Partnerschaft gebraucht. Eine vergangene Liebe war groß, das mag sein. Wir können sie in unser mentales Erinnerungskästchen ablegen, aber wir müssen aufpassen, dass wir ihr nicht unsere zukünftige Liebe opfern.

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Bildquelle: Jose Chomali via unsplash unter CC0

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