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Die Bürde der Künstler: „Das hätt‘ ich aber auch malen können!“

Alle unter uns, die ihre Brötchen in einer Variante des Kreativseins verdienen: Lasst uns zusammen abkotzen über die Menschen, die glauben, wir machen uns den ganzen Tag ’nen Lenz!

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ – das hat Nietzsche gesagt. Aber Nietzsche hat sich bestimmt gegenüber seinem Komponisten-Kumpel den Spruch verkniffen: „Toll Digga, den ganzen Tag nur Violine spielen!“ Ich unterstelle ihm frech, dass er hoffentlich empathisch genug war, zu verstehen, dass der geile Musiker-Typ den gesamten Tag hart buckelt, um ein guter Komponist zu sein.

Ich weiß nicht, was es genau ist – aber die Arbeit der Kreativen wird viel zu selten tatsächlich für voll genommen. Autoren werden mit großen Augen gefragt „Ach, du wirst bezahlt für deine Artikel? Krass, ich dachte, du machst das einfach so zum Spaß!“; Musiker werden für Auftritte nicht bezahlt, aber „sie können sich ja durch diese Chance einen Namen machen!“; Fotografen dürfen regelmäßig ihre Kamera bewundern lassen, die „wirklich geile Bilder machen kann.“ Sorry, ihr Lieben! Wahrscheinlich meint ihr es nicht böse – aber der Fotograf macht die geilen Bilder, nicht seine Kamera. Natürlich wollen wir Autoren Kohle für unsere Texte und nein, dass die Band den Hut rumgehen lassen darf auf einem Konzert, bezahlt nicht die Wartung ihrer Instrumente. Das ist ungefähr so, als würde ich argumentieren, dass ein Restaurant gerne jeden Abend für mich kochen darf – umsonst. Aber ich erzähle es gerne meinen Freunden, dann kann sich der Koch einen Namen machen.

 

„Als Kind war ich auch mal im Ballett!“

 

Als ich meine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht habe, waren alle Menschen in meiner Umgebung verzückt. „Das wollte ich auch immer werden, was für ein Traumberuf – den ganzen Tag nur lesen!“ Ich weiß nicht, wie ihr den Begriff „Wirtschaft“ in diesem Kontext versteht, ihr Träumchen. Buchhändler sind Einzelhandelskauffrauen und -männer, ich saß nicht die gesamten zehn Stunden mit einem Milchcafé und meinem Schmöker auf einem Lammfell und habe selig meine Kundschaft angelächelt.

Und ich gehe davon aus, dass das noch das harmloseste Verklären eines kreativen Berufes ist. Ihr Illustratoren und Mediendesigner, wie viele Freunde von euch haben euch schon um eine kostenlose Skizze, einen schnellen Entwurf oder spontanes Layout gebeten? Ihr Tänzer, wie oft werdet ihr mit leuchtenden Augen mit Storys erhellt, dass eure Mitmenschen als Kind auch mal im Ballett waren? Alle DJs, wie oft solltet ihr kostenlos auf der Hochzeit eines Arbeitskollegen eures Schwagers spielen? Ihr Theaterschauspieler, wie oft müsst ihr euch fragen lassen, ob ihr es bald ins Fernsehen schafft?

 

„Also das hätte ich wirklich auch malen können!“

 

Natürlich, die Berufswelt der Kreativen funktioniert anders als die konventionelle, denn der Großteil der Arbeit findet – nicht auf Anhieb sichtbar –  in unseren Köpfen statt. Ihr sagt im Museum, ihr hättet diese simple geometrische Form auch malen können? Ja? Habt ihr aber nicht. Und die Idee kam euch auch nicht von alleine. Die Kreativen unter uns gehen durch das Leben mit einem ständigen Blick auf Melodien, Worte, Bilder und Farben. Wir brauchen Inspiration und Ideen, das mag von außen aussehen wie High-Life. Tatsächlich ist es genauso anstrengend jeder andere Job es auch sein kann… und darüber hinaus geht es uns an die Psyche.

Denn in jedem Stück kreativen Ausdrucks den wir produzieren, steckt ein Teil von uns selbst. Wir kehren das Private um in das Öffentliche, geben unseren Mitmenschen einen fetten Klumpen Emotion in die Hand. Alles was euch umgibt, jede Klamotte und jeder Song im Radio, jeder Stuhl und jedes Auto – alles stammt aus den Ergüssen kreativer Menschen. Jede Nachrichtenzeile, die euch informiert, jedes Buch und jede Filmsequenz. Die unglaubliche Länge der Credits im Abspann eines Spielfilm sollten uns verdeutlichen, wie viel Arbeit in etwas steckt, das wir gar nicht mehr wirklich wahrnehmen. Deshalb: bitte stellt uns nicht diese Fragen! Ohne uns wäre euer Leben etwas lahmer, verniedlicht also bitte nicht unsere Arbeit! Sonst… ach halt, wir wollen ja nicht dem typisch hysterischen Künstlerklischee entsprechen.

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