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Kinderfreie Hotels: Das Symptom einer kinderfeindlichen Gesellschaft?

Sind explizit kinderfreie Hotels ein egoistischer Drang nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung oder ein daseinsberechtigtes Nischenphänomen?

Jüngst reichte eine Mutter eine Online-Petition gegen ein Berliner Café im Prenzlauer Berg ein. Der Besitzer hatte sie gebeten, sein Café zu verlassen, falls sie vorhabe, ihren Säugling dort zu stillen. Der Grund: Es verstehe sein Café als „gehobenen Laden“, was für die betroffene Mutter gleichbedeutend war mit „kinderfreie Zone“.

Während auf Twitter, Instagram und Facebook unter #breastfeeding nun reihenweise Bilder von stillenden Müttern zu finden sind, die gegen die vermeintliche Kinderfeindlichkeit rebellieren, verändert im November 2015 ein Hotel in Brandenburg still und leise sein Zielpublikum – einchecken darf man jetzt nur noch 16+. Wer mit Kind anreist, bekommt kein Zimmer.
 

Diskriminierung von Familien?

 
„Unsere Gäste suchen Ruhe und Erholung und dabei unterstützen wir sie mit allen Kräften. Darum haben wir uns dazu entschlossen, das Hotel seit dem 1. November 2015 als Hotel für Erwachsene zu positionieren“, so das Statement auf deren Webseite. Der Spielplatz weicht dem Trimm-dich-Pfad, statt Spielzimmer gibt es jetzt eine Seifenmanufaktur.

Die Antidiskriminierungstelle des Bundes betitelt die Entscheidung des Hotels als „problematisch“. Das Argument? Man dürfe nicht pauschal allen Kindern unter einem bestimmten Alter den Hotelbesuch verweigern. Es würde nicht nur die unter 16-Jährigen diskriminieren, sondern zwangsläufig auch die Eltern, die im Hotel Familienurlaub machen möchte.
 

Nicht nur der Individualist wünscht sich gelegentlich einen kinderfreien Tag

 
Was bedeutet nun ein Hotel ausschließlich für Erwachsene? Nunja. In erster Linie heißt es wohl: Ruhe. Und zwar für alle, die sie vom Alltag gerade mal brauchen. Singles, Paare, Eltern, Großeltern. Nicht zu vergessen sind auch solch kinderpräsente Berufe wie Lehrer, Pädagogen, Erzieher und Tagesmütter. Oder auch einfach mal der Individualist, der Kinder nicht leiden kann.

In den Medien spekulieren Experten schon lange über den vermeintlich wachsenden Trend des sogenannten Cocoonings: Ein Begriff, der mitunter das Verweilen unter Seinesgleichen beschreibt, das Verpuppen in die immer gleiche Umgebung, die Unlust, seinen Horizont durch neue Erfahrungen zu erweitern. Als egoistisch wird unsere Generation betitelt, als Konsorten von strebsamen Selbstverwirklichern und freiheitsliebenden Individualisten, die sich gerne in homogenen Milieus aufhalten. Ja, ja und ja. Das mag sein und der Vorwurf ist in einem bestimmten Kontext sicherlich auch gerechtfertigt. Aber ein kinderfreies Hotel ist sicherlich kein Symptom dieses Phänomens. „Die kinderfreien Hotels sind Ausdruck einer gesteigerten Gestaltbarkeit unseres Lebens. Dass wir uns heute aussuchen können, Kinder zu haben oder eben keine zu haben, ist ein Freiheitsgewinn. Frauen müssen nicht mehr viele Kinder bekommen, um gute Frauen zu sein“, erklärt die Soziologin Paula-Irene Villa in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

 

Wir sind so frei wie nie zuvor

 
Der kinderfreie Erholungsort ist ein relativ simples Bild für die Pluralisierung unserer Gesellschaft. Wir sind in unserer Lebensgestaltung so frei wie nie zuvor, wir haben in fast jedem Bereich absolute Entscheidungsfreiheit. Dazu muss zwangsläufig auch gehören dürfen, dass man sich gegen ein Modell des kinderdominanten Lebensentwurfes stellen kann.

Ein Erwachsenen-Hotel ist nach wie vor ein Nischenphänomen und sollte nicht als wachsender Trend verschrien werden. Grundsätzlich ist ja jedes Hotel bestens für Familien ausgestattet. Als Elternteil partout in genau diese eine Hotel zu wollen, das ausgerechnet nur für Erwachsene ausgelegt ist, hat etwas bockiges an sich, einen „Hier geht´s ums Prinzip“- Beigeschmack. So als wolle man unbedingt mit Badeanzug an den FKK-Strand. Oder als Frau in die Schwulenbar. Oder als Raucher in die Sauna. Weil, sonst ist das ja diskriminierend.

Doch genau darin liegt die Krux: Hat man sich für Kinder entschieden, sind sie Teil des eigenen Ich. Man identifiziert sich damit und eine Abweisung der eigenen Kinder kann sich anfühlen wie ein persönlicher Angriff. Urlaub jedoch ist unser eigener Space, den wir füllen wollen mit eben jener Selbstverwirklichung und Gestaltung, wie wir sie für nötig befinden.
Für ein paar Tage dort Kinderlärm nicht enthalten zu haben, muss an der Stelle absolut in Ordnung sein.

 

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Bildquelle: pexels unter CC0 1.0

 

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