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Hassobjekt: die permanente Überforderung

Wenn einem die Welt über den Kopf wächst, muss man tief durchatmen oder Dinge hassen. Am Besten alles auf einmal. Funktioniert prächtig.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: die permanente Überforderung.

Trubel, lass nach!

Ein Piepsen hier, ein Bimmeln da, vielleicht ist es das Handy oder doch Tinnitus, wer weiß das schon so genau. Jeder einzelne von uns ist tagtäglich mit einer Flut von Eindrücken und Aufgaben konfrontiert. Zu den äußeren Einflüssen kommen zusätzlich noch die hunderttausend Stimmen im Kopf. Liebe permanente Überforderung, heute hasse ich dich.

 

Du stehst mir im Weg!

Du stehst immer da und mir im Weg bei all meinen Lebensplänen, die ich mir doch so fein säuberlich zurecht gelegt hatte. Es ist, als ob in meinem Oberstübchen eine permanente Party tobt, zu der ich nicht eingeladen wurde. Oder eingeladen wurde, aber sie verschlafen habe. Nein, bei der ich plötzlich mit Schlafanzug auf einer Bühne vor lauter Menschen stehe und einen Vortrag über Quantenphysik halten soll, ganz genau. So ist jede noch so alltägliche Handlung für mich, wenn du mir mal wieder einen Besuch abstattest, Überforderung. Ob ich vergessen habe, Klopapier zu kaufen, oder wichtige Unterlagen abzugeben; jeder winzige Fehler fühlt sich durch dich an, als würde ein kompletter Chor aus Müttern und Schwiegermüttern mich radikal niederbügeln. Und mir genau das sagen, was niemand jemals hören sollte. Dass ich versagt habe. Dass ich in dieser Welt nicht alleine überlebensfähig bin.

 

Du mach das Erwachsensein so schwierig!

Niemand sagt einem, wie schwer Erwachsensein ist, wenn du vorbeikommst, Überforderung. Du schleichst dich leise ein und sitzt dann schon morgens grinsend am Frühstückstisch. Dabei klang Erwachsensein immer so sehr nach Freiheit, bis die einzige Freiheit irgendwann darin besteht, zu entscheiden, ob man von dem restlichen Geld jetzt Nudeln oder Brokkoli kauft. Mitte des Monats. Luxusprobleme, ich weiß. Ich weiß aber mittlerweile auch, warum all die Erwachsenen, während ich klein war und Abenteuer wollte, sich nach Ruhe gesehnt haben. Leerer Kopf klang früher wie eine Drohung, heute ist es ein Heilsversprechen: Man bucht Yoga Retreats irgendwo am anderen Ende der Welt um „mal abzuschalten“, einzig und alleine, um vor dir zu flüchten, Überforderung.

 

Ruhe jetzt!

Einmal mögen sie doch alle verstummen, die winzigen Stimmen im Kopf die sagen, mach dies, mach jenes, koch mal wieder mehr Gemüse. Oma könntest du auch mal wieder anrufen, ruft eine dazwischen. „Können wir bei Ihnen jetzt endlich mal bestellen“, motzen zwei, die gar nicht in meinem Kopf, sondern sehr real vor mir sitzen. Pardon, natürlich. Sofort bekommen all die anderen Stimmen einen aggressiven Unterton und lachen, lachen mich aus. Versagen fällt bei Ihnen immer auf fruchtbaren Boden. Am liebsten würde ich den altmodischen Familienvater geben und mit der Hand auf den Tisch schlagen, Ruhe jetzt! Wenn das permanente Gequassel in meinem Kopf nicht wäre, könnte ich mich auch besser auf die Aufgaben im Hier und Jetzt konzentrieren. Wenn du nicht wärst, liebe Überforderung, dann wäre ich wahrscheinlich schon Bundeskanzlerin. Oder zumindest fertig mit meinem Studium. Manchmal verstehe ich auch, dass du mich besuchst, um mir eine Pause vorzuschlagen. Das ist dann schön. Meistens jedoch könnte ich auf dich gut verzichten.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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