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Von der Wurstigkeit der Welt oder warum es sich lohnt, gut zu sein

Ein Plädoyer für das Selbstlose im Menschen.

Es fängt bei Kleinigkeiten an. Zum Beispiel, pünktlich zu sein. Während ich noch zwei Minuten ums Café tigere, lässt mich meine Freundin 15 Minuten warten. Sie lächelt, zuckt die Schultern. Ja, ich weiß, kommt vor, gar kein Problem. Kann ich total verstehen, lächle ich zurück. Innerlich gibt es natürlich den Teil, der das auch wirklich versteht. Und 15 Minuten Lebenszeit machen die Wurst wohl nicht fett. Aber ein anderer Teil in mir findet es grob ätzend, fragt sich, ob 15 Minuten Verspätung legitim sind, weil jemand seine Netflix-Sucht befriedigen musste und ob die Flexibilität unseres Zeitgeists alles entschuldigt.

Und das klingt bestimmt dramatischer, als es gemeint ist, weil es nicht um das Zuspätkommen per se geht. Es geht um die kleinen, aber feinen Respektlosigkeiten im Alltag. Die Konfrontation von dem, was man selbst als gute Erziehung, als wertvolle Eigenschaft gewohnt ist, mit dem, was einen an der Menschheit zweifeln lässt. Und die Frage, warum man nicht selbst die Seiten wechselt, warum man eigentlich immer so verdammt nett sein muss. Come to the dark side – we have cookies.

 

Liebe ist die schönste Form der Selbstzerstörung

 

Wir leben in einer Zeit, in der es anscheinend ganz schön leicht fällt, Respekt und Moral über Bord zu werfen, wenn es ums Zwischenmenschliche, Alltägliche geht. Vielleicht liegt das daran, dass wir uns von diesen Werten durch unser Engagement für Umweltschutz und gegen Diskriminierungen freigekauft haben. Wir leben in einer Zeit, in der Ghosting normal zu sein scheint, in der es ein Portal für Seitensprünge gibt, Narzissten die Welt regieren, in der alten Menschen nicht mehr über die Straße geholfen wird. Man sich hinterherlaufen lässt, wenn der andere die Organisation von Konzertkarten oder Geschenken übernimmt. Wenn jeder an sich denkt, dann ist an jeden gedacht – mit diesem Grundsatz haben sich wohl einige angefreundet.

Dazu kommt, dass es mindestens anstrengend, wenn nicht sogar zerstörerisch ist, gut zu sein. Denn Geduld wird ausgenutzt. Mutig zu sein bedeutet auch Enttäuschungen. Auf der anderen Seite eines Schattens ist es ganz schön einsam, wenn man alleine über ihn springt. Keiner will mehr Verantwortung. Intelligenz und Schönheit bringen Neid, Selbstlosigkeit Unverständnis. Liebe ist wohl die schönste Form der Selbstzerstörung. Und was sind das bloß für seltsame Menschen, die die Welt am Montagmorgen schon schön finden?

 

Warum sollte man gut sein?

 

Gibt es heutzutage überhaupt noch einen Grund, gut zu sein? Sicherlich nicht für einen Gott, den haben wir laut Nietzsche eh getötet und laut meiner Yogini sehen wir ihn trotzdem in der ganzen Welt. Überhaupt, was gut ist, kann eigentlich niemand beantworten ohne in moralischen Absolutismus zu verfallen. Altruistisch zu sein bedeutet nicht automatisch nicht-egoistisch zu sein. Und Solidarität gäbe es sicherlich auch zwischen Bösewichten.

Vielleicht fehlt der Generation Y chronisch Oxytocin. Dieses Hormon fördert Bindung, wird eigentlich bei Sex und Wehen ausgeschüttet. Denn schwanger sind gerade wohl die Wenigsten. Und sich heutzutage beim Sex zu verlieben, ist einfach fatal – verständlich, dass wir uns von dem bisschen Kuscheln nicht mehr mit jemandem verbinden fühlen wollen. Hormone hin oder her.

 

Einfach, weil man es kann.

 

Ja, es wäre so verführerisch, sich dieser Wurstigkeit anderen Menschen gegenüber auch zu bedienen, auch so zu tun, als wäre man das Zentrum der Welt, Respekt eher fakultativ als obligatorisch zu sehen. Und die Antwort auf die Frage, warum man gut sein sollte ist wohl einfach und gemein zugleich: Weil man es kann!

Denn wir alle brauchen diese guten Menschen, sind sie doch Vorbilder, die irgendwie alles können. Die so viel Disziplin haben, dass sie sich vom Computer losreißen können. Die es schaffen, für andere Konzertkarten zu besorgen, wenn alle anderen selbst Suppe anbrennen lassen. Die es aushalten, wenn man verletzt auf Wahrheit reagiert. Die vergeben können, dass Menschen noch nicht so weit sind wie sie. Die die nötige Resilienz haben, um an alltäglichen Widrigkeiten zu wachsen. Weil das, was den Guten so leicht fällt, für andere schwierig ist. Sie können Größe zeigen, weil sie sie haben. Und wenn die Integren ehrlich zu sich sind – und das sind sie – wissen sie auch ganz genau, dass es sich lohnt, gut zu sein und man weitaus weniger enttäuscht wird, als man manchmal denkt.

Kommentare

  1. K.A. wie alt der Artikel ist. Ich wäre auch gerne so, wie oben beschrieben, aber es fühlt sich an, als würde man sich selbst aus dem Schlamm der „Wurstigkeit“ ziehen müssen, was immer irgendwie scheitert.
    Gleich und gleich gesellt sich gern. Ich sehe es auch bei Anderen. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Wirklich „guten“ Menschen will ich mich nicht antun.

    Ich möchte behaupten: Wir leben in einer grundlegend falsch ausgerichteten Gesellschaft, in der die gesellschaftliche Reproduktion defacto noch immer dem Primaten der Materie folgt (Kohle scheffeln, auf Kosten von Mensch und Umwelt). Dieser Stress, des niemals Genughabens, der die gesellschaftliche Hierarchie durchzieht und definiert, erzeugt in uns allen psychologische Störungen, bei den einen mehr, bei den Anderen weniger. Ich beispielsweise habe noch nie einen Menschen geliebt. Hört sich mies und erbärmlich an, ist aber so. Was soll man dagegen machen, wenn man es nicht aus eigener Kraft ändern kann? Man hat es reflektiert, und kann sich zurückziehen, ohne anderen zu schaden. Ist doch schon mal gut. Größenwahnsinnige hatten wir genug.
    Ich finde komplette Kompensation in diversen Süchten. Versuche ich mich zu lösen, schlägt sie umso härter zurück. Es sind keine Süchte, die mich körperlich schädigen. Sie lähmen mich nur, verhindern mein Fortkommen. Ich kenne zig Leute, bei denen es genauso ist. Man versucht zu entkommen, kommt in einen neuen Frame, hält ein wenig durch, aber man kommt ins Straucheln, irgendwas läuft falsch, man verliert die Kontrolle, es gibt keinen Halt, keine Hilfe, nirgends. Letztlich ist sich jeder selbst der Nächste. Es gibt einen Grund dafür, warum es immer ein ganz Unten gibt. Wenn ich selber noch nicht dort bin, dann beruhigt mich der Gedanke, dass es Menschen gibt, die schlechter dran sind, als ich. Klingt irgendwie kaputt, aber diese unbewusste Emotion ruht in Vielen. Sie würden es niemals zugeben, aber wer beobachtet, kann nur diesen Schluss ziehen.

    In den Medien ist dies alles maximal ein Randthema. Wer vögeln will, muss fröhlich sein, heute mehr denn je, wo alles immer „tiefgründiger“ wird. Für die breite Masse ist man selbst schuld. Jeder sieht nur den Splitter im Auge des Anderen. Die Religion hat uns auch noch nicht losgelassen. Schuld und Scham sei dank. Als Schuldiger muss ich selbst rauskommen. Therapie gemacht, nichts gebracht. Selbsthilfebücher gelesen, nichts gebracht. Irgendwas fehlt. Ich kann es im Fernsehen sehen und auch benennen, aber ich kann es nicht fühlen. Dennoch lässt es sich aushalten, nennen wir es vegetieren. Die einen tun es mit mehr Initiative, die anderen mit weniger, aber die meisten hängen am Tropf äußerer Gebundenheit.

    Die „Guten“ sollen kommen, und einen fetten, kreativen Hammer der Energie auf unsere Köpfe niedersausen lassen, auf dass es ein radikales und heilsames Erwachen gibt, beispielsweise in Form eines neuen gemeinschaftlichen Systems, das den „Guten“ die Herrschaft einräumt, und nicht den Gierigen und Machtgeilen, wenn es denn dann sowas wie Herrschaft überhaupt noch geben muss.

    Ok, zu negativ. Die Schublade hatte wir schon. Weiter geht’s wie immer.

    Malaclypse / Antworten

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