„Die Leute sagen: Wie, du bist Model?“: Plus-Size-Model Orcin im Interview

Ein junger Mann mit dunklen Haaren und Bart lächelt in die Kamera. Er stützt sich auf seinem Arm auf. Das Foto ist schwarz-weiß.

Spätestens seit Rihannas letzter Fashion-Show sind männliche Plus-Size-Models in aller Munde. Zum Glück, denn jahrelang mussten vor allem Männer mit großen Größen um Repräsentation in der Modewelt kämpfen. Orcin hat das am eigenen Leib erfahren: Er arbeitet seit mehreren Jahren als Plus-Size-Model. Wir haben mit ihm über den Alltag in der Branche, die Scheinheiligkeit einiger Firmen und die Bedeutung einer guten Agentur gesprochen.

Wie bist du dazu gekommen, Model zu werden?

„Vor vier Jahren bin ich vom Mitarbeiter einer Agentur in der Bahn angesprochen worden, dass sie auf der Suche nach Models wie mir wären. Im ersten Moment habe ich mir gedacht, hä, wieso ich, ich sehe doch nicht aus wie ein Model? Er meinte zu mir, dass XXL-Models momentan total im Kommen seien – das hatte ich ehrlich gesagt überhaupt nicht auf dem Schirm, weshalb ich seine Visitenkarte auch erst gar nicht annehmen wollte. Nach 15 Minuten Hin und Her hat mein Schwager, der mit mir unterwegs war, mich aber zum Glück davon überzeugen können, die Karte mitzunehmen. Als ich zuhause war, hab ich den Typen dann angerufen und bin nach einem kurzen Gespräch zu ihm in die Agentur gefahren. Ich hatte ein bisschen Sorge, dass ich an einen Laden geraten war, der mich einfach nur über den Tisch ziehen wollte, aber tatsächlich haben die Leute dort kein Geld für Fotos verlangt, was ja immer ein sehr gutes Zeichen ist. Wir haben also im Hinterhof der Agentur ein paar Bilder gemacht. Am nächsten Tag kam dann schon der erste Anruf, dass ich für einen Job gebucht worden war. Der Kunde war ein Discounter – zuerst dachte ich mir, dass die mich jetzt bestimmt in irgendeinen Laden schleppen, wo ich dann ein paar Bananen hochhalten soll (lacht). Tatsächlich war das Ganze aber ein Shooting für die Non-Food-Abteilung, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Damit fing also alles an. Nach 13 Monaten in der Branche bin ich dann zu meiner aktuellen Agentur, Kult Models, gewechselt.“

Was waren für dich die größten Herausforderungen auf deinem Weg?

„Natürlich gab es ab und an Schwierigkeiten wegen meines Körperbaus. Es gibt immer Kunden, die niemals Plus-Size-Models buchen würden, weil sie meinen, das würde ihr Image schädigen. Einige Firmen hatten mich auch explizit als Plus-Size-Model gebucht und meinten dann, fragen zu müssen, ob ich nicht am Bauch noch etwas abnehmen könnte. Sowas verstehe ich auch nicht. Vieles ist aber auch von der Agentur abhängig – wenn die dich gut präsentiert und beispielsweise immer wieder zu Castings schickt, werden auch mehr Unternehmen auf dich aufmerksam. Zum Glück gibt es mittlerweile genug Kunden, die ich auf diese Art von mir überzeugen konnte. Trotzdem ist es für mich manchmal noch schwer, offen zu meinem Job zu stehen. Wenn mich draußen jemand anspricht und fragt „was arbeitest du?“, überlege ich jedes Mal, ob ich von meinem Modeljob erzählen sollte. Meistens kommen dann nämlich erstmal ziemlich ungläubige Blicke. Auch unabhängig vom Modeln haben es dickere Männer im Alltag oft noch schwer. Das fängt schon bei den Klamotten an: Wenn ich Lust habe, eine Skinny Jeans zu tragen, kann ich nicht einfach zu ZARA oder H&M gehen, weil es sowas dort in meiner Größe nicht gibt. Deswegen finde ich es wirklich gut, dass einige Modelabels jetzt zeigen, dass man sich auch mit mehr Körpervolumen stylisch anziehen kann.“

Aufgewachsen im Münsterland, zwischen Bauernschaften, Fahrrädern und Dorfpartys. Schreibt seit dem Kindergartenalter, von Kurzgeschichten bis hin zu News-Artikeln, liebt Musik, Sonne, gutes Essen und Gespräche über Gott und die Welt.