Hassobjekt: Inszenierte Aschenputtel-Vergangenheit

Von Iseult Grandjean

Als weißes Mädchen aus gutem Elternhaus hat man meistens hervorragende Bildungschancen. Hattest du eine schöne, behütete Kindheit plus lebensbegleitenden Freunden minus Drogenkarriere, sehen deine Perspektiven als Rapper allerdings nicht gerade vielversprechend aus. Es war im Business lange Zeit ungeschriebenes Gesetz, dass nur schwer traumatisierte Ghettokids mit Gossenvergangenheit und einem Strafregister bis nach Kasachstan authentische Künstler werden können.

 

Schmollmund, Kindchenschema, pralle Brüste – wer will das schon

 

Auch bei Castingshows werden generell nur Kandidaten mit traumatischer Vergangenheit näher beleuchtet. Manchmal stelle ich mir vor, wie der Aufnahmeleiter beim RTL-Dreh dem talentierten und nervösen Lockenschopf da vorne zuruft: „Super Stimme, aber wir müssen das Publikum auch dazu bringen, dich zu lieben!“ Und dann in Richtung Assistent murmelt: „Keine Sorge, dem packen wir einfach eine traurige Story drauf. Hast du noch was aus der Krebskiste?“ Tja, und westliche Schauspieler aus besten Verhältnissen, die mit liebenden und reichen Eltern aufgewachsen sind und Drogen mehr aus Langeweile denn aus irgendwelchen anderen Gründen nehmen, mit welchem kometenhaften Aufstieg wollen die uns den American Dream glaubwürdig verkaufen? Ihr Ghetto-und-Gossen-Surrogat ist das vergangene Dasein als Mauerblümchen.

So erzählt heute also gefühlt jeder zweite Hollywoodstar, dass er ja so eine furchtbare Kindheit hatte. Gemobbt wurden sie, einsam fühlten sie sich und hässlich waren eh alle. Furchtbar hässlich! Man will nicht zynisch sein, aber verdammt, man sieht einfach nicht sein ganzes Leben aus wie eine schäbige Natter und wacht dann eines Tages als Rosie Huntington-Whiteley auf. „Ich sah ein bisschen aus wie Ugly Betty, als ich 15 war“, erzählte diese nämlich dem US-Magazin Haper‘s Bazaar. Sie sei zu ihrem ersten Casting sogar „in Turnschuhen, mit geflochtenen Zöpfen, einer Tonne Make-up und gezupften Augenbrauen gekommen“. Zahnspange hatte sie auch, klar.

Gut, wenn man jung ist, ist das mit dem Selbstbewusstsein immer so eine Sache. Aber wer schon zu einem Model-Casting geht, kann sich sooo scheiße jetzt auch wieder nicht finden, oder? Andere weibliche Stars heulen rum, wie man früher auf ihren jetzigen Schönheitssymbolen  rumtrampelte: Mila Kunis wurde wegen ihrer großen Augen in der Schule gehänselt, Scarlett Johansson wegen ihres Schmollmunds, Katy Perry wegen ihrer großen Brüste. Ach, die Armen! Schmollmund, Kindchenschema, große Brüste – welche Frau will das schon?

 

Über das Paradox der Diva

 

Wieso eine schwierige Kindheit von Berühmtheiten so ostentativ inszeniert wird, lässt sich sogar wissenschaftlich argumentieren: Diese Strategie ist das perfekte Werkzeug, das ihnen zur vollendeten Verkörperung des Starkultes verhilft. Elisabeth Bronfen schreibt nämlich in Diva. Eine Geschichte der Bewunderung“: „Mit dem klassischen Star hat die Diva auch den Widerspruch gemein, dass sie sowohl etwas Besonders als auch etwas Vertrautes ist, berühmt und gleichzeitig normal. Die Diva fordert uns auf, sie zu vergöttern, weil sie einzigartig ist, und sie gleichzeitig zu lieben, weil ihre Einmaligkeit nichts anderes als eine intensivere Version unserer eigenen Subjektivität darstellt.“

In der Schilderung ihrer schwierigen und einsamen Kindheit erlauben die Stars uns, sich mit ihnen zu identifizieren, sie begeben sich auf unsere Stufe und signalisieren: Wir sind auch nur Menschen, mit Schwächen und Gefühlen – verherrlichen und distanzieren sich aber im selben Moment auch wieder, denn sie haben diesen Zustand ja überwunden und sind in andere Sphären eingetreten. Anders als wir haben sie aus ihrem Schmerz geschöpft und ihn in etwas Produktives verwandelt.

Die Mobbing-Vergangenheit schafft die Möglichkeit, ihren Erfolg gleichzeitig zu relativieren und zu überhöhen: ist schließlich viel beeindruckender, wenn man sich vom Tellerwäscher zum Millionär erst mühsam hocharbeiten musste, anstatt zuzugeben: Ja, ich war schon immer schön und beliebt, ich habe einen reichen Vater, eine einflussreiche Mutter und wahrscheinlich auch einfach verdammt viel Glück. Sie frisieren ihre eigene Geschichte – auch wenn das in ihrem Fall heißt, ihrer Geschichte einen ausgefransten spröden Vokuhila zu verpassen. Weil ihre metaphorische Wallemähne dagegen nur noch heller strahlt. Und vielleicht tun sie damit eigentlich nichts anderes, als unsere idealisierte Vorstellung vom Startum zu bedienen.

 

Mitleid oder Neid – ihr könnt nicht alles haben!

 

„Solche Worte machen menschlich. Und bieten trotzdem weiterhin eine Projektionsfläche für Sehnsüchte und Bewunderung“, schreibt auch Gregor Rudat auf jetzt.de. Bildergalerien mit Titeln wie „So hässlich: Diese 15 Stars wurden früher gemobbt“ befriedigen nicht nur einen gewissen Voyeurismus, der uns das wohlige Gefühl einträufelt, bei denen war auch nicht immer eitel Sonnenschein. Sie enttäuschen auch Hoffnungen. Stiften uns dazu an, irgendwie zu erwarten, dass sich dieser Durchbruch auch bei uns noch ergibt und man eines Tages wunderschön und mit Jessica-Al(b)abasterhaut aufwacht. Auch wenn es eine romantische Vorstellung ist: so funktioniert das Leben nicht. Geht man seinen eigenen Bekanntenkreis durch, stellt man schnell fest: wer jetzt cool, hübsch und beliebt ist, war höchstwahrscheinlich in der Schule schon cool, hübsch, beliebt und ging mit dem süßesten Typen aus der Oberstufe. Und die Nerds von früher sind heute immer noch socially awkward.

„Stars ganz offen“ titeln die Klatschblätter, wenn wieder mal ein Schauspieler/Model über seine tragische Jugend auspackt. Fast wünscht man sich einen Star, der einmal in einem Interview zugibt: Ja, ich war früher Abschlussballkönigin. Ich hatte Freunde und sah schon immer so toll aus wie heute. Das ist halt mein Gesicht, kommt drauf klar. Oder der zumindest eine durchschnittliche Story einer total durchschnittlichen Pubertät erzählt, eine Handvoll Freunde, meinetwegen ein paar Pickel, aber bitte nicht die ewige Leier vom hässlichen Entlein. Das wäre doch mal offen. Ein schöner Schwan ist nämlich, wenn er klein ist, auch kein hässliches Entlein. Sondern ein Baby-Schwan.

Man hat uns gesagt, eine "witzige Kurzbeschreibung" zu unserer Person zu schreiben. Schrecklich, sowas übt immer enormen Druck auf mich aus. Also: Ich bin leider nicht mehr Ende 10, sondern mittlerweile Anfang 20, liebe Gin Tonic und Zitroneneis. Wenn ich nicht gerade Vorlesungen der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft schwänze, beobachte ich fremde Menschen in der U-Bahn und schmiere meine Gedanken in ein existentialistisches Suhrkamp-Notizbuch oder überrede Bands und Sänger dazu, Pfefferminzlikör mit mir zu kippen. Und den Witz überleg ich mir morgen.