Hassobjekt Lotte Düx Rosinenpicker

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten ab sofort immer montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: „Rosinenpicker“.

 

Ein Hassobjekt von Nadine Zwingel. Illustriert von Lotte Düx.

„Das weiß ich jetzt noch nicht genau, lass mal drüber quatschen, wenn es soweit ist, ok?“ – Ist ja nicht so, dass ich diesen Satz nicht selbst bereits einige Male aus meinem Mund hab kommen hören. Aber was zur Hölle soll das eigentlich? Heißt es nicht immer „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“? Wenn ich dich nun also bereits Wochen im Voraus frage, ob du mich zu diesem oder jenem begleitest, müsste es dann nicht heißen: „Ja aber absolunbedingt, meine Liebe“? Nicht so in dieser Welt, denn die Fräuleins und Herrschaften sind ja ach so spontan. Und dann plötzlich: „Moment mal, das ist jetzt aber doch wieder zu kurzfristig, da hab ich jetzt schon was anderes vor!“ Zuvor aber noch: „Ich plane nie, das weißt du doch!“

 

Fallbeispiel „Nachricht zu spät lesen“

 

Ganz beliebt ist auch die Methode des „Gar-nicht-mehr-Antwortens“! Die funktioniert folgendermaßen: Du fragst deine Freundin circa zwei bis drei Wochen vorher, ob sie Zeit in zwei bis drei Wochen hat, mit dir auf ein bestimmtes Event zu gehen. Sie dann so: „Ja aber absolunbedingt meine Liebe!“  – Du bist höchst zufrieden mit der Antwort und freust dich auf das bevorstehende Ereignis.

Der Tag der Freude naht! Also nochmal die Veranstaltungsbeschreibung gecheckt, Uhrzeit gecheckt, Anfahrt gecheckt – läuft! Zum Handy gegriffen und schnell „Morgen steht schon noch, oder?“ getippt. Klick – versendet. Jetzt heißt es warten. Du könntest ja auch eigentlich mal anrufen! Es tutet. Niemand hebt ab. Ok, wird sich schon noch melden. Im selben Moment macht es „Bing“ – tatsächlich, eine Antwort! Warum ist sie denn eben nicht drangegangen? Am Display leuchtet „Was war morgen nochmal?“. Du bist bereits leicht angesäuert. Hat sich deine Wochen im Voraus auserwählte Begleitung anscheinend nicht einmal halb so sehr auf den gemeinsamen Tag gefreut wie du. Na egal, erklär ich das Ganze eben nochmal lang und breit: „Du weißt schon, das und das, um so und so viel Uhr in der Straße XY, wo wir dann dies und das machen können!“

Und nun? Was ist nun? Nichts. Keine Antwort mehr. Telefonterror machen ist unter deiner Würde, also bleibt dir nichts anderes übrig, als darüber nachzudenken, ob du nun allein hingehst, versuchst eine andere Begleitung zu finden oder einfach gleich zu Hause bleibst. Du bist auf dich und deine Entscheidung allein gestellt. Toll! Übermorgen dann ein Blick aufs Handy: „Hey, tut mir total leid, hab es jetzt erst gelesen – ich war gestern dann mit Tina im Dingsbums! Wars denn schön?“ AHA!!! So ist das also! Von wegen nicht gelesen! Nur weil kein blaues Lesehäkchen dran war? Ja, das habe ich kontrolliert! Bin ich jetzt verrückt? Ja, das ist verrückt! Verdammt! Sollte nicht meine Freundin das schlechte Gewissen haben?

 

Die dreckigste Türklinke der Welt

 

Sich alle Hintertüren offen halten zu wollen, ist zu einer Art Volkskrankheit geworden. Da wir die Möglichkeit besitzen, selbst in der allerletzten Sekunde noch zu- oder absagen zu können, ist das eigentlich auch gar kein Wunder. Was ist nur aus den Zeiten geworden, wo man sich noch an Verabredungen gehalten hat, weil man den anderen nicht mehr rechtzeitig erreicht hätte, um das Ganze zu canceln? Werte wie Verlässlichkeit und ein gewisses Maß an respektvoller Aufmerksamkeit – gibt es sowas noch?

Überall lauern sie, die vielen Hochzeiten, auf denen man tanzen könnte! Gilt es also nur noch herauszufinden, auf welcher Hochzeit die beste Musik spielt! Jein, vielleicht, eventuell sind die Worte die wir heute benutzen. Schließlich könnte tatsächlich immer noch ein besseres Angebot kommen. Der Griff der Hintertür muss bereits völlig abgegriffen und verkeimt sein. Zeit, ihn mal zu desinfizieren, oder? Die Schlange an der Hinterschwelle geht bereits dreimal um die Welt, da hat sich bestimmt nur die Hälfte die Hände gewaschen! Und außerdem: ist vorne raus nicht viel kürzer?

 

Der gute alte Kompromiss

 

Überall findet man Entscheidungsaufschieber. Ich frage mich, wann ist er denn ausgebrochen – der Egomanenvirus? Was, wenn sich alle Rosinenpicker mal zusammenrotten – gäbe es bei dem Machtkampf um die dickste Beute nicht unzählige Tote und Verletzte? Oder erinnert man sich dann plötzlich wieder an den kleinen charmanten Lösungsansatz namens „Kompromiss“? „Wenn du die fette Rosine nimmst, bekomm ich dafür zwei kleine!“ „Deal!“ Ich drifte gerade ab. Habe mich da ganz schön hineingesteigert. Obwohl auch ich manchmal knallhart bin, was die ein oder andere vermeintlich saftigere (man bemerke: eigentlich handelt es sich um vertrocknete alte Früchte) Rosine betrifft.

Beruflich betrachtet zum Beispiel möchte jeder sich selbst verwirklichen – und das ist auch irgendwie verständlich. In Beziehungen ist das schon fragwürdiger. Lohnt es sich wirklich, immer darauf zu warten, dass jemand plötzlich in mein Leben treten könnte, der dann noch besser zu mir passt? Oder entscheide ich mich einfach mal für den anfänglichen Kompromiss und arbeite daran, dass es zur besten Wahl meines Lebens wird?

Liebe Leute, die Welt dreht sich und ja, es kann sich immer wieder alles verändern! Nichtsdestotrotz ist es doch auch ein gutes Gefühl, wenn die Warteschleife durchbrochen wird, da man sich bereits festgelegt hat. Nur weil sich kurzfristig mal interessantere Eventualitäten ergeben könnten, bedeutet das nicht automatisch, dass es am Ende auch tatsächlich so ist! Denn wie heißt es so schön? Wer versucht, sich immer alle Türen offen zu halten, der wird sein Leben auf dem Flur verbringen! Und pssst, hey: im Flur gibt’s nicht einmal Stühle!

 

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Lotte Düx ist eine junge Illustratorin und Designerin, die nach Stationen in Wiesbaden und Köln ihre Wahlheimat in München gefunden hat. Mit einer Vielfalt an Stilen illustriert sie pointiert und detailverliebt ebenso das Schöne und Skurrile, wie Missstände und das aktuelle Zeitgeschehen. Daneben findet sie noch Zeit für ZEITjUNG das wöchentliche Hassobjekt mit ganz viel Liebe zu illustrieren. Danke!