Selbstversuch: Wir haben mit Arbeitskollegen feministische Pornos geguckt

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Wir sitzen im Hinterzimmer unserer Redaktion. Vor uns jede Menge Bier, Zigaretten und Chips. Sogar Taschentücher liegen irgendwo auf dem Tisch. Zwei Autoren, zwei Redakteurinnen und unsere Praktikantin – zusammen werden wir heute drei Stunden lang fremden Menschen beim Vögeln auf der großen Leinwand zusehen. Yay.

Was macht feministische Pornos aus?

Wir gucken allerdings keinen Mainstream-Schmuddelkram auf Pornhub oder Brazzers, nö. Wir wollen die komplette Erfahrung der Pornos erleben, die sich feministisch nennen. Gedreht werden diese von Erika Lust, einer Filmemacherin, die eine Revolution in der Porno-Industrie schaffen möchte. Die 39-Jährige ist die Pionierin von Erotikfilmen, die abseits des klassischen Mainstreams funktionieren. Eben feministische Pornos, wenn man sie so nennen möchte. 2004 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma «Lust Films» in Barcelona, zweimal im Monat setzt sie filmisch erotische Fantasien um, die anonym auf ihrer Seite Xconfessions gepostet wurden – von Menschen wie euch und uns. Ihre Pornos sind ästhetisch, schön und hart – sie feiern regelrecht die Frau und ihre Sexualität. Aber was macht sie feministisch? Und die noch viel wichtigere Frage: Machen sie uns denn an?

Hier das Fazit unserer fünf tapferen Pornogucker:

Laura – Stellvertretende Chefredakteurin

Mein Gemütszustand war von Beginn an ein wankelmütiger: Ich schwankte zwischen „Wohoo, Pornos gucken“, „Um Himmels Willen, Pornos gucken“ und „What the hell, Pornos gucken mit meinen Arbeitskollegen!“ Dass es sich um feministische Pornos handelt, war in mir ein zweitrangiger Gedanke, denn ehrlich gesagt, konnte ich mir zu Beginn nicht viel darunter vorstellen. Feminismus im Porno stellte ich mir in erster Linie mit viel Dominanz von Seiten der Frauen vor, vielleicht viele ästhetische Close-Ups von Vaginas und wunderschönen Brüsten. Ich malte mir schon aus, wie wir alle hochgradig errötet unruhig auf unseren Plätzen umherrutschen, da wir unsere Erregung und die Scham darüber irgendwie teenagermäßig verbergen wollen.

Tatsächlich war es dann aber ziemlich anders: Plopp, da ging das erste Bier auf und Plopp, da gab’s auch schon den ersten Gangbang. Also auf der Leinwand, nicht in der Redaktion. Peinlichkeit gab es nicht von meiner Seite aus, vielmehr fand ich, dass es zuging wie auf einer Kellergeburtstagsparty des 13-jährigen Nachbarsjungen. Viel Kichern und Gröhlen, Diskussion darüber, ob die tätowierte Pornodarstellerin nicht auch schon im Vampir-Porno mitgespielt hätte und ob wir es selbst antörnend finden würden, wenn wir von vier maskierten Tänzern verfolgt werden. Ich persönlich muss sagen: Ja! Blastechniken und Stellungen wurden streng von uns begutachtet, eigene Vorlieben wild ausdiskutiert. Und ja, ich weiß jetzt, auf welchen versauten Schmuddelkram unsere Autoren stehen. Nach drei Stunden Vögeln über den Beamer hatte der Zustand sogar schon soweit Normalität erreicht, dass wir hereinplatzende Kollegen gar nicht mehr entschuldigend oder errötend anglotzten, sondern gar nicht mehr auf die Leinwand fokussiert waren und über andere Dinge plauderten. Fazit: Feministische Pornos machen mich als Frau nicht mehr an als der gute alte Youporn-Porno.

Sara – Praktikantin

Als ich in der Redaktion zum ersten Mal von dem Vorhaben hörte, gemeinsam feministische Pornos zu schauen, war ich von der Idee ziemlich begeistert. Klar, das kann auch (wortwörtlich) in die Hose gehen, so dass wir uns nach dieser Nacht einander nie mehr in die Augen sehen können. Oder es wird eben ein lustiger und offener Abend mit tollen Kollegen. Aber was soll ich mir unter „feministischen Pornos“ denn überhaupt vorstellen? Meine Gedanken kreisten einige Tage über dem Thema. Vielleicht gibt es darin bessere Stories, nicht a là ‚Warum liegt hier Stroh?‘. Vielleicht wird besser geschauspielert, möglicherweise geht es auch einfach mehr um das Vergnügen der Frau. Als wir es uns an besagtem Abend mit einem Bier auf der Couch bequem machten, war die Stimmung noch leicht angespannt. Niemand wusste so richtig, was jetzt passieren würde.

Der erste Film holte mich und meine Erwartungen direkt zurück auf den Boden der Tatsachen. Die Handlung war so dünn, wie man es aus herkömmlichen Pornos schon kennt. „Oh, du hast einen Pulli an! Willst du den nicht mal ausziehen?“ Wirklich begeistert von diesem Film war keiner von uns. Erregt hat er mich auch nicht. Das lag jedoch wahrscheinlich eher daran, dass ich mit sechs Kollegen in einem kleinen Raum auf den Beamer starrte, während mein Handy unsere Reaktionen live auf Instagram übertrug. Nach ein paar weiteren Filmen lockerte sich die Atmosphäre und nach zwei Bier legte jeder die Karten auf den Tisch und wir redeten offen und ehrlich über Erwartungen, Vorlieben und Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Fantasien. Die Live-Übertragung war beendet und wir fühlten uns wohler in unserer Haut. Irgendwie waren wir auch abgestumpft. Es war erstaunlich schnell zur Normalität geworden, dass auf der Leinwand im Hintergrund ein Porno nach dem anderen lief. Dennoch gab es Momente, an denen die Ästhetik des Films mich wieder aus dem Sumpf der Abstumpfung heraus zog. Diese wurden jedoch meist durch lustige Kommentare der anderen direkt wieder zu nichte gemacht. Letztendlich hat jeder andere Vorlieben und diese lebt man meist allein oder zu zweit in den eigenen vier Wänden aus. Will man jedoch mit Kollegen oder Freunden auf eine komplett neue Ebene der Vertrautheit kommen, kann ich nur raten gemeinsam Pornos zu schauen.

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