Hassobjekt: Das IKEA-Lebensgefühl – Shoppen und Fressen

Lotte Hassobjekt IKEA-Essen

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten immer montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Das Essen aus unserem liebsten schwedischen Möbelhaus.

Ein Hassobjekt von Juliane Becker. Illustriert von Lotte Düx.

Die menschliche Spezies hat es weit gebracht. Sie hat Antibiotika, Abwassersysteme und Netflix erfunden, fliegt alle paar Jahre zu einem anderen Planeten und kapiert langsam, aber sicher, dass Massentierhaltung, Atomenergie und beständige Luftverschmutzung nicht besonders tolle Modelle für die Zukunft sind. Sie hat außerdem verstanden, dass Menschen es zu Hause gerne gemütlich haben und daher preiswerte, blau-gelbe Möbelhäuser entwickelt, die unsere Sucht nach blumenbemusterter Bettwäsche und ulkig klingenden Schrankmodellen befriedigen.

Und deshalb scheint auch mindestens die Hälfte der menschlichen Spezies ihren freien Samstagnachmittag – es ist zwar Sommer, aber es regnet in Strömen, was will man also machen – in einem IKEA zu verbringen. Zwischen hundertzweiundzwanzig hippen, urbanen Pärchen, die zum ersten August endlich in ihre schnuckelige Schwabinger Zweizimmerwohnung ziehen wollen und deshalb jetzt schon mal ein wenig herumschnüffeln, ob die Blockkerze LUGGA (grün, riecht nach Apfel) oder doch eher die Duftkerze FULLGOD (weiß, riecht nach Kokosnuss) ins neue Bad passt, drängeln sich doppelt so viele genervte Eltern mit schreienden Kindern, dazwischen ein paar verlorene Seelen, die eigentlich nur kurz ihren obligatorischen, halbjährlichen Beutel voller Teelichter holen wollten und nun hineingesaugt werden in diese Galaxie voller HEMNES-Kommoden, “süßen” Kissenbezügen und Spülbürsten für 99 Cent, von denen man ja eigentlich auch mal wieder eine mitnehmen könnte.

IKEA als Kiezkantine

Jeder fünfte von ihnen wird da halt machen, wo sich Pärchen und Senioren, Anwälte und Arbeiter begegnen: Die IKEA-Fressstation. “Restaurant” kann man diese abgrundtief deprimierende, auf die Massen zugeschnittene Stadion nicht nennen, wo im Sekundentakt Fleischklöpse unbekannter Herkunft, aber mit umso witzigerem Namen auf die Teller gematscht werden. IKEA gehört zu den 10 größten Systemgastronomieanbietern in Deutschland, in Hamburg-Altona hat sich das Möbelhaus mittlerweile zur Kiezkantine gemausert. Und obwohl wir mittlerweile bei jedem Bissen wissen wollen, ob das vorliegende Hühnchenfilet auch wirklich ein gutes Leben, nette Freunde und eine ausreichende Schulbildung hatte, mampfen wir beim IKEA-Besuch Köttbullar und Elchlasagne, als hätten wir das Wort “Pferdefleischskandal” noch nie gehört. Abgesehen davon, dass IKEA sein Massenfutter mit viel zu viel Zucker, Aromen und Zusatzstoffen streckt und es trotzdem hinkriegt, uns mit seiner familiär-fröhlichen Swedishness ein absolut vertrauenswürdiges Weltbild zu vermitteln.

Am Ende steht dann das große Finale: Der Futtertrog nach den Kassen, sehr euphemistisch Bistro genannt, wo „du dich noch schnell für den Heimweg stärken kannst“ und sich die mit Regalen und Kissen und Spülbürsten bepackte Meute ein bis sieben Hotdogs gönnt, weil das nun mal dazugehört und außerdem noch wunderbar günstig ist. Papa steht also mit heraushängendem Bauch an der Topping-Station, wo er seine fünf Würste im Schlafrock liebevoll in ein Gewand aus Röstzwiebeln und Gürkchen kleidet, Mama stochert mit einem armselig anzuschauenden Holzspieß in einem Winzkarton voller Geflügel-Köttbullar und Kevin-Pascal darf sich dank des “free refill”-Angebots drei Liter einer pinkfarbenen Himbeerlimonade einverleiben, deren Name so klingt, als ob ein großer, beleibter, schwedischer Elch drei Liter derselbigen zu sich genommen und dann inbrünstig gerülpst hat.

IKEA-„Restaurants“ sind wie Pornos

Unterdessen hängt ein anderes, ungleich beleibteres Kind mit offenem Mund unter dem Frozen Yoghurt-Automaten und lässt sich das weiße Glück beseelt in den Mund- und Rachenraum rieseln. Die Mutter ist zwar in Rufweite, steht aber mit angestrengtem Blick vor einem Stapel Kekspackungen und kann sich nicht entscheiden, ob sie sich wirklich die Schokoknusperkekse gönnen oder doch nur die Haferknusperkekse kaufen soll. Der von Protestierenden herbeigerufene Möbelhausmitarbeiter kann das angedickte Stück Nachwuchs nur mit Mühe von der Frozen Yoghurt-Quelle entfernen und kehrt zurück an seinen Platz hinter der Theke, wo er mit leerem Blick Tomatenteigtaschen und Blaubeerkuchen serviert und das Ende des Tages herbeisehnt, an dem er erschöpft in sein MALM-Bett fällt und von einem Leben ohne hippe Swedishness träumt.

IKEA-„Restaurants“ sind wie Pornos: Sie dienen der schnellen Bedürfnisbefriedigung, fast jeder nutzt sie und am Ende fühlt man sich immer ein bisschen beschmutzt. Und jetzt entschuldigt mich, die GRÖNSAKSBULLAR sehen wirklich gut aus.

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