Smartphone-Gehwege erobern die Straßen – Geht’s noch?

Frau Straße Handy

Scroll, scroll, scroll und BAM! Hat sich der Laternenpfahl wieder in den Weg zwischen dir und dem neuesten Instagram-Post gelegt. Wir leben ganz schön gefährlich, so mit dem Handy in der Hand und dem Kopf in den Wolken. Um das Ganze nur noch mehr zu befeuern, gibt es inzwischen gesonderte Gehwege für Menschen, die Ihre Augen nicht vom Smartphone lösen können. So weit sind wir also gekommen.

 

Smombies – die Untoten des 21. Jahrhundert

 

Im chinesischen Chongqing und in Antwerpen gibt es schon seit längerer Zeit Gehwege für Smartphone-Zombies, von dem sich der Begriff Smombie abgeleitet hat. Und Vilnius hat nun nachgezogen: Litauens Hauptstadt darf sich stolz Besitzer eines 300 Meter langen Smartphone-Gehwegs nennen. Mit einem dicken, pinken Streifen trennt sich der technologiebewusste Bürgersteig von seinem normalen, altmodischen Bruder. Und diese Entwicklung ist ziemlich alarmierend. Nicht nur, weil das Wort Smombie einfach extrem bescheuert klingt, sondern auch weil es so wahnsinnig traurig ist, dass so ein Wort schon reicht, um uns zu definieren. Wir müssen jetzt tatsächlich von Pfeilen auf dem Gehweg geleitet werden, um uns eher schlecht als recht auf dem Pfad der Smartphonesucht zurechtzufinden.

 

Unfälle, Unfälle, Unfälle

 

Tatsächlich passieren im echten Leben (das ist die Welt außerhalb des Handys) immer öfter Unfälle. Und während es noch lustig und harmlos ist, wenn jemand vertieft in seine virtuelle Welt in der Fußgängerzone gegen einen Laternenpfahl läuft, sieht die Sache mit Autos schon ganz anders aus. Kurz eine Nachricht beantworten oder schnell mal die Stories checken kann ganz schnell mal zu einem Unfall führen. Im Jahr 2014 wurden Daten aus verschiedenen Notfallaufnahmen ausgewertet – und die listen 523 Unfällen, die in dem Jahr im Zusammenhang mit Smartphones im Krankenhaus endeten. In Deutschland sterben am Steuer mittlerweile mehr Menschen durch das Fuchteln mit dem Handy als durch Alkoholeinfluss. Damit hat das Handy den Alkohol als Todesursache Nummer Eins im Straßenverkehr abgelöst. Umfragen ergeben immer wieder, dass fast 70 Prozent der Menschen am Steuer ihr Handy benutzen. Muss das echt sein? Dazu kommen noch all die Fußgänger, die beim Überqueren von Straßen weder Ampeln noch einfahrende Straßenbahnen sehen. Fußgänger sind ohnehin die „schwächsten“ Verkehrsteilnehmer, und wenn dann Augen und Ohren auf das Smartphone gerichtet sind, endet das in einigen Fällen tödlich.

 

Politik reagiert

 

In diesem Sinne ist es wahrscheinlich eher positiv zu sehen, dass im Hinblick auf die steigenden Smombie-Zahlen reagiert wird, und Smartphone-Gehwege eingerichtet werden. Vilnius rühmt sich als „wahre Technologiestadt“, und zusätzlich zu den neuen Gehwegen hat die Regierung eine Verordnung erlassen, die es Fußgängern ausdrücklich verbietet, beim Überqueren einer Straße auf ihr Handy zu schauen. Die EU will nun vor allem für LKW-Fahrer die Benutzung des Handys am Steuer weiter einschränken. So sollen höhere Bußgelder verhängt – falls man denn überhaupt erwischt wird – und Softwares im Handy mit dem Fahrzeug verbunden werden, die beim Losfahren den Handybildschirm automatisch sperren. Aber müssen wir uns mittlerweile tatsächlich von Technik abhalten lassen, andere technischen Geräte zu benutzen? Es kann doch nicht so schwer sein, für ein paar Minuten sein Handy in der Tasche zu behalten.

Handysucht enthält nicht umsonst das Wort „Sucht“. Wer sich wirklich nicht mehr von seinem Handy trennen kann, sollte sich vielleicht überlegen, professionelle Hilfe zu suchen. Aber das wird wahrscheinlich (noch) eher seltener der Fall sein. Und auch wenn die virtuelle Welt mit ihrer eigenen Schönheit geradezu verlockend ist: wer ständig mit gesenktem Blick auf das Handy durch die Welt läuft, verpasst auch die schönen Seiten des echten Lebens.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz