Wieso man immer will, was man nicht haben kann

Wieso man will Phänomen

Am schlimmsten ist es abends. Wenn die Straßen müde werden und die Zweifler wach. Wenn der Tag hinter einem liegt, die schwitzende U-Bahn mich ausspuckt und mich auf einmal mir selbst und der Illusion von Freiheit überlässt. Dann gibt es nämlich meistens zwei Möglichkeiten: Entweder man hat noch was vor, geht zum Sport oder was trinken, wirft sich mit Freunden in den nächsten Club oder strandet gemeinsam an der Pommesbude. Oder man beschließt, einfach nur vor dem Fernseher rumzuhängen und den Gedanken nach.

 

Wonach du sehnlich ausgeschaut / Es wurde dir beschieden

 

Man hat sich den ganzen Tag zwischen Stress und Rolltreppen auf diesen Moment gefreut. Aber meistens ist es doch so: Geht man noch weg, fragt man sich, wieso man sich eigentlich in ein gesellschaftsfähiges Outfit zwängen sollte, wenn man auch vor dem Fernseher liegen bleiben könnte – ungeschminkt und in Jogginghose mit fressverträglichem Bund. Hat man nichts mehr vor, ist man nach zwei Gramm Entspanntheit plötzlich feiermotiviert wie nie und versinkt irgendwann in Selbstmitleid und einer großen Schüssel Popcorn ob seiner erbärmlichen Langweiligkeit. Es ist selbstdestruktiv, es ist irrational-kopflos und hoffnungslos bescheuert, aber so sind wir Menschen: Wir wollen immer das, was wir gerade nicht haben.

 

Du triumphierst und jubelst laut: / Jetzt hab ich endlich Frieden!

 

Ich glaube an eine gewisse Unzufriedenheit, an gefühlte Lücken, an laut pochende Wünsche und stummes Sehnen. Es ist eine schöne, beinahe utopische Vorstellung, dass man einmal tatsächlich an dem Punkt sein könnte, an dem man sagt, jetzt habe ich fertig, ich bin wunschlos glücklich. Vor allem aber ist es ziemlich uninspirierend und doch auch irgendwie traurig, nichts mehr zu wollen.Es ist biologisch in unseren Genen verankert, dass wir immer nach mehr streben. Entwicklung entsteht aus Optimierungsdrang. Partielle Unzufriedenheit ist also die Grundbedingung für Fortschritt – und Fortschritt ist erst mal gut. Denn dafür gibt es eine Richtung, und die drängt, so wie es unserer Natur entspricht: vorwärts.

 

Ach, Freundchen, rede nicht so wild, / Bezähme deine Zunge!

 

Aber es ist dieses perversierte Streben, dass es gar nicht unbedingt „besser“ oder „mehr“ oder „neuer“ sein muss, was wir wollen, sondern nur anders als jetzt gerade, das einen zur Verzweiflung bringt. Dieses Paradox, nicht zu sehen, was man hat, und zu wollen, was man nicht mehr haben kann. Das macht mich fertig. Hat man keine Locken, wünscht man sich welche, hat man welche, verbringt man zwei Stunden am Tag damit, sie durchs Glätteisen zu ziehen. Singles schielen neidisch auf all die glücklichen Paare, die immer jemanden an ihrer Seite haben, die wiederum können von den Storys der unbeschwerten Singles nicht genug kriegen und denken manchmal wehmütig an die Partys, die Abenteuer, die Freiheit. Abends will ich alles machen, um die Häuser ziehen, langweilige Dokumentationen auf ARTE schauen oder Rührei, alles außer schlafen. Morgens ist mein Bett der schönste Ort der Welt.Es sieht aus so, als könnten, oder wollten wir nie ganz zufrieden sein. Und damit das auch klappt, tricksen wir uns selber aus und gaukeln uns vor, eigentlich genau das zu wollen, was in dem Moment unerreichbar scheint. Das klingt raffiniert – und saudämlich.

 

Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, / Kriegt augenblicklich Junge.

 

Wilhelm Busch, der alte Phrasenschmeichler, konnte natürlich schon ein Jahrhundert vorher ausdrücken, was wir jetzt fühlen, es liest sich wie dreihundertzwanzig gutefragte.net-Hilferufe eingekocht in Poesiekompott: „Wonach du sehnlich ausgeschaut / Es wurde dir beschieden. / Du triumphierst und jubelst laut: / Jetzt hab ich endlich Frieden! Ach, Freundchen, rede nicht so wild, / Bezähme deine Zunge! / Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, / Kriegt augenblicklich Junge.“Und diese Jungen, das sind eben auch alte Dinge, die in der Vergangenheit liegen und die man erst zu schätzen weiß, seit sie nicht mehr da sind. Aus Entfernung glitzert auch Metall wie Gold.

 

Wir treffen nicht gerne Entscheidungen

 

Zehn Minuten Probeliegen auf der digitalen Therapeuten-Couch reichen, um zu erkennen, dass dieses Problem viele quält. Es sind immer dieselben Hilferufe: Wen ich haben kann, will ich nicht, wer begehrenswert scheint, ist gleichzeitig unerreichbar, hab ich heute, will ich gestern, hab ich gestern, will ich morgen, bin immer auf der Suche, keine Ahnung wonach, und wieso verdammt noch mal habe ich eigentlich immer noch glatte Haare?! Nach zehn weiteren Minuten dämmert die wenig befriedigende Erkenntnis: Es ist weder ganz klar, woher diese Gefühlspendelei kommt, noch wie man sie stoppen kann.

Also sind wir weiter eigentlich glücklich und doch partiell unzufrieden. Schreien Yolo, genieße den Moment, und wünschen uns trotzdem manchmal, es könnte wieder so sein wie gestern, oder schon so wie morgen oder einfach nur anders als jetzt. Ein gordischer Knoten. Man könnte das chronische Unzufriedenheit nennen – oder das tägliche Streben nach Glück. Man muss sich einfach immer wieder sagen, was ich jetzt habe, habe ich mir mal gewünscht oder werde es wieder wollen. Vielleicht ist die Straße zum Glück einfach keine Gerade. Sondern ein fünfspuriger Kreisverkehr.

 

Folge ZEITjUNG auf Facebook, Twitter und Instagram!

Bildquelle: Brooke Cagle unter CC 0 Lizenz