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Mixed + Singles = Mingles: Sind wir oder sind wir nicht?

Was hätten’s denn gern? Ein bisschen was von allem, bitte! Warum immer mehr junge Paare nur so halb zusammen sind, statt sich zueinander zu bekennen.

„Ich lebe nun seit fast zweieinhalb Jahren in einer Halbbeziehung und habe jetzt endlich das Gefühl, dass wir uns näher sind als je zuvor.“ Das schreibt Dana86 in einem Forum. Zweieinhalb Jahre? Wer hat denn bitte so viel Zeit für etwas, das weder ganz noch gar nicht ist?

Ein anderer User berichtet, er hätte seiner Halbfreundin einen Brief geschrieben und ihr damit das Ultimatum gesetzt, sich für oder gegen eine richtige Beziehung zu entscheiden. Den Brief legte er morgens auf den Tisch – am Abend war er immer noch verschlossen. So viel zum Interesse an Kommunikation. Was ist da draußen los? Diese halbgaren Paarungsversuch verlieren sich anscheinend in kompletter Unverbindlichkeit.

 

Keine Beziehung, keine Verantwortung

 

Es ist nicht so, dass man das nicht selbst kennen würde. Ich habe auch Freunde, die ab und zu den gleichen Partner, pardon, Begleiter mitbringen – und den Fragen der Clique nach dem Beziehungsstatus aus dem Weg gehen. Es fallen immer die gleichen Antworten, zum Beispiel: „Wir haben darüber noch nicht geredet“ (nach einem halben Jahr Dates. Und die Zahnbürste steht auch schon da) oder „Man muss nicht immer alles definieren“ (klar, aber man möchte doch wissen, mit wie vielen anderen Menschen diese Person schläft, oder etwa nicht?).

Die Eheberaterin Sigrid Sonnenholzer sagt dazu, dass die typischen Gründe für solche Verhaltensmuster einer tiefen Bindungsangst zugrunde liegen. „Etwa 60 Prozent der Festgebundenen sind auf Singlebörsen unterwegs, um sich nach etwas Besserem umzusehen. Oft ist es die Angst vor der Verantwortung.“ Eine erschreckende, wenn auch nicht ganz neue Aussage. Denn wenn ich in die Augen meiner Freundin schaue, die seit Monaten nur so halb mit jemandem zusammen ist, dann sehe ich da immer ein Gefühl, und das ist Trauer. Trauer, dass sie denkt, irgendwie nicht zu reichen. Für ihn. Ihn nicht komplett glücklich zu machen, schließlich würde er sie doch sonst der ganzen Welt präsentieren, anstatt herumzudrucksen, wenn die besten Kumpels wieder mal fragen, wer das Mädel denn nun sei.

 

Die Mingles sind los

 

Natürlich ist es verständlich, dass man sich in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht mehr mit Anfang 20 für ein ganzes Leben bindet, oder zumindest mal so lange, dass es zu einer Hochzeit und erwachsenen Kindern kommt. Man möchte raus und etwas unternehmen, denn es gibt so viele Angebote: Weltreisen (sogar da gibt es auch halbe), den Bachelor in der einen Stadt, den Master in der anderen Stadt machen, ein Überangebot an jungen Singles, die in Bars stehen, herumglucksen und schneller ins Bett zu bekommen sind, als man bis Drei zählen kann.

Das alles sind Nebeneffekte einer Generation, die so viele Möglichkeiten hat, dass sie lieber mal jahrelang herumprobiert, als sich auf eine Sache festzulegen. Verständlich. Nur geht der allgemeine Trend immer mehr zu den sogenannten Mingles, ein Begriff, der sich aus „mixed“ und „singles“ zusammensetzt. Menschen, die Single sind, sich aber wie ein Pärchen verhalten. Oder so ähnlich.

 

Bäumchen wechsel dich

 

„Sehr viele Scheidungskinder haben erlebt, dass Beziehungen etwas sehr Zerbrechliches sein können“, meint Eheberaterin Sonnenholzer. „Deshalb gehen sie vorsichtiger an die Sache ran und wollen nicht die gleichen Fehler machen wie die Eltern. Sie investieren bewusst nicht zu viel in eine Beziehung und legen sich nicht zu früh fest bei der Familiengründung. Der zweite Grund ist sicher die ausgeprägte Möglichkeit, sich durch die neuen Medien viel leichter auf dem Markt umzuschauen, als es früher war.“

Stimmt. Die Partnerbörsen boomen wie nie zuvor, aber das offizielle Ziel, mit dem geworben wird – eine langfristige Beziehung finden – ist dann doch eher die Ausnahme. Auch und vor allem im Internet geht es nämliche um optische Reize, Unverbindlichkeiten, die sich schnell im Web verlieren können, und bequeme Flirtausflüge in die Scheinwelt mit „Groß, langbeinig und vollbusig“.

Kein Wunder, dass das Kinderspiel „Bäumchen wechsel dich“ oft metaphorisch und augenzwinkernd für den Partnerwechsel steht. Bei dem Spiel ist jedes Kind einem Baum zugeordnet, während ein Kind in der Mitte steht und aufruft, die Bäumchen zu wechseln. Daraufhin beziehen alle neue Positionen, das Kind in der Mitte auch. Wer übrig bleibt, steht alleine in der Mitte. Das Spiel ist aus, wenn keiner mehr Lust hat zu laufen. Wenn wir seit unseren Kindertagen umherlaufen, wird es dann nicht mal Zeit, mit einem bestimmten Menschen einfach stillzustehen?

 

Am Ende bleibt immer einer zurück

 

Ich tue mich schwer mit den Halbbeziehungen. Zwar passt eine Schwarz-Weiß-Ansicht schon lange nicht mehr in unsere heutige Zeit, aber es ist doch viel einfacher, wenn man entweder alleine ist oder eben zusammen. Es herrscht schon abseits vom Gefühlswirrwarr so viel Chaos, warum sich auch noch ein Liebes-Kartenhaus errichten, welches beim ersten „Ich empfinde mehr für dich, als ich dachte“-Geständnis in sich zusammenfällt?

Fakt ist nämlich, dass bei den meisten „Mingles-Halb-Was-auch-immer“einer leidet. Sonst hätte Dana86 nicht hoffnungsvoll geschrieben, dass man sich nach zweieinhalb Jahren endlich so nah wie noch nie sein würde. Und der andere User hätte seiner Halbpartnerin kein Ultimatum in Briefform bereitgelegt.

Einer verliebt sich immer. Und was dann? Darauf hat Sigrid Sonnenholzer eine klare Antwort: „Es wäre fair, wenn derjenige, der die Unverbindlichkeit wünscht, die Beziehung beenden würde, sobald er merkt, dass es dem anderen Partner ernster wird. Nur welche Motivation sollte er dafür haben? Für ihn ist aus seiner Sicht ja alles in Ordnung. Möglicherweise hat man zu Beginn der Beziehung sogar die Spielregeln so festgelegt. Derjenige, der sich mehr von der Beziehung erwartet, sollte letztendlich die Verantwortung für sich übernehmen und die Beziehung beenden.“

Eben. Und dann steht man wieder da, wo man vorher auch schon stand – nämlich alleine. Allerdings mit gebrochenem Herzen. Das hat man mit großer Wahrscheinlichkeit nach einer beendeten Partnerschaft auch, aber dafür hat man vorher zumindest eine richtige Beziehung geführt. Und zwar ohne Versteckspiele, Warten auf Anrufe, Ausreden und peinliche Momente nach plötzlichen Liebesbekundungen.

 

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Bild: Ariadna Bruna unter CC BY 2.0

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