Fuck you, Idealismus! Über den Wert der Gleichgültigkeit

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Von Simone Mauer

Seit einiger Zeit erwische ich mich selbst dabei, folgende wiederkehrenden Gedanken in unterschiedlichsten Situationen zu haben: „Ah, das habe ich schon kommen sehen…“, „Glaub ich erst, wenn ich es sehe“ oder auch „Mhmhmm, es geht wahrscheinlich eh wieder nur um Sex. Oder um Geld.“ Manche Situationen wiederholen sich im Leben. Man fällt ein paar Mal auf die Schnauze, muss einstecken, trägt irgendwelche Spuren davon. Das gilt für verschiedene Lebensbereiche, sei es im Job, in der Liebe oder ganz allgemein im Umgang mit Menschen. Eventuell lernt man sich selbst, die Anderen und Situationen etwas besser und realistischer einzuschätzen. Irgendwann ergibt sich dann folgende Situation: Idealismus und Utopie versus Realität. Der Ist- und der Sollzustand werden kritisch beäugt und gegeneinander abgewogen. Das mit dem lebenslangen Lernen stimmt tatsächlich und der Nebeneffekt ist folgender: Wir stumpfen ab. Werden vielleicht ein bisschen zynisch, ein bisschen emotionsloser.

 

Ich erobere die Welt!

 

Von Kindesbeinen an wird man durch seine Familie, sein Umfeld und die Medien mit Wertvorstellungen und Erwartungen herangezogen, die es dann bitteschön zu erreichen gilt. Ein bisschen unrealistische Träumerei ist da teilweise schon vorprogrammiert. „Idealismus“ fett auf der Stirn geschrieben, werfen wir uns in diese wilde Welt: „Ich habe Abi, kann ja gar nichts mehr schief gehen!!“ Haha… Die Idee ist: Wir wollen die Welt erobern, alle Türen stehen uns offen, alles ist möglich. Auf den ersten längeren Reisen nach der Schule und in den Semesterferien fühlt sich das auch noch so an. Zwischen Studium, Abschlussarbeiten, dem ersten Job so wie sonstigen, kniffligen Aufgaben, die uns das Leben vor die Füße wirft, merkt man langsam aber sicher: Damn it! Diesen strahlenden, enthusiastischen Idealismus aufrechtzuerhalten ist gar nicht so einfach! Zu glauben, jeden Tag die Welt erobern zu können oder ein Stück besser zu machen, ist anstrengend, anstrengender als gedacht. An manchen Tagen schlichtweg nicht zu bewerkstelligen.

 

Idealismus, der

 

Duden sagt: Idealimus, der: [mit Selbstaufopferung verbundenes] Streben nach der Verwirklichung von Idealen; durch Ideale bestimmte Weltanschauung, Lebensführung.

Selbstaufopferung ist ein gutes Stichwort. Man muss schon ein dickes Fell und einen verdammt langen Atem haben, um beherzt seine Ideale zu verfolgen und über die Zeit hinweg aufrechtzuerhalten. Die Welt hat im Großen und Ganzen nämlich leider nicht darauf gewartet, dass etwas verzogene Kinder aus dem Westen daherkommen und sagen: Das ist mein Ideal, das ist meine Vorstellung von der Welt und meinem Leben, das machen wir jetzt so! Klingt das jetzt schon zynisch? Vielleicht ist es einfach nur eine realistische Einschätzung der Dinge. Tja und die Realität… Puhhh, also die kann schon recht hässlich werden. Manche Menschen haben das Glück, eher selten mit den Schattenseiten des Lebens in Berührung zu kommen, andere haben von frühester Kindheit an die volle Breitseite an menschlichen Tragödien abbekommen. Daher wohl auch die unterschiedlichen Grade an Abstumpfung und Gleichgültigkeit. Ganz verschont von Enttäuschungen, Niederlagen und Schicksalsschlägen bleibt jedoch niemand. Je weiter wir auf der Zeitachse des Lebens nach vorne schreiten, umso schwieriger wird es, den eigenen Idealismus aufrechtzuerhalten. Es gibt Situationen und Umstände, da muss man sich schlichtweg der Realität ergeben. Besser zu ertragen ist das manchmal mit einem Achselzucken, mit ein bisschen Gleichgültigkeit: „Cést la vie.“

 

Idealismus kann weh tun – Gleichgültigkeit eher weniger

 

Natürlich wäre es ganz furchtbar, wenn man seine Werte, Ideale und Wunschvorstellungen im Laufe des Lebens aufgeben und über Bord werfen würde. Aber man muss sich manchmal eingestehen: Die Ansprüche, die man an sich selbst, an andere Menschen und das Leben im Allgemeinen stellt, können nicht immer erfüllt werden. Das ist nichts Neues, das ist ein Stück weit normal. Dann jedoch wird deutlich, dass es weh tut und verletzlich macht, immer das Beste zu glauben und zu hoffen, immer nach dem Idealen zu streben. Es ist möglich, dort hinzukommen, kann aber auch ganz anders laufen und darf daher nicht vorausgesetzt werden. Andernfalls könnte es Enttäuschungen hageln und die zu verdauen ist selten besonders spaßig. Der große Philosoph Arthur Schopenhauer meint: Weniger wollen kann uns freier machen.
Und hey, für manche Situationen eignet sich die gute alte Gleichgültigkeit. Keine allumfassende, depressive, schwermütige Gleichgültigkeit, versteht sich. Eher eine derbe, ein bisschen abgefuckte, lebensbejahende, wilde Gleichgültigkeit. Ich stelle sie mir so vor: Die angeschickerte, schon etwas in die Jahre gekommene, leicht wankende Gleichgültigkeit steht auf einer Party vor mir und sagt mit ihrer kratzigen Raucherstimme in breitem kölschen Dialekt:“Ach du, is doch irjendwie auch scheißegal Liebschen! Manschmal läuft et eben jut und dann wieder beschissen. So, Prost jetzt!“

Das ist meine mit dem Erwachsenwerden dazugewonnene Freundin, die augenzwinkernde Gleichgültigkeit, die übrigens folgenden Punk-Song gern laut mitgrölt: „Abgefuckt und trotzdem sexy, das ist der neue Trend jetzt!“ Ich möchte sie nicht mehr missen.

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Bildquelle: Sebastian Unrau unter CC0-Lizenz

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