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Jannike, 32, ist Job-Testerin

Den Traumjob finden. Das war Jannikes Ziel, als sie beschloss, 30 Jobs in einem Jahr zu testen. Gefunden hat sie ihn nicht. Und ist beim Testen geblieben.

Jannike ist gerade in New York, als wir telefonieren. Aber nicht beruflich, sondern „einfach mal privat“, wie sie lächelnd erzählt. Die Frage muss man bei ihr stellen, denn Jannike führt ein abwechslungsreiches Leben, eine berufliche Reise nach Amerika wäre also bei ihr sicher nicht undenkbar. Denn die 32-Jährige, die ursprünglich aus Ostfriesland kommt, ist selbständige Berufsberaterin, Bloggerin, Buchautorin – und Job-Testerin.

Moment mal, Job-Testerin?

Was kann man sich denn darunter vorstellen? „Ich suche mir Menschen in einem Beruf, der mich interessiert, und frage sie, ob ich sie für eine Woche begleiten und so viel wie möglich mitarbeiten kann“, erklärt Jannike. Für sie funktioniert das nicht etwa wie eine Art Kurzpraktikum. „Nur ein einziges Mal habe ich Kaffee kochen müssen“, erinnert die Job-Testerin sich schmunzelnd. Im Gegenteil, oft habe sie echt coole Aufgaben übernommen. Das funktioniert, weil Jannike sich Mentoren sucht, die ihren Job mit Leidenschaft machen. „Und sie hatten das Bedürfnis, mir zu zeigen, was der Job für sie bedeutet.“

Jannike war Data Scientist und hat Tiere präpariert

Dabei hat die 32-Jährige schon die verschiedensten Facetten der Arbeitswelt gesehen: Sie war in der Pathologie, auf dem Bauernhof, Karriereberaterin, Data Scientist und hat eine Woche lang tote Tiere im naturhistorischen Museum in Wien präpariert. „Ich dachte erst, das könnte ich nicht, weil es so eklig ist. Aber es war echt cool, eine eigene Welt“, erzählt Jannike. „Erst, als ich das Gehirn einer Amsel rausholen musste, war meine Grenze erreicht.“ Es gab in all den Jahren aber tatsächlich auch nicht einen Job, der ihr überhaupt nicht gefallen hat. Aber nicht alle würde sie noch einmal machen. „Verkäuferin zum Beispiel ist nichts für mich. Das war super anstrengend“, gibt die Job-Testerin zu.

Im Moment testet sie Zukunftsberufe. Damit meint sie innovative, neue Berufe, die gerade erst entstehen. Das letzte, das sie ausprobiert hat: Unternehmensphilosophin.

Die Suche nach der Zufriedenheit

Aber wie hat das überhaupt angefangen? „Ich war früher in einem großen Industrieunternehmen beschäftigt, und damit über Jahre hinweg nicht glücklich“, sagt Jannike. Von außen betrachtet, habe sie ein cooles Leben gehabt, innerlich sei sie völlig unzufrieden gewesen. Vieles habe sie dann ausprobiert, um Glück zu finden: Sie hat ein Ehrenamt gemacht, ist den Jakobsweg gepilgert, hat Ratgeber gelesen, Dankbarkeitstagebuch geführt und gegärtnert – „mein Vater hat mir das gesagt, weil es das langfristigste Glück wäre“.

Das alles hat ihr nicht geholfen. Der Wendepunkt, erzählt sie heute, war die Krebserkrankung ihres Vaters. „Er ist letztendlich daran verstorben und hat bis zu seinem Vorruhestand im gleichen Unternehmen gearbeitet wie ich.“ Sie stellte sich die entscheidende Frage: „Wo führt mein Leben hin, und will ich das so gelebt haben?“ Jannike zog die Reißleine, nahm sich eine Auszeit vom Job und wollte eigentlich zurück an die Uni. Dann aber hat sie in einem Ratgeber von einer Belgierin gelesen, die Jobs getestet hat. Jannike beschloss, das Gleiche zu tun.

Projekt: Traumjob

„2014 bin ich mit meinem Projekt gestartet, um meinen Traumjob zu suchen“, erzählt Jannike. Sie kündigte Job und Wohnung, verschenkte ihr Eigentum und testete 30 Jobs in einem Jahr. Ihren Traumjob hat sie nicht gefunden. Aber eine wichtige Erkenntnis: „Für mich gibt es nicht den einen Traumjob.“ Im Vorhinein war das ihre Horrorvorstellung, heute ist sie darüber erleichtert. „Es nimmt einem sehr viel Druck. Für mich sind es nicht ganze Jobs, die erfüllen, sondern einzelne Tätigkeiten.“

Jannike hat gelernt, was sie gut kann und was ihr Spaß macht: dass sie gerne schreibt, dass sie gerne lernt, dass sie sich gerne mit beruflicher und persönlicher Orientierung beschäftigt – und dass sie Abwechslung in ihrem Berufsalltag braucht. Genau das alles hat die 32-Jährige heute, sie hat sich aus diesen einzelnen Aspekten ihre selbständige Tätigkeit zusammengeschustert.

Für das Job-Testen selbst bekommt Jannike kein Geld, sie finanziert sich über ihre restlichen Tätigkeiten und probiert dann Jobs aus, wenn es zeitlich geht. Indirekt verdient sie aber schon daran: Die Job-Testerin schreibt Bücher über ihre Erfahrungen und kann das Gelernte in Berufsberatungen weitergeben.

„Die Entscheidung für einen Job ist keine fürs Leben“

Jungen Leuten, die noch vor der großen Frage des „Was will ich später mal werden?“ stehen, rät die Job-Testerin Folgendes: „Man sollte sich nicht so viel Druck machen. Ob jetzt die Entscheidung fürs Studium oder für den Job, keine Entscheidung ist eine fürs Leben. Es ist ein Weg, von dem man auch nochmal abschwenken kann – gerade in Zeiten wie heute“, ist sich Jannike sicher. Man sollte sich sein Leben schrittweise aufbauen, praktische Erfahrung sammeln und sich selbst reflektieren. „Um festzustellen, was man gerne macht und gut kann. Dabei kann man auch gerne mal andere Leute fragen, was die glauben, worin man gut ist. Der Blick von außen kann immer echt hilfreich sein.“

„Man muss der eigenen Person die Zeit geben, sich zu entwickeln.“, sagt Jannike abschließend.

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Bildquelle: privat

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