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Köln-Übergriffe: Wir müssen jetzt über sexuelle Gewalt in Deutschland sprechen!

Es wäre jetzt an der Zeit, über sexuelle Gewalt zu sprechen. Stattdessen werden nun Verhaltensregeln für Frauen aufgestellt.

Die Übergriffe der Silvesternacht in Köln halten seit Tagen die gesamte Republik auf Trab. Mittlerweile sind über hundert Anzeigen bei der Kölner Polizei eingegangen, drei Viertel davon haben einen sexuellen Hintergrund. Ähnliche Berichte kamen auch aus Hamburg, wo bis Mittwoch insgesamt mehr als 50 Delikte zur Anzeige gebracht wurden, 39 Fälle basierten auf sexueller Belästigung. Die Kölner Polizei hat nach scharfer Kritik Fehler bei der Organisation eingeräumt; der Polizeipräsident Wolfgang Albers sagte auf der Pressekonferenz: „Wir waren an dem Abend ordentlich aufgestellt.“ Das volle Ausmaß der Vorfälle sei der Polizei aber erst am 1. Januar bewusst geworden, als die ersten Anzeigen eingegangen waren.

Das volle Ausmaß, das bedeutet: Sexualdelikte in massiver Form, Frauen, die bedroht, ausgeraubt und angefasst wurden – und das mitten auf dem Domplatz. Die Täter sind noch unbekannt. „Die Größe der Tätergruppen variierte laut Zeugenaussagen von zwei oder drei bis zu 20 Personen, sagt die Polizei. Die Zeugen hätten das Aussehen der Täter als „nordafrikanisch“ beschrieben. Am Mittwoch seien vier Verdächtige ermittelt worden, jedoch gab es noch keine Festnahmen“, so ZEIT Online.

 

Beschimpft, begrapscht, bedrängt: das Gesprächsprotokoll einer Betroffenen

 

„Ich kam an den Gleisen ganz hinten am Bahnhof an. Nach dem Aussteigen fühlte ich mich wie in einem fremden Land. Es war so voll und so laut. ‚Gut‘, dachte ich, ‚es ist Silvester und der Hauptbahnhof ist eben ein Hotspot.‘ Also versuchte ich, mich zu irgendeiner Treppe durchzukämpfen, weg vom Bahnsteig. Auf dem Weg sind mir schon unzählige weinende Frauen entgegen gekommen. ‚Meine Güte, was ist hier los?‘, dachte ich. ‚Sind die alle so betrunken?‘ (…) In dieser Situation fiel mir zum ersten Mal auf, dass alles voll war mit arabisch oder nordafrikanisch aussehenden Männern. Man muss vorsichtig sein, wenn man so etwas sagt, aber es ist mir wirklich aufgefallen. Und ich komme aus der sozialen Arbeit, ich habe Freunde aus allen möglichen Kulturkreisen.

Ich stand da und habe kein Wort verstanden von dem, was um mich herum geredet wurde. Immer wieder wurden anzügliche Bemerkungen gemacht. Die Beschimpfungen habe ich dann doch verstanden. Im Laufe der Nacht wurde mir mehrmals ‚Schlampe‘ an den Kopf geworfen, ‚Fotze‘ und ‚dumme Hure‘. […] Für die Masse an besoffenen Vollidioten waren viel zu wenig Polizisten da! Überall wurden Mädchen beschimpft und begrabscht. Ich habe noch nie so viele heulende Frauen gesehen – Frauen, die so voller Angst waren. Schlimm war, dass ich die ganze Zeit nicht wusste, was eigentlich los war. Zwischenzeitlich dachte ich, es gäbe eine Bombendrohung oder irgendwo sei eine Massenschlägerei. Die Situation war völlig entfesselt. Auch wenn man selbst nicht angegrabscht oder ausgeraubt wurde, fühlte man sich arg bedroht und bedrängt.“ (via SZ.de)

 

Shitstorm gegen Kölns Oberbürgermeisterin: #einearmlaenge Abstand

 

Man kann sich nicht vorstellen, wie sich die Betroffenen dieses Abends fühlen müssen – es bleibt nur die Hoffnung und der Wunsch, dass sie alle die Vorfälle einigermaßen gut verarbeiten werden. Aber jetzt, gerade jetzt wäre doch der richtige Zeitpunkt, um über sexuelle Gewalt in Deutschland zu sprechen. „In Deutschland wird die Gleichberechtigung doch gelebt! Deutsche Frauen sind doch emanzipiert! Es gibt keine sexuelle Gewalt in Deutschland!“ schreien die Antifeministen und irren sich: jede siebte Frau in Deutschland erfährt in ihrem Leben sexuelle Gewalt, innerhalb der Ehe ist es jede vierte Frau. Und 99 Prozent der Täter sind erwachsen und männlich. Nur fünf Prozent aller Sexualstraftaten werden angezeigt. 97 Prozent aller sexuellen Belästigungen gehen von Männern aus. Von 100 angezeigten Vergewaltigungen enden nur 13 mit einer Verurteilung. Es gibt keine sexuelle Gewalt gegen Frauen in Deutschland? Klar doch.

Das Problem sind, wenn man das mal so polemisch formulieren darf, die Männer. Nein, nicht alle Männer, beruhigt euch wieder. Aber die, die es sich herausnehmen, Frauen zu Opfern zu machen, Macht demonstrieren zu wollen. Anstatt diesen furchtbaren Zeitpunkt zu nutzen, genau diese Männer jetzt ins Rampenlicht zu stellen, reden alle bloß wieder über die Frauen. Sogar Tipps werden gegeben, wie man sich in Zukunft vor Übergriffen schützen könne. Der Kölner Stadtanzeiger etwa hat einen vermutlich gut gemeinten „Ratgeber“ verfasst: Wie Frauen sich sich gegen sexuelle Übergriffe schützen können. Nebst kaum versteckter Werbung für ein Krav Maga Studio in Köln stehen dort so Dinge wie: „Wer nicht auf schicke Schuhe verzichten möchte, sollte solche tragen, die man schnell ausziehen kann, zum Beispiel Ballerinas“.

Auch Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker erntete einen Shitstorm, als sie auf einer Pressekonferenz auf die Frage einer Journalistin, wie man sich als Frau denn besser schützen könne, eine etwas unglücklich gewählte Antwort gab. Es gebe „immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft. Also von sich aus gar nicht eine große Nähe zu suchen zu Menschen, die einem fremd sind und zu denen man kein gutes Vertrauensverhältnis hat.“ Außerdem solle man „sich in Gruppen zusammenzufinden, sich nicht trennen zu lassen, auch nicht in Feierlaune.“ Das Internet reagierte prompt mit einem hämischen Hashtag. (Siehe unten)

 

Herkunftsbedingte Männlichkeitsnormen – my ass

 

Ebenfalls gerade total trendy: Von der äußeren Erscheinung der Täter sofort auf Flüchtlinge zu schließen. Dabei ist noch längst nicht belegt, wer die Täter sind – die Kölner Polizei geht verschiedenen Medienberichten zufolge aber davon aus, dass es sich um in Banden organisierte Täter handelt, die bisher vor allem mit Taschendiebstählen im Bereich des Doms auffielen. Auch wird angezweifelt, dass die zeitgleich stattfindenden Übergriffe in Hamburg und Stuttgart organisiert waren. „Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass es da Verbindungen gibt“, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch in Hamburg.

Trotzdem brodelt der braune Dreck, und selbst diejenigen, die sich bisher einen Scheiß um sexuelle Gewalt scherten, rasseln mit den Ketten. Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder zum Beispiel hat 2013 die #aufschrei-Kampagne verlacht und kurz zuvor ein Buch mit dem Titel Danke, emanzipiert sind wir selber: Abschied vom Diktat der Rollenbilder herausgebracht, jetzt gibt sie auf Twitter die eiserne Frauenrechtlerin: „Sie wurden lang tabuisiert,aber wir müssen uns mit gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen in muslimischer Kultur auseinandersetzen“. Und Frauke Petry twittert: „Frau Merkel, stellen Sie Sicherheit und Ordnung wieder her! Grenzen schließen!“ und vergisst plötzlich, dass ihr und ihrer gesamten Partei die erpresserische „Gender-Ideologie“ sonst so richtig auf den Sack geht und sie eine „natürliche Geschlechterordnung“ vorzieht.

Dabei sind Religion, Herkunft, Bildung und sozialer Status bei Tätern nicht ausschlaggebend, das ergibt eine Studie des Bundesfamilienministeriums. Und das kann jeder bestätigen, der schon mal das Münchner Oktoberfest besucht hat. 2015 wurden hier insgesamt 20 Sexualdelikte zur Anzeige gebracht, im Vorjahr waren es zwölf. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen – was etwa in den öffentlichen Verkehrsmitteln passiert, kommt in keine Wiesn-Bilanz.

 

Hört endlich mit dem Victim Blaming auf!

 

Ohne Zweifel: Die Straftaten, die sich in der Silvesternacht in Köln ereigneten, waren ein weiterer Beweis dafür, wie wenig Macht Frauen über ihre eigenen Körper haben und wie sehr sie männlicher Gewalt ausgesetzt sind“, fasst es Hengameh Yaghoobifarah in der taz zusammen. „Es sind nicht männliche Geflüchtete, die Vergewaltigungskultur aufrecht erhalten, sondern die sehr selektive Anhörung der Betroffenen und Victim-Blaming, wie es jetzt Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker anhand von Verhaltensregeln für Frauen à la ‚eine Armlänge Distanz‘ betreibt.“

Umgekehrt machen die zahlreichen Reaktionen auf Rekers Totalausfall Hoffnung, dass sich diesbezüglich vielleicht doch bald etwas ändern wird. Die taz gibt wunderbar sarkastisch Präventionstipps für Männer: „Vergewaltige keine Frau. Auch nicht, wenn sie näher als eine Armlänge von dir entfernt steht.“ Und Buzzfeed stellt 24 Gründe zusammen, warum sich Flüchtlinge an unser ach so gleichberechtigtes Frauenbild halten müssen. Zum Beispiel, weil wir resistent gegen jede Art von Vorurteilen sind und deutsche Männer deutsche Frauen absolut gleichberechtigt behandeln. Nicht. Es gibt viel zu tun.

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