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Mittagspause mit LARY: „Jedem Künstler muss mal das Herz gebrochen worden sein“

Wir haben mit LARY gekocht und über Beyoncé, Anmachsprüche und den Genderkampf im Musikbusiness geschnackt.

Langweilige Interviews und Fragentennis kann jeder: Weil wir vor allem die Menschen hinter den Künstlern kennen lernen wollen, haben wir die Sängerin LARY kurzerhand zum Kochen zu uns eingeladen: Gemütliche Mittagspause statt in wenigen Minuten abgespeiste Fließbandgespräche vor der nächsten Show. Gemeinsames Gemüse schnippeln statt abgearbeiteter Fragenkatalog. Schreinerei statt muffiger Tourbus. That’s where the magic happens. 

 

Als Erstes verschüttet sie den Wein.

Unser Musikbabo Stef dreht „Game Winner“ von Joey Dosik auf der Anlage auf, hier in unserem Büro, das diesen angestaubt-bedrückenden Begriff nicht verdient, und Lary fängt an zu tanzen. Ihr Glas ist danach leer, unser Boden betrunken. Aber man merkt sofort: Musik nimmt für Lary eben keine Umwege, sondern geht direkt ins Blut, in die Beine. Und wir sind ja auch selbst schuld, wenn wir unseren Gast mittags schon abfüllen. Aber darin sind wir traditionell ja nicht schlecht. Es ist Freitag, wir haben die Sängerin bei uns zum gemeinsamen Kochen empfangen. Lary kommt leicht verkatert, aber bestens gelaunt, man sieht ihrem Style an, dass sie sich in New York am wohlsten fühlt; langer Mantel, lässiges Understatement. Anpacken muss sie trotzdem: Bei uns muss jeder an den Schäler, auch die Künstler. Lary macht sich also hochmotiviert ans Gemüse.

Seelenstriptease beim Gemüse schälen

 

Während wir Pilze zerteilen und Karotten häuten, kommen wir auch schon zum Seelenstriptease: Wie fühlt sich das eigentlich an, das Leben als Frau im männlich dominierten Musikbusiness? „Den Druck, äußeren Ansprüchen gerecht zu werden, den macht man sich, glaube ich, vor allem selbst“, sagt Lary und hackt gewissenhaft auf einen Pilz ein, als Frau müsse man immer auch entsprechend aussehen, wirken, sich verhalten – aber wie bleibt man im harten Konkurrenzkampf der Branche tough, ohne sich seiner Femininität zu entledigen? Spätestens seit Angela Merkel hat man ja das Gefühl, dass man so richtig ernst genommen nur wird, wenn man sich einer gewissen Geschlechtslosigkeit hingibt.

Die französische Europaabgeordnete und ehemalige Finanzministerin Rachida Dati wurde beispielsweise lange nur auf ihren Stil reduziert, hat Schlagzeile über Schlagzeile über sich ergehen lassen müssen, die sich mehr der Auswahl ihrer Schuhe widmete als ihrem politischen Wirken. Im Musikgeschäft ist das Äußere natürlich nicht nur weniger im Weg, sondern im Gegensatz auch Erfolgsmotor und Teil des Ganzen – darauf reduziert werden will Lary aber trotzdem nicht: „Als Mann wirst du als Mensch geboren, als Frau dagegen als Frau“, sagt Lary, „bei Frauen wird Frausein erst einmal als Haupt-Charakter-Eigenschaft gehandelt“. Trotzdem hat Lary sich immer recht leicht getan: Sie ist offen, aber rough. Sie sagt von sich, dass sie ein sehr sexueller Mensch ist, und sieht keinen Grund, damit hinter dem Busch zu halten, aber bekannt werden will sie durch ihre Musik und ihre Überzeugungen. Modelaufträge nimmt sie nur noch an, wenn sie selbst Bock darauf hat und selbst entscheiden kann, was und in was geshootet wird; Lary lässt sich nicht in irgendwelche Klamotten stecken, lässt sich nicht verbiegen.

Larissa Sirah Herden, wie Lary in bürgerlich heißt, wurde in Gelsenkirchen geboren, zog aber schnell in immer größere Städte: Düsseldorf, Berlin, New York. Schon immer eine Musikgöre (in der Grundschule hatte sie einen denkwürdigen Auftritt im Schulmusical, von dem immer noch gesprochen wird), rollt das Ding seit 2012: Zusammenarbeit mit Tim Bendzko, Tournee mit Flo Mega, 2014 war sie bei der PULS Startrampe, im gleichen Jahr räumte sie den New Music Award ab – als erste weibliche Solokünstlerin. Gerade arbeitet sie an ihrem zweiten Album. Ihren Sound nennt sie „Future Deutsche Welle“: ein deutschsprachiger Pop mit Blues-, Soul-, Rock- und Elektro-Elementen. Die Texte hangeln sich von „Selfies, Kippen, Tequila sippen“ zu Kryptonit-Menschen und arbeiten, ob freiwillig oder unfreiwillig, das Gefühlslexikon der Generation Y ab: „Jedem Künstler muss einmal das Herz gebrochen werden. Jeder muss mal auf die Fresse gefallen sein“, sagt Lary und überlegt kurz – „aber das gilt wohl nicht nur für Künstler, sondern für alle von uns.“ Am meisten entwickle man sich aus Rückschlägen. Als Tochter eines Vaters jamaikanischer Abstammung hat sie nämlich noch andere Anliegen als jugendlichen Liebeskummer und die Öffnungszeiten vom Späti um die Ecke: Auch Rassismus ist kein Fremdwort für die 29-jährige.

 

„Beyoncé ist die beste Helene-Fischer-Version, die es derzeit gibt“

 

Mittlerweile haben wir ganze Gemüseberge zerhackt, fast nebenbei, neben uns türmen sich inzwischen Schälchen mit Pilzen, Paprika, Karotten, Zwiebeln und Brokkoli. Wir waren ganz schön vertieft in unsere Genderdiskussionen; ab in den Wok damit. Und auch Lary wird weiter gegrillt. Es nerve sie, dass der Kampf gegen Rassismus und Ignoranz in einen Trend eingebettet wird, erzählt sie, dass man Leute für ihren Kampf gegen Unterdrückung feiert, die „sich ihre Verärgerung anziehen wie ’ne Klamotte, die gerade in ist“. „Den Amerikanern ist ja erst vor Kurzem aufgefallen, dass Beyoncé schwarz ist„, sagt Lary.

Wie so oft ist jedes Engagement heutzutage mit einer grotesken Selbstinszenierung verbunden, Überzeugungen sind heute keine persönlichen Anliegen mehr, sondern Statements. Statussymbole. Und dazu zählt – leider – auch ein Problem, das eigentlich immer und unabhängig vom Zeitgeist in Angriff genommen werden sollte: „Es ist gerade ein Hype, schwarz zu sein“, sagt Lary. Künstlerinnen wie Beyoncé tun zwar gut daran, Hymnen auf Afroamerikaner zu inszenieren, aber die Black-Lives-Matter-Bewegung sollte doch unabhängig von Trends der Popindustrie unterstützt werden. Aus musikalischer Perspektive kann sich Lary den Erfolg der RnB- und Popsängerin dagegen erklären: „Beyoncé ist einfach die beste Helene-Fischer-Version, die es derzeit gibt.“

 

Über Essen als Religion und den besten Anmachspruch der Welt

 

Und endlich gibt es auch: Essen. Während wir mit Lary abhingen und über Beyoncé, Helene Fischer und Nina Hagen (Lary ist großer Fan – „die hat einfach immer ihr Ding gemacht, ich verehre sie“) quatschten, hat sich unser Gemüseberg ganz heimlich in eine geile duftende Wokpfanne verwandelt, die wir jetzt zusammen mit dem ganzen Rudel, den Hauskonzerte-Homies und allen anderen verschlingen. Apropos Essen: Wie ist das denn so auf Tour, bleibt da überhaupt Zeit zu kochen? „Das kann man heutzutage ja fast nicht mehr zugeben, wo jeder ein Foodie ist und Ernährung eine Religion, aber ehrlich gesagt ist mir Essen nicht so wichtig. Ich will danach einfach nur keinen Hunger mehr haben.“ Schön, dass wir das erfahren, nachdem wir dich zum dekadenten Mittagessen eingeladen haben, Lary! Aber da lacht sie und meint, gemeinsames Kochen sei ja ganz was Anderes. Na dann. An Guadn!

Beim Essen reden wir noch über München und ihre Homebase Berlin, darüber, wie sie einmal einen Karaoke-Contest gewonnen hat, der eigentlich nur für Drag Queens angedacht war – und Lary verrät uns den besten Anmachspruch, den wir je gehört haben. Den verraten wir hier aber nicht – irgendwie müssen wir uns doch auch behaupten, aber falls er sich rumspricht: Wenn er es ist, werdet ihr es wissen.

Nach noch mehr Wein und einem Kaffee muss Lary dann auch wieder los. Jetzt jettet sie erstmal nach Toronto mit ihrem Freund und nach New York, um an ihrem neuen Album zu arbeiten. Aber davor bittet Stef sie noch zu einem spontanen Shooting. Babäm!

 

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Bilder: Stefan Zinsbacher

Kommentare

  1. Es wäre super nett, wenn ihr mir den besten Anmachspruch der Welt per Email schickt. Ich werd’s auch keinem weitersagen..

    Stefan / Antworten

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