Homophobie: In Mexiko ist Homosexualität noch immer ein Skandal

Cuatro Lunas

Von Anita Edenhofner

Zwei junge Menschen sehen sich tief in die Augen. Ihre Gesichter nähern sich langsam, vorsichtig, zärtlich. Sie lächeln schüchtern, schließen die Augen. Langsam berühren sich die Lippen.

Diese Szene ist Teil des Films „Cuatro Lunas“ („Vier Monde“), der in seinem Herkunftsland Mexiko einen Skandal ausgelöst hat. Denn die jungen Menschen sind beides Männer. Was gezeigt wird, ist homosexuelle Liebe, vier Geschichten von Männern auf der Suche nach Liebe. Ästhetisch, romantisch, verspielt – und doch moralisch verwerflich und gegen die Sitte. Das zumindest behaupteten katholische Organisationen in Mexiko. Sie demonstrierten und übten Druck aus, um ein Verbot des Films hervorzurufen. Letztendlich scheiterten sie, der Film kam in die Kinos, erlangte durch die Proteste noch mehr Aufmerksamkeit und wurde ein großer Erfolg.

 

Schwul ja – aber bitte nicht in meiner Umgebung

 

Dass ein Liebesdrama einen Skandal auslöste, weil es um Schwule geht, wirft die Frage auf: Wie intolerant ist Mexiko, wie intolerant ist die Welt noch immer gegen Homosexualität? Mexiko ist in dieser Hinsicht sehr gespalten. In der Hauptstadt haben Homosexuelle viele Rechte, sie dürfen heiraten und Kinder adoptieren. In allen übrigen Regionen bleibt ihnen das aber verwehrt. Vorurteile halten sich standhaft in der Bevölkerung. „Viele Leute sagen, sie haben nichts gegen Schwule – aber bitte nicht in der eigenen Familie oder Nachbarschaft“, glaubt César Ramos. Er ist einer der Hauptdarsteller in „Cuatro Lunas“. „Es muss sich noch viel ändern in dieser Hinsicht – aber nicht nur in Mexiko, überall.“

César ist Mexikaner und lebt in Berlin. Er hat den Eindruck, dass Deutschland Homosexualität toleranter und offener gegenübersteht als sein Heimatland. Wir sitzen in einem Café in der Nähe des Nollendorfplatzes in Berlin. Diese Gegend ist bekannt als Zentrum der Schwulen- und Lesbenszene Berlins. Homosexualität so offen zur Schau zu stellen wie hier, das ist in Mexiko nicht immer einfach. Die Angst, ausgeschlossen oder gemieden zu werden, ist präsent. „Ich war in der Schule selbst homophob“, gibt César zu. Er schiebt es auf den Gruppenzwang. Alle Jungs ärgerten und mobbten einen, der zugab, schwul zu sein. Um dazuzugehören, machte César mit.

 

„Ich hatte einen Transvestiten als Kindermädchen“

 

Diese Einstellung war aber nie wirklich in ihm drin, und bald war er alt genug um zu verstehen. „Ich hatte einen Transvestiten als Kindermädchen“, erzählt er lachend. Seine Eltern waren immer tolerant, haben sexuelle Orientierungen nie verurteilt oder bewertet. César selbst ist nicht schwul. Im Film kommt er Männern körperlich sehr nahe. Das nahm er aber relativ locker, hatte er doch zuvor für ein anderes Filmprojekt schon einen Penis in der Hand gehabt und so getan, als würde er jemandem einen blasen. Verglichen damit war der Körperkontakt bei seinen Dreharbeiten zu „Cuatro Lunas“ fast harmlos.

Dass die mexikanische Bevölkerung Homosexualität negativ gegenübersteht, kann man pauschal nicht sagen, das kann man wohl bei keinem Land. Im weltweiten Vergleich schneidet Mexiko mittelmäßig ab, während in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern Homosexualität noch immer lebenslange Haft oder die Todesstrafe nach sich zieht. Gerade bei jungen Menschen in Mexiko gibt es viel Bewegung in Richtung Akzeptanz und der Forderung nach Gleichberechtigung, Bewegung gegen die festgefahrenen Moralvorstellungen religiöser und traditioneller Gruppen.

 

Angst vor dem Fremden

 

Was Angst macht, ist meist das Fremde, das Unbekannte, das Andere. Angst und Vorurteile können abgebaut werden, wenn man sich mit dem Gegenstand beschäftigt und versucht, zu verstehen. Das möchte „Cuatro Lunas“ – mehr nicht. Regisseur Sergio Tovar Velarde wollte keine Revolution, er wollte keinen Skandal. Er will schwule Liebesgeschichten erzählen, die viel mit seinem eigenen Leben zu tun haben. Was danach kam – Skandal in Mexiko, gefeiert auf Filmfestivals in New York, Los Angeles und Europa – das lag nicht in seiner Hand, das sind schöne Zusatzfolgen. Was dem Team von „Cuatro Lunas“ wichtig ist, ist Menschen mit den Geschichten im Film zu erreichen, emotional und mental. César erinnert sich an ein Ehepaar, das nach der Vorstellung auf ihn zu kam. Ihr Sohn hatte ihnen die Karten geschenkt, ohne zu sagen, wovon der Film handelte. Die Frau hatte Tränen in den Augen. Sie habe gewusst, dass ihr Sohn „besonders“ sei, erzählte sie. Näher damit beschäftigen wollte sie sich nie, sie hatte ihre Augen verschlossen. „Es ist einfach nur Liebe“, sagte sie dann.

 

Amor es amor

 

Einfach nur Liebe – das ist auch das Motto, das dem Filmtitel folgt. „Amor es amor“, so der Untertitel, so klar und auf den Punkt. Liebe ist Liebe – egal, zwischen wem. So einfach dies klingt, so leicht fließt der Film vor sich hin, und erzählt einfach Geschichten, so, wie es der Regisseur wollte. „Cuatro Lunas“ wird keine Revolution in Sachen Homosexuellenrechte auslösen. Aber vielleicht ist er für Mexiko ein kleiner Schritt auf dem Weg in Richtung mehr Toleranz, Akzeptanz und Anerkennung, einfach dadurch, dass ein paar Zuschauer das „Andere“, das „Fremde“ ein bisschen besser verstehen. Und wenn nicht, erzählt er immer noch vier schöne, emotionale Geschichten, wie es romantische Komödien und Liebesdramen eben tun.

„Cuatro Lunas“ ist in Deutschland unter dem Titel „Four Moons“ seit dem 30. April auf DVD erhältlich

https://www.youtube.com/watch?v=9OvOtV1Hpcw

 

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Bildquelle: Atko Films