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Hassobjekt: Der Bauchtaschenträger

Er fühlt sich lässig, er fühlt sich cool: der Bauchtaschenträger.

Zwei Menschen gehen aufeinander zu. Sie sehen sich. Sie sehen ihr Erkennungsmerkmal. Mit einem wissenden Glitzern in den Augen nicken sie sich zu. Und gehen weiter. Es sind die Bauchtaschenträger.

Was früher einmal der Inbegriff des schlechten Geschmacks war, ist heute Hipster-Erkennungsmerkmal Nummer 1. Wegen ihrer distinktiven Form wird die „Dad-Bag“ in Österreich auch liebevoll Banane genannt. Aber kann sich überhaupt jemand an diese längst vergangenen Tage erinnern, wo Bauchtaschen exklusiv älteren Touristen, Skifahrern und Kängurus vorbehalten waren?

Ob Bauchbeutel, Nierentasche oder Wimmerl, nenn es wie du willst. Für mich bleibt es einzig und allein der erbärmliche Muschibeutel, und wird es auch für immer bleiben. Die wurstförmige Ausgeburt des Grauens hat sich zwar in den 90er Jahren als Täschchen der Raver etabliert, die allererste Bauchtasche wurde aber zusammen mit Ötzi unter einer Felsmulde gefunden. Hinweise auf die Bauchtasche gab es außerdem im Mittelalter, wo man sich in runden Lederbeuteln sein Geld um den Bauch schnallte. Sicherheit und so. Soweit so gut. Jahre später hielt die Bauchtasche der Stilfrage stand, wie ein Fels in der Brandung. War die Bauchtasche also überhaupt jemals out? Nein, ihr ist bloß dasselbe Schicksal ereilt wie den meisten fragwürdigen Dingen dieser Welt: sie ist in Vergessenheit geraten.

 

Individualismus pur!

 

Kommen wir also in die 90er-Jahre (wir sind schon fast bei der Gegenwart, versprochen!). Neonfarben, Netzstrümpfe und der Grunge-Look werden hauptsächlich von der Clubszene getragen, und heute natürlich auch wieder von uns. Und seit ein paar Jahren tragen wir auch wieder Bauchtaschen mit uns rum, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass wir sie jetzt auf vollkommen revolutionäre Weise quer über der Brust tragen. Warum? Na weil wir jung, hip und anders sind! Als junge und hippe Menschen sind wir eben nicht gern konform. Wir sind so versessen darauf unseren Individualismus auszuüben, dass wir vergessen, uns mal wirklich ernsthaft Gedanken darüber zu machen wie seltsam wir mit diesem Ding über der Brust eigentlich aussehen. Und selbst wenn wir mal das fiktive Konstrukt des „Hipsters“ außer Acht lassen: das Teil sieht einfach nur albern aus und nimmt einem Erwachsenen jeglichen Rest an Selbstachtung und Würde, den er noch übrig hatte.

 

My Dadbag brings all the cool kids to the yard

 

Der Berghain-Hipster-Look ist inzwischen Stilvorbild für junge Erwachsene geworden und wird es wohl auch für eine Weile bleiben. Alle Kinder dieser Erde schnallen sich jetzt dieses Stilvakuum um die Brust und tragen es mit einer verkrampft unnatürlichen Portion an Selbstbewusstsein. Man möge meinen, die meisten würden das freshe Teil mit einem kleinen Augenzwinkern vor sich rumtragen, um der Welt zu zeigen, wie sehr sie mit Mode kokettieren können. Aber traurigerweise trägt es der normal unnormale Festivalgänger mit vollem Ernst, und genießt die schrägen Blicke dann auch noch. Was der Mensch nicht alles für Aufmerksamkeit tut. Es ist der verzweifelte Versuch, cool zu wirken, nachdem man sich jahrelang wie Plain Jane angezogen und auch so gefühlt hat. Aber Türsteher Fanny Pack hat einem das Ticket in den Club der coolen Kids gegeben, und wir tun alles dafür, um nicht gleich wieder rausgeschmissen zu werden. Wir lassen uns Porno-Bärtchen auf der Oberlippe wachsen und wollen aussehen, als hätten wir einen Monat lang nicht geduscht. Goals AF. Inzwischen ist die Bauchtasche schon fast zum Sinnbild des Hipstertums geworden, ein Erkennungsmerkmal, an dem man unterscheiden kann, mit wem man sich abgibt oder nicht. An Eleganz eigentlich kaum zu übertreffen. Und um dem Namen Dadbag alle Ehre zu machen, gibt es inzwischen Bauchtaschen, die wirklich aussehen als trage man eine Wampe vor sich herum. Da kann mir also keiner, der auch nur annähernd Stilgefühl oder Selbstrespekt hat, sagen, dass das gut aussehe.

 

Reiner Pragmatismus?

 

Natürlich gibt es auch pragmatische Gründe, sich so ein Teil umzuschnallen. Beim Feiern, Trinken und Tanzen sind deine Hände frei, und du hast immer freien Zugriff auf dein Geld oder auf dein Gras, ohne Angst zu haben, dass es dir geklaut wird. Du kannst also in Ruhe deine Rum-Mate trinken und sorglos Neonlicht-Bilder auf Instagram posten. Und sollte jemand mal zufällig mit Pfeil und Bogen auf dich schießen, hast du – wenn du deinen Fanny Pack auch wirklich hipstergerecht um die Brust und nicht um die Hüfte geschnallt hast – auch noch einen netten Stoßdämpfer, um den Pfeil abzufangen, – zusammen mit den ganzen Kommentaren, die du dir anhören musst, wenn du dir freiwillig diese Art der Hässlichkeit zumutest. Aber sollen die Hater doch haten! Du trägst gerne deinen Fanny Pack, und das nicht nur am Internationalen Tag der Bauchtasche. (Kein Witz.) Solltest du also auf jemanden treffen der – oh so boring – einen Rucksack oder eine Schultertasche trägt, kommst du einfach mit dem Grund des Pragmatismus. Fuck the system, es lebe der Muschibeutel!

Im Grunde genommen ist es ja auch egal was für Taschen wir tragen. Aber mit Trends ist es wie mit schlechten Freunden: sie kommen und bringen dich dazu, seltsame Dinge zu tun. Aber letzten Endes gehen sie auch wieder.

 

https://www.instagram.com/p/BmjMQKAgkcG/?tagged=bauchtasche

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#bauchtaschesitzt 🌚

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Scusami. . . . #fannypackswag #MrWorldWide

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Bildquelle: Unsplash unter CCO Lizenz

Kommentare

  1. Aber was in den Hossentaschen zu haben nervt auch oder nicht?

    Jan / Antworten

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