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Julia, 33, dreht feministische Pornos

Let’s talk about Sex, Baby! Ein Interview mit einer Porno-Regisseurin.

Julia und Coco sind die Sugar Town Girls. Gemeinsam drehen sie Pornos – von Frauen für Frauen. Allerdings stehen sie dabei nicht vor, sondern hinter der Kamera. Im November haben sie ihren ersten Film „All Eyez On Me“ zusammen mit Erika Lust veröffentlicht, die schon seit einigen Jahren für feministische Pornofilme bekannt ist. Ein guter Zeitpunkt, um zu quatschen: Im Interview mit ZEITjUNG plaudert Julia über die Sexindustrie und erklärt, warum ihre Filme ganz anders sind als die von Pornhub, YouPorn und Co.

ZEITjUNG: Was unterscheidet eure Filme von anderen Pornos?

Julia von den Sugar Town Girls: Darin, wie wir Frauen und ihre Lust darstellen. Wir versuchen, unsere Darstellerinnen so weit es geht in den Produktionsprozess miteinzubeziehen: Für uns ist ganz wichtig, dass alle ein gutes Gefühl haben und sich wohl fühlen. Das ist leider nicht immer so: In einigen Bereichen der Sexindustrie gibt es da leider immer noch schwarze Schafe, die Menschen ausnutzen. Auch ungewöhnlich ist, dass wir nur mit Frauen zusammenarbeiten – vor und hinter der Kamera.

Wie passen Feminismus und Porno zusammen?

Pornos projizieren die Fantasien der Zuschauer und stellen irgendjemanden immer als Objekt dar. Die Frage ist: Muss das so sein? Ich als Regisseurin achte darauf, dass die Menschlichkeit nicht verloren geht. Klar, es geht immer um sexuelle Befriedigung, aber vor unserem nächsten Film werden wir ein Interview mit der Darstellerin veröffentlichen, damit sie zu Wort kommt und auch gehört wird. Wir wollen Frauen empowern, wo es nur geht.

Wieso ist es wichtig, den Frauen in der Porno-Industrie eine Stimme zu geben?

Früher wurde angenommen, dass Frauen keine Pornos schauen. Aber natürlich schauen sie genau so viele wie Männer, deswegen sollten sie auch eine Stimme haben.

Was ist euch bei der Auswahl der Darstellerinnen wichtig?

Wir gehen da nicht nach Kriterien wie Haarfarbe oder Größe vor. Zwischen den Darstellerinnen muss eine glaubhafte Chemie entstehen, sie müssen zusammenpassen. Dazu sollen sie sich mindestens einmal vorher getroffen haben und sich nicht am Set zum ersten Mal sehen.

Worauf achtet ihr bei euren Filmen?

Wir haben zwar ein Skript, aber unsere Filme sind ohne Dialoge. Eine richtige Geschichte haben wir nicht, vielmehr einen künstlerischen Anspruch, ähnlich wie Musikvideos. Natürlich soll es trotzdem nicht komplett belanglos sein: Es geht um authentische Intimität und soll gleichzeitig visuell ansprechend sein.

Ästhetik spielt bei euch eine große Rolle. Warum?

Das ist mein eigener ästhetischer Anspruch. Unsere Zielgruppe sind Frauen, die Frauen lieben oder sich gerne andere Frauen anschauen. In herkömmlichen Filmen kommen sie meistens nicht so gut weg, deshalb braucht es auch welche, die sie sich gerne anschauen.

Kannst du dir noch klassische Pornos anschauen oder ist dir daran im wahrsten Sinn die Lust daran vergangen?

Ich schaue lieber was im Bereich der feministischen Pornos so passiert. Da gibt es viele verschiedene Styles und eines gefällt einem besser als anderes. Aber YouPorn und Co. genügt unseren Ansprüchen nicht mehr, die Tür für herkömmliche Pornos ist inzwischen definitiv zu.

 

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Was ist das häufigste Klischee, das ihr euch anhören müsst?

Schon während der Ideenphase haben wir nur positives Feedback bekommen. Die Leute hatten Lust mitzumachen und zu helfen. Mit Klischees und Vorurteilen haben wir gar keine Erfahrungen gemacht.

Wie seid ihr überhaupt dazu gekommen?

Für Frauen gab es schon immer nur wenige gute Pornos, gerade im Bereich Lesbian Porn. Männer haben Filme für Männer produziert. Ich kenne keine Frau, die das als authentisch bezeichnen würde und das wollte ich ändern.

Welche Atmosphäre herrscht bei euch am Set?

Die Leute stellen es sich hot and steamy vor, aber am Set ist es ein Job wie jeder andere. Die Herausforderung ist, es sexy aussehen zu lassen. Wir möchten eine persönliche und warme Atmosphäre schaffen, damit sich die Darstellerinnen wohlfühlen – das ist das höchste Gebot.

Wollt ihr langfristig in der Branche bleiben?

Wir wollen unabhängig werden. Im Sommer veranstalten wir große Screening-Events auf Festivals mit anschließender Fragerunde, damit wir dem Thema eine Plattform bieten und es nicht nur darum geht, sich den Film hinter geschlossener Tür anzuschauen.

Was muss passieren, damit die ganze Porno-Branche feministischer wird?

Nicht nur Frauen müssen sich engagieren, sondern auch Männer. Wenn nicht nur kleine Independent-Produktionen umdenken, sind wir auf einem guten Weg.

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Bildrechte: Evelin Kask

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