Meine Liebe, die Arbeit: Wenn der Beruf so viel leisten muss wie unser Partner

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Er blickt mir verheißungsvoll entgegen, tief leuchtet er mir in alle meine zukünftigen Träume hinein. Er ist schön und wild, trotzdem kann er mir Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Jeden Tag könnte ich ihn sehen; er ist alles, was ich je gesucht habe – nicht nur, dass er meine besten Seiten und Talente in mir hervor bringt, er schafft es auch, mich zum Lachen und Nachdenken zu bringen. Ich kann ich selbst sein und gleichzeitig auch meine private Freiheit behalten. Jahrelang war ich auf der Suche nach ihm – nach vielen Enttäuschungen habe ich jetzt das perfekte Match: meinen neuen Arbeitsplatz.

 

Wir machen uns die Welt widdewiddewie sie uns gefällt

 

Wenn wir über unsere Zukunft reden, so angsterfüllt und voller Unsicherheiten, dann teilen wir uns eigentlich alle diese eine Gemeinsamkeit: Wir wollen alles auf einmal und das bitte so passend wie möglich. Und ja, schließlich haben wir auch genug dafür getan – eine Ausbildung gemacht oder studiert, zahlreiche unbezahlte Praktika oder Freiwilligendienste geleistet, wir waren im Ausland, haben ehrenamtlich gearbeitet, uns selbst gesucht und im besten Fall auch gefunden. Jetzt verlangen wir eine neue Arbeitswelt, in der wir keine Abstriche mehr machen möchten. Wir wollen diese Welt widdewiddewie sie uns gefällt, ohne Kompromiss und zu unseren Konditionen.

Mal abseits von überzogenen Erwartungshaltungen und Ansprüchen an unsere Mitmenschen, unterscheidet sich die Berufswahl mittlerweile nicht mehr groß von unserer Partnerwahl. Auch als ich Single war, formulierte ich pöbelnd am WG-Esstisch mit Gin Tonic im Kopf und rauchend wie ein Kamin die abstrusesten Merkmale eines potentiellen neuen Beziehungspartners. “Ich gebe meine Freiheit nur für jemanden auf, der schön ist, gefühlvoll, aber nicht depressiv, älter ist als ich, aber trotzdem noch mit mir tanzen gehen möchte, erfolgreich, aber bodenständig, lustig und ironisch, klug, aber nicht belehrend. Blablabla.” Ich fand es selbst ätzend und mir war klar, so jemanden zu finden wird damn bloody hard, das perfekte Match ist eine Utopie. Dann lief mir eine bestimmte Person einen Monat später über den Weg. Meine Ansprüche und mein Warten auf das, was sich nach “Perfektion” nach meinen eigenen Kategorien anfühlt, hat sich vielleicht gelohnt.

 

Unser Problem ist nicht die Grenze, sondern die Grenzenlosigkeit

 

Jetzt kann das ganze Spiel von vorne beginnen – nur mit meinem Beruf. In meinem Job will ich kreativ voll aufgehen, einigermaßen flexibel sein und genug Zeit und Power haben, am Abend noch ein Bier mit Freunden zu trinken. Ausreichend Geld möchte ich verdienen, ohne mich dafür tot zu buckeln. Meine Arbeit soll mich widerspiegeln und im Idealfall auch in irgendeiner Form sinnvoll sein – zumindest möchte ich niemandem damit schaden. Ich will mich nicht verbiegen müssen, sondern mich eher selbstverwirklichen – ein schreckliches Wort. Und bevor jemand schreit, ich hätte zu hohe Ansprüche – ich fungiert hier nur als Stellvertreterin einer Generation, der genau dies vorgeworfen wird. Denn wir wissen: Alles ist möglich. Alles kann im Flow sein. Was heute ist, muss morgen nicht mehr das sein, was wir wollen. Wir haben alle Optionen der Welt – online und offline. Unser Problem sei nicht die Grenze, sondern die Grenzenlosigkeit, schrieb einst die ZEIT. An Autorität glauben wir nicht mehr, wir zweifeln am System und wollen es so, wie es uns ins Leben passt. Bei vorgegeben Strukturen fragen wir uns:  Warum soll es so sein wie es ist? Warum müssen wir ein System ungefragt übernehmen?

 

Wir sind mehr als ein homogener Haufen Y-ner

 

Das Fazit unserer Aufschreie ist oft, dass man uns unterstellt, wir wären selbstzentrierte Narzissten. Aufopferung für die Familie oder absolutes Commitment für den Job wollen wir  – anders als zum Beispiel unsere Väter – nicht mehr geben. Dabei ist das unterm Strich nicht richtig. Wir geben sehr viel, meisten sogar etwas zu viel. Das Paradoxe an dieser Situation ist ja, dass sich auch bei der Negation von diesen Dingen wieder Partner- und Berufswahl ähneln. Man sagt uns, wir seien beziehungsunfähig und wollen unser Privatleben nicht mehr dem Job oder Status opfern. Egoisten seien wir. Dabei ist es nicht so einfach! Erstens sind wir kein homogener Strudel an Kopien des selben vermeintlichen Individuums. Zweitens sind wir per se überhaupt nicht unfähig, eine gute Beziehung zu führen – wir wollen einfach nur genau die Beziehung, die uns erfüllt. Nicht so wie die Generationen vor uns, die wegen Schwangerschaft, Geld oder Ansehen geheiratet haben. Wenn wir den richtigen Menschen an unserer Seite verzeichnen, dann geben wir viel, wenn nicht sogar alles.

 

Unterscheidung von Privat- und Arbeitsleben ist oft nicht mehr möglich

 

Das gleiche gilt für den Job: Haben wir den Beruf, der uns vollends glücklich macht, dann nehmen wir ihn wahrlich am ersten Abend mit in die Kiste. Unsere E-Mails beantworten wir noch nach 24 Uhr oder auch früh morgens, wenn wir eigentlich noch im Bett liegen. Wir denken oft nach Feierabend noch an den Job. Auch am Wochenende sind wir erreichbar für den Vorgesetzten und Mitarbeiter. Unsere Kollegen treffen wir nicht selten auch privat, wenn unser Chef ein cooler Hund ist, dann erzählen wir ihm auch gerne, was gerade in unserem Leben so passiert. Die Grenzen zwischen Berufs- und Arbeitsleben verschwimmen zusehends; vielleicht finden wir es auch deshalb vollkommen in Ordnung, während der Arbeitszeit private Nachrichten zu beantworten und auf sozialen Netzwerken abzuhängen – denn für den Chef sind wir ja auch immer erreichbar, auch wenn wir zuhause sind.

Vielleicht wollen wir zuviel von Beruf und Partner, vielleicht erwarten wir die Freiheit der Welt und Straßen aus Zucker. Aber vielleicht steht es uns auch zu.

 

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Bildquelle: Kelly Austin via Unsplash unter cc0 Lizenz

Autorin: Worte sind mein liebstes Spielzeug, schon seit ich denken kann. Vielleicht möchte ich auch deshalb meine Gedanken-Tube auf dem virtuellen Blatt immer wieder leer drücken, um meine Worte von allen Seiten zu betrachten und mit schönen Adjektiven zu versehen.